Zentralverband des
Deutschen Handwerks
01.04.2021

„Die Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung sind grenzenlos“

Über die Sehnsucht des Menschen nach sinnvoller Arbeit und die Auswirkungen einer handwerklichen Berufsausbildung auf Körper und Geist. Ein Gespräch mit dem Anthropologen und Kunsthandwerker Prof. Trevor Marchand.

Prof. Trevor Marchand, Sie sind studierter Architekt und haben lange als Anthropologe in Großbritannien gelehrt. Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie eine Lehre in England als Möbeltischler absolviert. Was würden Sie jungen Leuten sagen, wenn diese heutzutage lieber eine handwerkliche Berufsausbildung an Stelle eines entsprechenden Studiums machen wollten?

Ich würde sagen: Folgt Eurem Herzen! Allerdings muss einem klar sein, dass ein Handwerk nicht unbedingt der leichteste Weg ist. Es erfordert Engagement, Ausdauer und den festen Glauben an das eigene Können, Dinge zu erschaffen und zu reparieren. Die grundlegenden handwerklichen Fähigkeiten kann man in wenigen Ausbildungsjahren erlernen. Aber der Weg zu wahrer Kompetenz und Meisterschaft ist eine lebenslange Reise. Es ist ein kontinuierliches Lernen. Die Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung sind schier grenzenlos. Handwerk erfordert von Natur aus, neugierig zu sein. Handwerk verbindet Kompetenzen und Wissen verschiedener Disziplinen. Das Design und die Herstellung von Objekten, die sowohl funktional als auch ästhetisch sind, erfordern Kenntnisse aus der Mathematik und Geometrie, verbunden mit ein wenig Chemie und Physik sowie Kenntnissen der Materialwissenschaften und des Ingenieurwesens. Handwerker müssen auch die menschliche Anatomie und Ergonomie berücksichtigen, wenn sie überlegen, wie Hände und Körper mit den von ihnen produzierten Gegenständen interagieren. Hinzu kommt ein soziologisches Verständnis, um den sich ändernden Geschmack der Kunden nachvollziehen zu können. Und natürlich ein Bewusstsein für die Umwelt und Ökologie. Nicht zuletzt: Wer erfolgreich einen Handwerksbetrieb führen will, muss sich mit Betriebswirtschaft, Buchhaltung und Marketing auskennen. Und: Für eine Karriere im Handwerk braucht es auch Geduld. Im Mittelpunkt aller Aktivitäten im Handwerk steht das Lösen von Problemen. Da heißt es, aus Fehlern zu lernen und Herausforderungen als Chancen zu verstehen, um die eigenen Leistungen und Produkte auf die Märkte und in die Welt zu tragen.
 

Bei der Arbeit mit den eigenen Händen spüren viele unmittelbar die positive Energie auf den Geist. Wie kommt es, dass sich trotzdem die Vorurteile gegenüber Handwerkerinnen und Handwerkern und einer handwerklichen Berufsausbildung so hartnäckig halten?

In der Tat gibt es diesen Widerspruch: Viele Handwerkerinnen und Handwerker, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sprechen von einem Gefühl, ihre Mitte gefunden zu haben. Und davon, dass sich ein allgemeines Wohlbefinden bei ihnen einstellt, wenn sie ihrem Handwerk nachgehen. Und dennoch erzählt man sich in europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften immer noch das Märchen, dass Handwerk sei eine geistlose Tätigkeit und die handwerkliche Berufsausbildung sei für akademisch Minderbegabte gedacht. Diese Denkweise entspringt zwei Glaubenssätzen: Der erste lautet, dass Körper und Geist voneinander getrennt sind. Der geht auf den Philosophen René Descartes aus dem 17. Jahrhundert zurück, hat seine Anfänge aber schon in den Schriften antiker griechischer Philosophen. Der zweite Glaubenssatz trennt die Kultur von der Natur. Infolgedessen wird angenommen, dass die Arbeit des Geistes Ideen, Theorien und Denkkonstrukte hervorbringt, die nachhaltig das Fundament der „Kultur“ bilden, während die Arbeit mit den Händen nur vergängliche Gebrauchsgegenstände hervorbringt. Handgefertigte, funktionale Objekte werden gemeinhin der Natur zu- und damit automatisch der „höheren Kultur“ untergeordnet.
 

Und was kann man gegen dieses Vorurteil tun?

Um gleiche Voraussetzungen zu schaffen, die die Arbeit des Geistes mit der des Körpers verbinden, müssen wir unsere Definition und unser Verständnis von „Intelligenz“ radikal ändern. Forschungen in Anthropologie, Erziehungswissenschaft, Philosophie, Neurowissenschaften und anderen Disziplinen zeigen tatsächlich die nicht zu trennende Verbindung von Körper und Geist. Diese akademischen Erkenntnisse über den „intelligenten Körper“ müssen weiter verbreitet werden, wenn sich die eigenen Einstellungen, die Medienberichterstattung, die Politik und vor allem der Lehrplan für die Schulklassen wirklich ändern sollen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man schon im Kindergarten praktische Problemlösung beibringen sollte. Das Zerlegen und wieder Zusammenbauen von Gegenständen, der Entwurf und die Herstellung sowie das Experimentieren sollten wesentliche Bestandteile unserer Bildung sein, die Körper und Geist gleichermaßen fordern und fördern.
 

Ihr neuestes Buch trägt den Titel „The Pursuit of Pleasurable Work: Craftwork in 21st century England“, zu Deutsch: „Das Streben nach Erfüllung und Freude bringender Arbeit: Handwerk in England des 21. Jahrhunderts“. Ein kurzer Blick ins Buch oder für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Mein Ziel ist zum einen, generell die Wertschätzung für die Geschicklichkeit, Kreativität und Intelligenz zu erhöhen, die das Herzstück des Handwerks bilden. Zum anderen will ich mit dem Buch zeigen, „Handwerk“ macht Selbstverwirklichung und Wohlergehen möglich. „The Pursuit of Pleasurable Work“ ist ein Buch über die Suche nach einer besseren Lebensweise und eine leidenschaftliche Antwort auf den entmenschlichenden Trend der „Dequalifizierung“ in der Schule und am Arbeitsplatz. Das Buch enthält lebendige und wissenschaftliche Berichte über individuelle und gemeinsame Lernerfahrungen, Erfolge, Zukunftserwartungen und über die Herausforderungen, die den tiefen menschlichen Wunsch offenbaren, mit unseren Händen Dinge zu erschaffen, über die anhaltende Sehnsucht nach sinnvoller Arbeit und über den Kampf, diesen Traum zu verwirklichen. Das Buch richtet sich auch an anthropologisch und soziologisch Interessierte, die in der Ausbildung tätig sind. Meine Argumente richten sich in erster Linie an Entscheidungsträger, die notwendigen Änderungen an den Lehrplänen vorzunehmen, aber auch an Eltern, die die Weltsichten und Berufswahlentscheidungen ihrer Kinder beeinflussen.

Sie haben Feldforschung im Lehmbau in Nordnigeria betrieben, eine Zeit lang als Auszubildender im Lehmbauerhandwerk in Mali und als Minarett-Bauer im Jemen gearbeitet. Was haben Sie dabei über das Lernen gelernt? Welche Lehren haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen für die Berufsausbildung von Handwerkern in Europa?

Richtig gut lernt man in der Gruppe: In der Interaktion lassen sich Optionen durchsprechen und Ideen entwickeln. Im Handwerk gibt es selten, wenn überhaupt, nur eine einzige Lösung für ein Problem oder nur den einen richtigen Weg. Erfolgreiche Lernumgebungen sind solche, die Auszubildende dazu bringen, über ihre derzeitigen Fähigkeiten hinaus zu denken und zu handeln. Ich würde Schülerinnen und Schüler immer dazu anhalten, mit Materialien und Werkzeugen zu experimentieren und Fehler bewusst zuzulassen, um daraus zu lernen und neue Chancen wahrzunehmen. Dadurch gewinnen die Auszubildenden an Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein, um alle Aufgabenstellungen mit dem nötigen Fachwissen und dem Mut zur Improvisation eigenständig anzugehen. Im Jemen und in Mali war die Baustelle der „Schulungsraum“. Dadurch lernten die Auszubildenden nicht nur das Bauen, sondern auch das Arbeiten in Projekten, indem sie regelmäßig die Kommunikation und Verhandlungen zwischen ihren Vorgesetzten und Handwerkskollegen, Materiallieferanten, der Stadtverwaltung und den Kunden miterlebten.
In der Holzbearbeitungswerkstatt am College in London mussten sich die Teilnehmenden, bei denen theoretische und allgemeinbildende Kenntnisse erwartet wurden, weniger mit den realen Problemen am Arbeitsplatz befassen, hatten dafür aber sehr viel mehr Zeit, sich intensiv mit ihren Werkzeugen auseinanderzusetzen, was ein schnelleres Einarbeitungstempo als im Jemen oder in Mali ermöglicht. Allerdings bedeutet es für die Absolventen solcher institutionellen Handwerkerprogramme, dass sie sich – um selbstständig zu werden -zunächst eine Anstellung bei einem Unternehmen suchen mussten, um die für eine solche Selbstständigkeit erforderlichen Kompetenzen zu erlangen.

Englische Version des Interviews

  • Interview English Trevor Marchand