Zentralverband des
Deutschen Handwerks
27.08.2020

Der Brexit als Deglobalisierungsexperiment

Die bevorstehende wirtschaftliche Spaltung zwischen Großbritannien und der EU ist vor dem Hintergrund der Pandemie zu einem Experiment der raschen Deglobalisierung geworden.

Die bevorstehende wirtschaftliche Spaltung zwischen Großbritannien und der EU ist vor dem Hintergrund der Pandemie zu einem Experiment der raschen Deglobalisierung geworden. Im Sinne einer protektionistischen Politik will Großbritannien die Bindungen seiner wichtigsten Handelsbeziehungen teilweise auflösen, um Geschäfte mit anderen Nationen, einschließlich den USA, abzuschließen.

Die Brexit-Verhandlungen haben sich bisher als schwierig erwiesen, da beide Seiten versuchen, Druck aufzubauen. Die britische Regierung besteht auf einem Grundsatzabkommen, das unabhängig ist von den von Brüssel diktierten Regeln, um eine freiere Hand zur Kontrolle der Innenpolitik zu haben. Bei einem solchen Abkommen wird der Dienstleistungssektor keinen nahtlosen Zugang mehr zu EU-Kunden haben. Dafür wird es zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Zollkontrollen für Waren geben. Britische Unternehmen, die in die EU importieren und exportieren, müssen nach Angaben der Regierung jedes Jahr zusätzlich 215 Mio. Zollerklärungen ausfüllen.

Bis zum Herbst wollen beide Seiten eine Einigung erzielen, damit die Wirtschaft Zeit hat, sich darauf einzustellen. Beide hoffen, dass ein Abkommen die Notwendigkeit von Zöllen und Quoten im Warenhandel beseitigt. Die EU bietet ein umfassendes Handelsabkommen, mit dem Großbritannien seine Waren ohne Zölle und Mengenbegrenzung in den Binnenmarkt exportieren könnte. Im Gegenzug fordert die EU die Einhaltung der im europäischen Binnenmarkt verankerten Umwelt- und Sozialstandards, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Wird keine Einigung erzielt, treten automatisch eine Reihe von Barrieren in Kraft, von denen bilaterale Handelsströme im Wert von 800 Mrd. US-Dollar jährlich betroffen wären. Die EU betont, dass sie den Zugang zum „Handelsklub“ nicht billig verkaufen wird. Sie fordert Regelungen, die Großbritanniens Rolle als wichtiges Dienstleistungszentrum der EU oder als Einstiegspunkt für das verarbeitende Gewerbe in den Binnenmarkt schwächen. Die EU wird demzufolge flexiblen Ursprungsregeln nicht zustimmen – diese würden es Großbritannien erlauben, weltweit Materialien zu niedrigeren Kosten als die europäischen Konkurrenten einzukaufen und zollfrei in die EU zu exportieren. Auch die Freizügigkeit der Arbeitnehmer zwischen den Volkswirtschaften wird beendet. Es ist unwahrscheinlich, dass eine Reihe von beruflichen Qualifikationen, wie zum Beispiel Rechtsanwalt und Buchhalter, von der EU anerkannt werden.

Britische Firmen könnten aus den Lieferketten der EU ausgeschlossen werden, was die Produktion und die Investitionen in der Industrie belasten wird. Ein Rückgang des Dienstleistungshandels, der 2019 ganze 43 % der britischen Exporte in die EU ausmachte, und eine Abschwächung der Einwanderung von Fachkräften werden der Wirtschaft nach Einschätzung britischer Ökonomen den größten Schaden zufügen.

Quelle: Märkte der Welt Nr. 26 vom 2. Juli 2020

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