Zentralverband des
Deutschen Handwerks
15.09.2021

"Brüsseler Handwerksgespräch" mit MdEP Ferber zur Taxonomie

"Brüsseler Handwerksgespräch" mit Markus Ferber (MdEP) zum Thema „Nachhaltigkeitsberichterstattung – welche Auflagen für Handwerksbetriebe?“
Porträtfoto von Markus Ferber, MdEP

Im "Brüsseler Handwerksgespräch" hat ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke mit dem CSU-Europaabgeordneten und Finanzexperten Markus Ferber über dessen Einschätzungen und Positionen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und zur Taxonomie gesprochen sowie über die den Handwerksbetrieben dadurch drohenden möglichen Gefahren. Lesen Sie, was Markus Ferber zu diesen Themen zu sagen hat.

Schwannecke: Lieber Herr Ferber, heute geht es um das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung. Hier stellt sich die Frage: Inwiefern sind unsere Handwerksunternehmen hiervon betroffen?

Ferber: Es gibt jedenfalls eine steigende Nachfrage nach nachhaltigen Investitionen und Finanzprodukten. Da setzt die sogenannte Taxonomie an: Sie soll definieren, was ökologisch nachhaltige Investitionen sind. Klar ist: Am liebsten würde sich natürlich jeder so ein Nachhaltigkeits-Etikett anheften lassen.

Ich stehe da ganz klar auf der Seite der Pragmatiker: Wir brauchen erfüllbare Schwellenwerte, die dazu beitragen, unsere Wirtschaft nachhaltiger zu machen. Auf der anderen Seite gibt es im Europäischen Parlament und in der EU-Kommission Kräfte, die einen eher fundamentalistischen Ansatz vertreten: Möglichst alle "braunen" Unternehmen ausschließen, damit es nur noch nachhaltige Geschäftsmodelle im engsten Sinne gibt. Im Ergebnis haben Sie dann eine super Klimabilanz, aber das Unternehmen ist zu – und macht auch nicht mehr auf. Das hilft niemandem.

Wir müssen bei diesem Thema also Maß und Mitte wahren, dürfen bei den Schwellenwerten nicht überziehen und Standards müssen freiwillig bleiben. Ich greife immer gerne auf das Beispiel Supermarkt zurück: Es gibt auch noch die Bio-Theke, aber ob ich dorthin gehe, entscheide ich als Verbraucher. Es wird in Zukunft Finanzprodukte geben, die vielleicht nicht nachhaltig sind, aber trotzdem nicht böse. Die Frage ist: Lassen wir auch noch Zwischenschritte zu? Ich bin sehr dafür.

Schwannecke: Dass wir hier eine deckungsgleiche Sicht der Dinge haben, ist erfreulich. Einige der in dieser Debatte immer wieder auftauchenden Stichworte haben Sie bereits genannt: Taxonomie, Offenlegung, Berichterstattungspflichten. Welche Gefahren drohen KMU ganz konkret, wenn der Richtlinienentwurf zur Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) unverändert durch das Parlament geht?

Ferber: Formal ist die Kreditvergabe von der Taxonomie ausgenommen und das sollte meines Erachtens auch so bleiben, denn wir wollen ja gerade nicht, dass jeder Handwerksbetrieb eine Nachhaltigkeitsprüfung durchlaufen muss. Ganz grundsätzlich gilt aber natürlich auch: Ohne das Handwerk sind viele industrielle Prozesse nicht mehr vorstellbar. Sie werden das Thema nachhaltige Finanzierung deshalb also nicht komplett ignorieren können.

Es zeigt sich schon heute, dass große Investoren wie etwa Versicherer auf Druck ihrer Anteilseigner vermehrt in grüne und nachhaltige Investitionen gehen müssen. Das aber trocknet den Kapitalmarkt aus, auf den viele mittelständische Unternehmen angewiesen sind, um sich zu refinanzieren. Der Kapitalmarkt greift also brutaler ein, als es der Gesetzgeber jemals könnte.

Diesen Enthusiasmus der Märkte sehe ich aber durchaus mit Skepsis. Deswegen sehe ich auch keinen Grund, hier weiter regulatorisch nachzuhelfen. Denn wenn wir für Banken bei grünen Investitionen die Eigenkapitalanforderungen verringern, droht uns schnell eine Blasenbildung. Der Blick in die Geschichte lehrt uns aber, dass solche Blasen irgendwann platzen. Deswegen ist für mich ganz klar: Finanzmarktregulierung muss immer am Risiko orientiert sein.

Schwannecke: Zum Abschluss die Frage zur Stimmungslage im Europäischen Parlament: Gibt es Anzeichen dafür, dass wir als Handwerk dort mit unseren Forderungen durchdringen?

Ferber: Im Parlament zeichnet sich Unterstützung für den CSRD-Vorschlag ab, der auch vom französischen liberalen Berichterstatter Pascal Durand mitgetragen wird. Einige wollen sogar noch weitergehen, als es die Kommission vorgeschlagen hat. Andererseits gibt es auch für unsere Position Unterstützung, etwa bei einigen Kollegen der Konservativen und Reformer aus der EKR.

Dass die Kommission bei der CSRD viele Details der Berichterstattungspflichten mittels delegierter Rechtsakte festlegen will, vereinfacht die Lage nicht gerade. Hier hat das Parlament lediglich ein Vetorecht, kann aber keine Details anpassen. Bei der Taxonomie haben wir schon gesehen, dass das nicht ideal ist. Um es klar zu sagen: Ich will Handwerksbetriebe und KMU möglichst komplett aus der Nachhaltigkeitsberichterstattung heraushalten. Auch kapitalmarktorientierte Unternehmen sollen nur die Informationen veröffentlichen müssen, die für die Taxonomie notwendig sind. Als jemand, der früher selbst in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet hat, sage ich: Die Theorie klingt meistens gut, aber es muss auch in der Praxis umgesetzt werden können.

Schlagworte