19.08.2010

Sicherung des Bedarfs an Auszubildenden

Aktuelle Entwicklungen

Aufgrund der demografischen Entwicklung hat das Handwerk zunehmend Schwierigkeiten Nachwuchskräfte zu gewinnen und langfristig an sich zu binden. Diese Schwierigkeiten wirken sich auf einer quantitativen und einer qualitativen Weise aus.

Das quantitative Problem: Die Zahl der Schulabgänger sinkt

Die Zahl der Absolventen allgemeinbildender Schulen sinkt kontinuierlich. Der prognostizierte Tiefstand der Absolventenzahlen wird bundesweit im Jahr 2025 erreicht: [1]

Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes werden die Absolventenzahlen allgemeinbildender Schulen bundesweit von 942.000 im Jahr 2007 auf 705.000 im Jahr 2025 zurückgehen. Das entspricht einer Reduktion um rund 34 Prozent.

Das qualitative Problem: Mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger

Nicht nur die sinkenden Absolventenzahlen allgemeinbildender Schulen, sondern auch der Trend zu höheren Schulabschlüssen und eine damit verbundene höhere Studierneigung verstärkt die Schwierigkeit, Nachwuchskräfte zu finden, denn der Anteil förderbedürftiger Jugendlicher unter den Ausbildungsinteressierten nimmt damit zu. Nach Meinung von Experten [2] ist die Leistungsfähigkeit der Schulabgänger bzw. Lehrstellenbewerber in den letzten 15 Jahren gesunken. Dies gilt insbesondere für das durch die Schulen vermittelte Wissen. Mehr als 80 Prozent der Experten sind davon überzeugt, dass die schriftliche Ausdrucksfähigkeit, die Beherrschung der deutschen Rechtschreibung und die Fähigkeit zum einfachen Kopfrechnen nachgelassen haben. Mehr als zwei Drittel meinen, dass dies auch für die Konzentrationsfähigkeit, Beherrschung der Grundrechenarten, geometrische Grundkenntnisse, Durchhaltevermögen, Sorgfalt und Höflichkeit gilt.

Das Passungsproblem: Schulabgänger interessieren sich nicht für einen Teil der angebotenen Lehrstellen

Obwohl einerseits ein wachsender Anteil der angebotenen betrieblichen Lehrstellen nicht besetzt werden konnte, nimmt andererseits die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Ausbildungsbewerber, die bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz erfolglos bleiben, zu. So hat sich die Quote der unbesetzten Ausbildungsangebote der Gesamtwirtschaft von 2009 bis 2013 um 3 Prozent auf 6,2 Prozent erhöht. Im Handwerk blieben sogar 7,5 Prozent der Lehrstellen frei. Die Abweichungen zwischen angebotenen Ausbildungsstellen und Ausbildungsnachfrage schwanken zudem erheblich zwischen einzelnen Regionen und Berufen.

Was ist zu tun?

Stärkung der Ausbildungsreife der Jugendlichen

  • Jeder Jugendliche sollte zumindest über einen Hauptschulabschluss verfügen. Das Handwerk fordert die Bundesregierung auf, konsequent das selbstgesteckte Ziel zu verfolgen, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss bis zum Jahr 2012 zu halbieren und den Anteil der sogenannten Risikoschüler mit Schwächen in den Kernkompetenzen spürbar zu senken.
  • Der Bildungspolitik muss dafür ein ganzheitlicher Bildungsansatz zugrunde liegen, der sich im Sinne zusammenhängender Bildungsketten von der Vorschule und Schule über die berufliche Aus- und Weiterbildung bis in die Hochschule erstreckt, die Familien- und Bildungspolitik verzahnt und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für eine Bildungsrepublik Deutschland betont.
  • Eine fundierte und ergebnisoffene Berufs- und Studienorientierung nimmt angesichts des veränderten Bildungsverhaltens zunehmend an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund muss Schülern aller allgemeinbildenden Schulen die Breite der dualen Ausbildungsberufe vorgestellt und die Entwicklungsmöglichkeiten der beruflichen Bildung nahegebracht werden.

Nutzung und Qualifizierung bislang nicht ausgeschöpften Nachwuchspotenzials

Im Zuge der demografischen Entwicklung rücken bisher ungenutzte Nachwuchspotenziale in den Fokus der Betriebe. Dazu gehören insbesondere junge Menschen mit Migrationshintergrund, Mädchen, leistungsstarke Schulabgänger und Studienaussteiger. Vor diesem Hintergrund soll die Zielgruppen für eine handwerkliche Ausbildung möglichst in der Breite erschlossen werden und durch eine Weiterentwicklung des Berufslaufbahnkonzepts adäquate Aus- und Weiterbildungsangebote erhalten.

Leistungsstarke Schüler für das Handwerk gewinnen

Leistungsstarke Schüler interessieren sich nicht vorrangig für eine Ausbildung im Handwerk. Unter ihnen sind "white collar"-Berufe höher im Kurs. Um die Attraktivität der beruflichen Bildung für diesen Kreis zu steigern, muss die Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit der Bildungssysteme erhöht werden. Das Handwerk setzt sich im Rahmen der Konzeption und Einführung des Deutschen Qualifikationsrahmens dafür ein. Berufliche Bildung muss anschlussfähige Karrierewege im Rahmen der Aus- und Weiterbildung aufzeigen, um auch leistungsstarken Jugendlichen eine interessante Perspektive im Handwerk zu bieten und den Führungskräftenachwuchs zu sichern. Zudem ist die Durchlässigkeit zwischen den Bildungssystemen zu verbessern, um Entwicklungsmöglichkeiten zu erlauben und ggf. Fehlentscheidungen zu korrigieren. Der Ausbau des Berufslaufbahnkonzepts leistet einen wesentlichen Beitrag zur Transparenz.

Ausbildungsbeteiligung von Migranten ausbauen

Menschen mit Migrationshintergrund sind ein ganz wesentliches Fachkräftereservoir für das Handwerk. Welches Potenzial hier schlummert, verdeutlichen die Zahlen: Jeder fünfte Einwohner hat heute einen Migrationshintergrund. Bei den unter 6-Jährigen ist es bereits jedes dritte Kind. Sie verlassen die Schule doppelt so häufig ohne Abschluss (11,4%) wie ihre deutschen Altersgenossen (4,9%) und münden erheblich seltener in eine berufliche Ausbildung (37% der Ausländer, 53% der Deutschen). 41 Prozent der 25- bis 35-Jährigen haben keinen beruflichen Abschluss, ein Teil darunter besucht noch die berufliche Schule oder Hochschule.

Mit 6,6 Prozent der Lehrlinge hat das Handwerk - nach den freien Berufen - den zweithöchsten Anteil an ausländischen Auszubildenden in der Wirtschaft. Der Anteil der ausländischen Auszubildenden ist nach dem Tiefstand im Jahr 2005 in den vergangenen Jahren wieder angestiegen. Um die Ausbildungsbeteiligung der ausländischen Jugendlichen weiter zu erhöhen, sind (weitere) zielgruppenspezifische Angebote zur Berufsinformation und -orientierung, zur Ausbildungsberatung, -vermittlung und -begleitung notwendig. Das Handwerk setzt hier auf die enge Zusammenarbeit mit Schulen, Migrantenorganisationen und ausländischen Unternehmensvertretern. Ein besonderes Augenmerk gilt der Elternarbeit. Viele Eltern mit Zuwanderungsgeschichte kennen die duale Ausbildung nicht aus eigenem Erleben. Das System von praktischem und theoretischem Lernen sowie die Vielfalt der Berufe sind ihnen oft fremd. Als wichtigste Berater ihrer Kinder haben sie einen berechtigten zusätzlichen Informationsbedarf.

Integration in Ausbildung ist die Voraussetzung für berufliche Perspektiven, ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe. Sie beugt Arbeitslosigkeit vor und sichert den Fachkräftebedarf der Zukunft. Durch ihre Arbeitsmarktnähe leistet die duale Ausbildung dabei einen besonderen Beitrag.

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[1] BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014.

[2] Bettina Ehrenthal, Verena Eberhard, Joachim Gerd Ulrich: Ergebnisse des BIBB-Experten-Monitors Ausbildungsreife. Bundesinstitut für Berufsbildung, September/Oktober 2005.