09.08.2017

"Brüsseler Handwerksgespräch" mit Dr. Sabine Hepperle (BMWi) zur KMU-Politik

Dr. Sabine Hepperle. Quelle: Bundeswirtschaftsministerium.

In Deutschland gibt es 3,6 Mio. mittelständische Unternehmen. Angesichts dieser Zahl: Wie bewerten Sie die Lage der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland?

Die Stimmung bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ist derzeit nach neuesten Befragungen sehr gut: Die Geschäftserwartungen und Lageurteile haben sich weiter kräftig verbessert und die Firmen erwarten, dass sich die aktuelle Topsituation noch weiter verbessern wird. Wir haben in den letzten Jahren auch viel für Mittelständler in Deutschland getan. So haben wir die Unternehmen z.B. durch die beiden Bürokratieentlastungsgesetze sowie die Modernisierung des Vergaberechts um mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr entlastet. Ein echter, spürbarer Erfolg ist auch die vorgesehene Anhebung der Abschreibungsschwelle für geringwertige Wirtschaftsgüter von 410 Euro auf 800 Euro, für die wir uns seit vielen Jahren stark gemacht haben. Das alles ist aber kein Anlass, sich auszuruhen. Die sich verändernden Rahmenbedingungen durch Globalisierung und Digitalisierung sowie der Fachkräftemangel sind z.B. Themen, die bei uns hoch oben auf der Agenda stehen.

In der Nachfolge des Small Business Act (SBA) von 2008 wurde jetzt in Lissabon das Europäische KMU-Aktionsprogramm ("European SME-Action Programme") verabschiedet. Wie stellen Sie sicher, dass die Anliegen von KMU noch besser sichtbar gemacht werden, sie also weiterhin Vorfahrt haben, wie es schon im SBA hieß?

Das Europäische KMU-Aktionsprogramm wurde von uns initiiert und ist ein Gemeinschaftswerk der SME Envoys, einem Netzwerk aus nationalen KMU-Botschaftern sowie Vertretern von KMU-Verbänden. Durch das Aktionsprogramm wollen wir das Bewusstsein für die Anliegen der KMU in Europa stärken und neue Impulse für die europäische KMU-Politik setzen. Damit soll auch der zuletzt 2011 überarbeitete Small Business Act ergänzt und weiterentwickelt werden. Das Programm wurde kürzlich an die für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU zuständige Kommissarin, Elżbieta Bieńkowska, in Brüssel übergeben. Neben der Verbreitung des Programms innerhalb der Kommission und im EU-Parlament ist zudem geplant, dass sich der Wettbewerbsfähigkeitsrat noch in diesem Jahr damit befasst. Ein Punkt, der die deutsche Politik noch immer umtreibt, ist die Forderung nach mehr Gründungen.

Sind Sie zufrieden mit der Zahl der - gerade auch von Frauen und Einwanderern - neu gegründeten Unternehmen?

Die Gründerszene in Deutschland ist lebendig und vielfältig. Vor allem in Berlin, Hamburg, München und weiteren Zentren geben Startups wichtige Impulse für Innovationen und entwickeln neue Geschäftsmodelle. Erfreulich ist auch, dass die Gründerszene internationaler wird. Die Zahl der jungen Unternehmerinnen und Unternehmer mit ausländischen Wurzeln ist in den zurückliegenden zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen. Aber wir müssen feststellen, dass die gute wirtschaftliche Entwicklung und die Rekordbeschäftigung in Deutschland auch ein Grund dafür ist, dass die Gründungsdynamik seit Jahren auf der Stelle tritt. Das wollen wir gerne ändern. Wir unterstützen daher alle Gründerinnen und Gründer sowie Startups mit zahlreichen Maßnahmen und Förderprogrammen. Und damit die Selbstständigenquote von Frauen steigt, haben wir z.B. die Initiative "FRAUEN unternehmen" ins Leben gerufen: Über 100 Vorbild-Unternehmerinnen werben deutschlandweit für mehr Gründerinnengeist.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Fallstricke für KMU?

Jedes kleine Unternehmen steht natürlich vor eigenen Herausforderungen. Im europäischen KMU-Aktionsprogramm identifizieren wir aber sechs große Themenbereiche, die für die Unternehmen unterschiedlich relevant sind: Bessere Rechtsetzung, Zugang zu Märkten, Zugang zu Finanzierungen, Unternehmertum, Fachkräftesicherung und Digitalisierung. Klar ist: Neben dem Bürokratieabbau ist die Digitalisierung das Thema, das uns aktuell besonders beschäftigt. Während manche Unternehmen hier Vorreiter sind, gibt es immer noch eine Vielzahl von Unternehmen, die sich mit Digitalem bisher nicht oder kaum beschäftigt haben. Gerade für diese Unternehmen bieten wir gute Informationsmöglichkeiten an, für das Handwerk zum Beispiel durch das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk mit seinen vier "Schaufenstern" in Oldenburg, Dresden, Bayreuth und Koblenz. Ein wichtiger Teil der Meisterprüfung beinhaltet die Ausbildung zum Unternehmer.

Was kann Europa tun, damit mehr Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen?

Die Meisterprüfung im Handwerk bereitet sehr gut auf den Schritt in die Selbstständigkeit vor. Unabhängig davon sollte eine grundlegende unternehmerische Bildung aus meiner Sicht schon möglichst früh ansetzen. Hierauf sollten wir in Europa und Deutschland noch stärker unsere Aufmerksamkeit richten. Wir müssen den Unternehmergeist schon in der Schule wecken. Ich halte es auch für sehr wichtig, dass wir ein positives Unternehmerbild in der Öffentlichkeit vermitteln. Dabei kann z.B. helfen, wenn Unternehmerinnen und Unternehmer Praktikumsplätze zur Verfügung stellen oder Vorträge in Schulen halten. Zudem müssen wir potentiellen Gründerinnen und Gründern die Angst vor dem unternehmerischen Scheitern nehmen.