Zentralverband des
Deutschen Handwerks
08.01.2021

„Halt schaffen“

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke spricht im Mitgliedermagazin von Bündnis 90/Die Grünen über die Rolle des Handwerks bei der Energiewende.
Portraitfoto von Holger Schwannecke im Gespräch in seinem Büro im Haus des Deutschen Handwerks in Berlin

Ohne Handwerk keine Energiewende: Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, sprach mit Hanna Henigin für das Magazin der Grünen über die Rolle seiner Zunft bei der sozial-ökologischen Transformation – und wo das Handwerk noch mehr Unterstützung von den Grünen braucht:

Vielfalt ist im Alltag selten bewusst

Gesellschaft und Wirtschaft, Tradition und Zukunft, Bewährtes und Innovatives: All das vereint das Handwerk. Die Vielfalt der Lebensbereiche, in denen Handwerker*innen tätig sind, ist uns im Alltag selten bewusst. Das Brötchen zum Frühstück, die Brille und das Hörgerät, die uns das Leben erleichtern, die Heizung und der Kühlschrank, die zuverlässig funktionieren, das neu gebaute Haus und die sanierten Straßen – Handwerk ist all das, was unser Leben ausmacht, was wir aber oft nicht mehr richtig wertschätzen, weil wir es als selbstverständlich hinnehmen.

Dabei denken Handwerker*innen schon immer über das Tagwerk hinaus. Wir geben unser Wissen und Können generationenübergreifend weiter, wir stärken und entwickeln den ländlichen Raum, wir gehen sorgsam mit Ressourcen um und besinnen uns darauf, Haushaltsgeräte, Schuhe, Fahrräder zu reparieren, zu warten und zu pflegen. All das sind Beispiele dafür, wie Handwerker*innen täglich und nachhaltig an einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft mitwirken – und zugleich das Neue auf die Straße bringen.

Akademische Brille öfter absetzen

Jeder fünfte Handwerksbetrieb ist in der Klima- und Energietechnologie tätig. Das reicht vom energieeffizienten Dach mit klimafreundlicher Photovoltaik-Anlage, über nachhaltiges Bauen mit Recycling-Baustoffen, Holz und Lehm bis hin zur E-Mobilität. Dass die Grünen die Bedeutung des Handwerks in ihrem Grundsatzprogramm verankert haben, ist für uns daher ein wichtiges Signal. Wir wünschen uns von der Partei aber auch den Mut, die akademische Brille öfter abzusetzen. Um die großen Zukunftsaufgaben zu lösen, brauchen wir Bedingungen, die ökologisch wie ökonomisch Sinn machen und die praktisch umsetzbar sind. Am Beispiel Elektroschrott wird das klar: Gebrauchte Elektrogeräte dürfen auch in Geschäften zurückgegeben werden, wo sie gar nicht gekauft wurden. In der Praxis sieht das oft so aus: Der Kunde erwirbt das Gerät bei einem der großen Onlineversandhändler, gibt es dann aber beim Elektrofachgeschäft um die Ecke zurück, der es lagern, entsorgen und das Ganze dokumentieren muss.

Gezielte Beratung durch Umweltzentren

Gleichzeitig haben wir stark Energie verbrauchende Unternehmen wie Bäckereien, Tischlereien oder Metallbetriebe. Hier arbeiten die Umweltzentren in den Handwerkskammern intensiv daran, die Energieeffizienz und den Ressourcenverbrauch durch gezielte Beratung zu verbessern. Dabei hilft auch das digitale Energiebuch, ein praktisches Controlling-Instrument, das nächstes Jahr zudem als App erscheinen wird: Damit können die 1.250 Betriebe, die bereits Kontakt zum Energiebuch hatten, mit geringem Aufwand etwa Energiekosten erfassen oder ihre CO2-Emissionen auswerten. So können sie beispielsweise sehen, ob sich die Umrüstung auf LED-Beleuchtung wirklich gelohnt hat.

Um unserer ökologischen Verantwortung nachzukommen, müssen die für das Handwerk typischen, kleinen Betriebe mit ihren speziellen Strukturen und Abläufen noch stärker in den Fokus rücken. Denn sie tragen die Lasten aus politischen Entscheidungen, die nur industrielle Abläufe und Massengeschäfte im Blick haben, wie etwa bei der Lebensmittel-Kennzeichnung: Die Dokumentationspflicht für Inhaltsstoffe ist auf industrielle Massenproduktion zugeschnitten, führt aber bei einer Bäckerei mit sechs Beschäftigten zu unglaublichem Frust. Hier - wie auf vielen anderen Feldern - wünschen wir uns weniger Bürokratie und damit faire Wettbewerbsbedingungen.

Soziale Kosten gerecht verteilen

Damit geht für uns auch eine Neubewertung beim Thema Sozialversicherungsbeiträge einher. Das Handwerk lebt von seinen Mitarbeitern und ihrem Know-how. Zwölf Prozent aller Erwerbstätigen und 28 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland sind im Handwerk tätig. Als beschäftigungsintensive Branche bekommen wir den Druck bei den Sozialabgaben besonders zu spüren. Hier müssen wir überlegen, wie wir diese sozialen Kosten zukünftig gerecht verteilen wollen. Spürbare Entlastung wünschen wir uns auch bei unserem Leib- und Magen-Thema Bildung. Unsere Meister*innen engagieren sich jedes Jahr, um ihr Wissen an rund 369.000 Lehrlinge weiterzugeben und damit die Fachkräfte von morgen auszubilden. Allerdings verabschieden sich immer mehr Kleinstbetriebe aus dieser Aufgabe, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Wir sind jedoch auf gute Fachkräfte angewiesen. Deshalb ist unser Ansatz, akademische und berufliche Ausbildung als gleichwertig anzusehen und zu fördern. Student*innen können sich bis zum Alter von 25 in der Familie kostenfrei mitversichern. Das möchten wir auch für unsere Auszubildenden. Und es wäre ein schöner Beitrag zur Wertschätzung des beruflichen Ausbildungswegs, der immer noch ein Schattendasein führt. Wir brauchen den Meister genauso wie den Master.

Und nicht zuletzt müssen wir bei den tiefgreifenden Transformationsprozessen auch die mitnehmen, die sich mit Veränderung schwertun. Bei den Menschen in den Kohle-Regionen etwa sehe ich viel Unsicherheit. Das müssen wir ernst nehmen. Veränderung schafft nicht nur Halt, wie es im Grundsatzprogramm heißt, Veränderung braucht auch Halt. Das gilt insbesondere für die Übergangszeit, in der wir uns befinden. Diesen Halt sollten wir gemeinsam schaffen.

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