30.04.2019

"Wir fordern eine verpflichtende Berufsorientierung"

In einem Statement für die Bild am Sonntag spricht ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke über die Ursachen für den Fachkräftemangel im Handwerk und fordert die Politik auf, endlich zu handeln.

Auszüge aus dem Statements sind am 28. April 2019 erschienen.

"2014 kam die Rente mit 63, durch die bis heute hunderttausende Fachkräfte früher in Rente gingen und den Betrieben fehlen. Das alles hat den enormen Fachkräftebedarf befördert, mit dem wir uns heute konfrontiert sehen. Das alles auch noch finanziert von den Beiträgen der Betriebe und der Beschäftigen."

"Politik und Gesellschaft müssen berufliche und akademische Ausbildung wieder als gleichwertige Wege in ein erfolgreiches Berufsleben anerkennen und fördern. Denn mit Akademikern allein werden wir die Zukunft unseres Landes nicht bauen können. Da müssen wir möglichst frühzeitig gegensteuern. Zur Bildungswende muss zum Beispiel gehören, Jugendliche frühzeitig an das Handwerk heranzuführen und sie über die Karriere- und Verdienstmöglichkeiten aufzuklären. Wir fordern eine verpflichtende Berufsorientierung. Außerdem muss der Werkunterricht zum festen Bestandteil des Stunden- und Lehrplans werden, insbesondere auch an Gymnasien. Damit bekommen Jugendliche ein Gespür für handwerkliches Arbeiten.  

Eltern und Lehrkräfte an weiterführenden Schulen, die Jugendliche bei der Berufswahl maßgeblich beeinflussen, kennen leider kaum aktuelle Berufsbilder. Da spielen häufig veraltete Vorstellungen eine große Rolle. Die hohe Modernität handwerklicher Berufe ist vielen nicht bewusst – der hohe Anteil digitaler Techniken, die internationalen Möglichkeiten, menschliche Nähe.  

Damit sich die öffentliche Wahrnehmung wandelt und junge Menschen vorurteilsfrei einen Beruf wählen, der wirklich zu ihren Talenten und Interessen passt, sind wir selbst aktiv. Handwerkskammern und Innungen kooperieren in den Regionen mit Schulen im Rahmen der Berufsorientierung. Dafür stellen Verbände vielfältige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung. Ausbildungsbotschafter der Handwerkskammern informieren in Schulklassen über die Berufe im Handwerk und beraten sie über WhatsApp. Die Bildungsberater der Handwerkskammern kooperieren mit Hochschulen und beraten Studienaussteiger. Das trägt Früchte: Inzwischen ist zum vierten Mal in Folge die Zahl neuer Ausbildungsverträge gestiegen – trotz sinkender Schulabgängerzahlen und des Trends zum Abitur. Zudem ist der Abiturientenanteil unter unseren Azubis in den letzten Jahren gestiegen und beträgt mittlerweile rund 13 Prozent.  

Das reicht aber noch nicht. Der ZDH fordert schon seit Jahren, akademische und berufliche Bildung wieder als gleichwertige Wege ins Berufsleben zu behandeln - auch finanziell. Ein Studium ist in der Regel kostenlos. Hier werden entsprechend Steuermittel bereitgestellt. Unsere angehenden Fachwirte, Meister oder Betriebswirte hingegen müssen einen Teil der Kosten selbst aufbringen. Da kommen schnell einige Tausend Euro zusammen. Das muss sich dringend ändern."