27.04.2020

Erhalt eines leistungsfähigen Ausbildungssystems und der Bildungsinfrastruktur essenziell nötig für Nachkrisen-Wirtschaftsentwicklung

Foto: ZDH/Boris Trenkel

Die diesjährige Frühjahrskonferenz der Spitzenvertreter des Deutschen Handwerkskammertages (DHKT) fand am Montag, 27. April 2020, per Videokonferenz in Berlin unter dem Eindruck eines von den Corona-Beschränkungen stark betroffenen Handwerks statt. Im Mittelpunkt des Austausches der Handwerks-Spitzenvertreter stand, welche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wiederhochfahren der handwerklichen Betätigung nötig sind.

Die Handwerks-Spitzenvertreter brachten ihren Respekt für die bisher getroffenen politischen Entscheidungen von Bund und Ländern zur Bewältigung der Corona-Krise zum Ausdruck. Politik, Verwaltung und Handwerk sei es gelungen, in einem gewaltigen Kraftakt wichtige Maßnahmen zügig, entschlossen und sachgerecht auf den Weg zu bringen wie etwa verbürgte Liquiditätshilfen oder nicht zurückzahlbare Zuschüsse, Kurzarbeitergeld, Steuer- und Beitragsstundungen. Die jüngsten Beschlüsse von Bund und Ländern zur schrittweisen Lockerung der Corona-Beschränkungen zeichneten sich durch eine gute Balance von Gesundheitsschutz und Wirtschaftserfordernissen aus, hinterlassen aber auch deutliche Baustellen. Die Spitzenvertreter der Handwerkskammern erwarten nun von der Politik darauf aufbauende Beschlüsse.

„Wir dürfen jetzt nicht stehen bleiben. Für ein erfolgreiches Wiederhochfahren brauchen wir einen breit angelegten Masterplan. Der muss Betrieben und Menschen Perspektiven und Handlungsoptionen und damit die Möglichkeit geben, sich entsprechend auf den Neustart vorzubereiten“, betonte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Ein solcher Masterplan müsse aufzeigen, wie schrittweise mit weiteren Maßnahmen fortgefahren werde. Damit sich die Betriebe darauf einstellen könnten, bräuchten sie bundesweit einheitliche und transparente Regelungen wie auch Verfahren für den Wiedereinstieg. „Viele unserer Betriebe leiden seit Wochen unter massiven Umsatzeinbrüchen, die bereits jetzt ihre Existenz gefährden. Die Liquidität der Betriebe muss unbedingt weiter so abgesichert werden, dass sie die akute Krisenphase überstehen können. Alle Betriebe müssen gleichermaßen  - branchenunabhängig und diskriminierungsfrei - die Chance erhalten, den Wiedereinstieg nach der Krise gut zu meistern“, sagte der ZDH-Generalsekretär.

Zwingend notwendig für den Neustart ist etwa, dass den Betrieben ausreichend Schutzausrüstung - wie Schutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln – zur Verfügung steht. Zudem müssen unverzichtbare Dienstleistungen und Infrastrukturen sichergestellt werden und Behörden und Ämter schnellstmöglich in einen geregelten Arbeitsmodus zurückfinden. Die auch in nächster Zeit absehbar weiter notwendigen Unterstützungsinstrumente müssen mit einem Belastungsmoratorium und mit Konjunkturimpulsen auch über verstärkte Aufträge der Öffentlichen Hand verzahnt werden.

Strukturen der beruflichen Aus-, Fort- Weiterbildung absichern

Unerlässlich und zentral für eine künftig gute Wirtschaftsentwicklung ist aus Sicht der DHKT-Spitzenvertreter die Fachkräftesicherung über Ausbildung. Daher sei es von entscheidender Bedeutung, die Ausbildungsleistung der Betriebe zu erhalten und eine leistungsfähige Bildungsinfrastruktur zu sichern.

„Es muss unbedingt vermieden werden, dass Betriebe, die von der Krise massiv betroffen sind, ihre Ausbildungsleistung einschränken oder sogar ganz einstellen müssen. Derzeit geben Handwerksbetriebe ihr Bestes, sich in einer betrieblich schwierigen Situation für ihre Azubis und deren Qualifizierung einzusetzen. Wir müssen dieses Engagement unbedingt sichern. Das Handwerk, aber auch die deutsche Wirtschaft insgesamt brauchen die Ausbildungsleistung unserer Betriebe. Primäres Ziel muss es sein, die bestehenden Ausbildungsverhältnisse zu stabilisieren und die Nachwuchsgewinnung nicht zum Erliegen kommen zu lassen. Dafür sollten die Ausbildungsbetriebe durch Kostenentlastungen, Fördermaßnahmen oder einen Ausbildungszuschuss unterstützt werden. Allen Beteiligten muss klar sein, dass jeder Azubi, der jetzt und zukünftig nicht mehr ausgebildet werden kann, den Fachkräftemangel massiv verschärfen wird“, sagte der ZDH-Generalsekretär. Die Allianz für Aus- und Weiterbildung, die alle wesentlichen politischen Akteure im Bereich der beruflichen Bildung vereint, sei aufgerufen, sich dieser Themen zeitnah anzunehmen und rasch gemeinsam tragfähige Antworten zu entwickeln.

Mit Blick auf die zukünftige Fachkräftesicherung sei es zudem unerlässlich, dass die bewährte Bildungsstätten-Infrastruktur im Handwerk die Krise unbeschadet übersteht. Wegen der Corona-Beschränkungen mussten bundesweit bislang fast 12.000 Lehrgänge und Kurse ausfallen, Prüfungen mussten verschoben werden. Und auch der in Kürze wieder beginnende Lehrbetrieb werde aufgrund des notwendigen Gesundheitsschutzes nur sehr eingeschränkt erfolgen können. „Wegen der aktuell immer noch anhaltenden Aussetzung von Lehrgängen leiden viele Einrichtungen unter erheblichen Einnahmeausfällen, während gleichzeitig die Kosten für den Betrieb und den Unterhalt der Gebäude sowie für das Personal weiterlaufen. Dies führt mit zunehmender Dauer zu erheblichen Liquiditätsengpässen und zur finanziellen Schieflage von Bildungszentren. Die bestehende berufliche Bildungsstätten-Infrastruktur ist derzeit massiv gefährdet und damit auch der nahtlose Übergang in ein geregeltes Ausbildungswesen nach der Krise. Für das Handwerk wie die deutsche Wirtschaft insgesamt ist es essenziell, dass diese Bildungsstätten-Infrastruktur durch die Corona-Krise keinen Schaden nimmt“, betont ZDH-Generalsekretär Schwannecke.

Bund und Länder müssten daher die handwerklichen Einrichtungen der beruflichen Bildung finanziell unterstützen und absichern. Für die Zeit der verordneten Schließung und des staatlich regulierten Anlaufens sollten entsprechend die Kosten der Bildungseinrichtungen, die nicht durch Kurzarbeitergeld oder andere Leistungen wie die Kostenübernahme von arbeitsmarktpolitischen Leistungen durch die Bundesagentur für Arbeit gedeckt werden können, durch Zuschüsse ersetzt werden. „Nur so kann erreicht werden, dass unsere Bildungszentren, die für die berufliche Bildungsinfrastruktur unverzichtbar sind, nach der Krise genauso stabil agieren können wie zuvor. Die gesamten Lehrkörper und Mitarbeiter werden dringend gebraucht, wenn es darum geht, den geregelten Betrieb nach der Krise wieder aufzunehmen. Angesichts des bereits bestehenden Mangels an Ausbildern müssen Entlassungen unbedingt vermieden werden. Die Hilfsmaßnahmen im Zuge der Corona-Krise müssen dringend auf Einrichtungen der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung erweitert werden“, fordert Schwannecke.

In den über 600 beruflichen Bildungszentren der Handwerksorganisationen werden unter normalen Umständen jährlich Hunderttausende Auszubildende unterwiesen, Fachkräfte fortgebildet und Prüfungen durchgeführt. Die Bildungszentren sind der wesentliche Kern der praktischen beruflichen Bildungsinfrastruktur Deutschlands und auch ein wichtiger Arbeitgeber in den Regionen. Mit dieser leistungsstarken Infrastruktur leistet das Handwerk einen wesentlichen Beitrag zur Fachkräftesicherung in Deutschland und das weit über das Handwerk hinaus.

Die Hauptgeschäftsführer des Deutschen Handwerkskammertages (DHKT) treffen sich zweimal im Jahr, um sich über aktuelle handwerkspolitische Fragen auszutauschen. Angesichts der Corona-Krise fand die traditionelle Frühjahrskonferenz erstmalig als Videokonferenz statt.