09.01.2017

Zeit für einen Berufsbildungspakt

Ein Programm für die berufliche Bildung, vergleichbar dem Hochschulpakt, fordert ZDH-Präsident Wollseifer in der Rheinischen Post.

Das Handwerk hatte über Jahrzehnte den sprichwörtlichen goldenen Boden, auch weil intelligente und gebildete Menschen in diesen Berufen arbeiten. Können Sie die noch ausreichend anlocken?
Wollseifer:
Wir sind auf qualifizierte Leute mehr denn je angewiesen, da unsere Berufe immer anspruchsvoller werden. Der ZDH macht der Politik Dampf, damit die Berufsbildung mehr gefördert wird. Sie ist genauso wie die akademische Bildung die Basis der künftigen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in Deutschland.

Haben Sie als Handwerk denn genug Bildungsmöglichkeiten zu bieten, dass die leistungsstarken Leute zu Ihnen kommen?
Wollseifer:
Die Zahl der Abiturienten in Ausbildung steigt. Das reicht aber nicht. Wir brauchen jetzt einen Berufsbildungspakt. Einen Hochschulpakt mit Investitionen von 22 Milliarden Euro in Hochschulen und Lehre hat der Bund ja bereits aufgelegt. Dabei hat er da nicht die gesetzliche Zuständigkeit. Für die berufliche Bildung hat der Bund sehr wohl die Zuständigkeit – investiert aber nur in sehr geringem Umfang. Die Wirtschaft hingegen investiert jedes Jahr in die betriebliche Ausbildung etwa 25 Milliarden Euro und in die berufliche Weiterbildung noch einmal 33 Milliarden. Nur mit einem dem Hochschulpakt gleichwertigen Programm für die berufliche Bildung können wir auch eine gleichwertige Attraktivität der Bildungsgänge erreichen.

Wie viel Geld müsste der Bund nach Ihrer Vorstellung für die berufliche Bildung in die Hand nehmen?
Wollseifer:
Ziel muss es sein, in Schritten die Gleichwertigkeit zu erreichen. Gerade angesichts der Digitalisierung müssen unsere Bildungsstätten entsprechend ausgestattet werden. Als Alternative zum Studium müssen wir den Jugendlichen ausgezeichnete berufliche Bildungschancen anbieten können.

Sie fordern eine Art Exzellenz-Initiative fürs Handwerk?
Wollseifer:
Ganz genau. Wir brauchen auch in der beruflichen Bildung eine Exzellenz-Initiative. Viele Bildungsstätten im Handwerk sind bereits Kompetenzzentren und haben das Zeug für Exzellenz-Bildungsstätten. Parallel wollen wir mit flächendeckender Berufsorientierung an Gymnasien mehr junge Menschen für das Handwerk gewinnen.

Wie soll das gelingen?
Wollseifer:
An Gymnasien darf nicht nur für die akademische Laufbahn geworben werden. Die Karrierechancen in der beruflichen Bildung müssen Lehrern, Eltern und Schülern deutlicher gemacht werden. Dieser Teil des Bildungspaktes kostet kein Geld – ist aber entscheidend, da zuletzt 58 Prozent eines Jahrgangs an die Uni strebten.

Wie steht es um ihre Pläne für das Berufsabitur - Lehre mit Abi?
Wollseifer:
Damit starten wir zum Schuljahr 2017/18 zunächst in sechs Bundesländern. Innerhalb von vier Jahren können die Jugendlichen auf diesem Weg eine Ausbildung machen und zugleich das Abitur erwerben. Wir wollen neue Bildungsmarken setzen – nach Gesellen- und Meisterbrief, dem dualen und trialen Studium jetzt das Berufsabitur. Weitere Pläne werden wir 2017 Bund und Ländern vorlegen.

Wie entwickelt sich derzeit die Zahl der Fachkräfte im Handwerk - haben Sie noch genug Gesellen und Meister oder wird es künftig auf dem Land ähnlich schwer einen Klempner zu finden wie einen Facharzt?
Wollseifer:
Die Betriebe haben volle Auftragsbücher. Was ihnen fehlt, sind die Fachkräfte. Das Problem ist, dass wir seit Jahren rund 20.000 Ausbildungsplätze pro Jahr nicht besetzen können. Leider werden immer mehr Jugendliche an die Unis gelockt und merken erst in überfüllten Hörsälen, dass das gar nicht ihr Ding ist.

Machen Sie genug Werbung für sich?
Wollseifer:
Unsere Imagekampagne ist bei den Jugendlichen erfolgreich. Aber Sie haben recht, wir müssen vor allem leistungsorientierten jungen Frauen und Männern noch mehr vermitteln, dass das Handwerk hervorragende arbeitsmarktorientierte Karrierechancen bietet - für Spezialisten, Führungskräfte und Unternehmer. Bei Meistern liegt die Arbeitslosenquote bei nur zwei Prozent. Das ist noch niedriger als bei Akademikern.

Ist denn Handwerker-Mangel auf dem Land ein Problem der Zukunft?
Wollseifer:
Fachkräftemangel ist in Zukunft nicht nur ein Problem des Handwerks. Daher werben wir ja für eine Bildungsumkehr. Auf dem Land ist der Mangel zuerst zu spüren. Da sind wir seit Jahren schon aktiv gemeinsam mit Bauernverband, Handel und regionalen Kräften, um Ausbildung und Beschäftigung zu erhalten. Das ist der Dreh- und Angelpunkt, um den Fortzug junger Menschen zu stoppen.

 

Interview: Eva Quadbeck