01.12.2017

ZDH-Generalsekretär Schwannecke mahnt die Parteien, ihrer Verantwortung gerecht zu werden

Foto: ZDH/Schüring

Im Interview mit der Landeszeitung Lüneburg spricht ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke über energetische Sanierungen, die Abschaffung des Soli und warum IT-Kenntisse für das Handwerk immer wichtiger werden.

Die Konjunktur trotzt bisher allen Herausforderungen aus der Politik. Wie sehr wird die Stimmung im Handwerk durch die Berliner Hängepartie getrübt?

Alle Parteien sollten sich daran erinnern, dass sie eine gesamtstaatliche Verantwortung haben. Vor dem Hintergrund dieser Verantwortung sollte es möglich werden, parteipolitische Interessen hintenan zu stellen und tragfähige Kompromisse zum Wohle unseres Landes zu schließen. Denn nicht nur in Deutschland erwarten die Bürger Stabilität. Auch unsere europäischen Nachbarn schauen auf uns. Dieser Verantwortung werden die Parteien gerade nicht gerecht. Für die deutsche Wirtschaft und die Betriebe ist diese Hängepartie jedenfalls Gift. Die Betriebe wissen nicht, was auf sie zukommt und stellen Investitionen und Personalaufbau zurück. Ein neues Regierungsbündnis sollte aber - nur um es in jedem Fall zustande zu bringen - keinesfalls den Preis haben, den zukünftigen Generationen noch mehr Schulden aufzubürden. Sozialpolitische Verteilungs- und Wohltatenpolitik ist fehl am Platz.

Welche Erwartungen haben die Handwerker an die neue Regierung? Bei den Jamaika-Sondierungen gab es doch gute Ansätze, etwa im Bereich energetische Sanierung oder Selbstständigen-Altersgeld.

Und diese sollten jetzt keinesfalls wieder in der Schublade verschwinden. Gerade die Regelung der steuerlichen Förderung bei energetischen Sanierungen von Wohnhäusern liegt seit Jahren auf Halde und es ist längst überfällig, dass man sich darauf verständigt. Denn ohne ein Ankurbeln des Sanierungsgeschehens werden die ambitionierten Klimaziele gar nicht zu erreichen sein. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten werden Hausbesitzer Investitionsprojekte zweimal überlegen. Steuerliche Anreize sind hier ein sinnvoller Auslöser. Auch die Altersvorsorgepflicht für Selbstständige mit Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher Rentenversicherung und privater Vorsorge sollte nicht von der politischen Agenda fallen, wenn das Problem einer mangelnden Absicherung von Selbstständigen nicht einfach in die Zukunft verlagert werden soll. Auf die künftige Regierung warten weitere dringliche Aufgaben, etwa bei den Themen Digitalisierung, bei der demografischen Entwicklung und deren Folgen, beim Fachkräftemangel und beim Ausbau der Infrastruktur. Ungelöst ist auch das Problem der unfairen Verteilung der Kosten für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Auch im Bereich der Sozialabgaben sind weitere Belastungen das letzte, was unsere Betriebe brauchen.

Bedauern Sie den Rückzug der FDP, deren Steuerpläne dem Handwerk doch zusagen müssten?

Wichtig ist das Ergebnis - eine belastbare, entscheidungs- und handlungsfähige Regierung. Um Deutschland zukunftsfähig zu machen, braucht es gestalterische Entscheidungen. Die FDP hat die Gelegenheit zur aktiven Regierungsarbeit für sich nicht wahrgenommen und einen anderen Weg gewählt. Schuldzuweisungen sind jetzt aber nicht hilfreich. Steuerpolitisch richtig für die künftige Regierung bleiben zwei Kernanliegen des Handwerks: Der Abbau der kalten Progression und die Abschaffung des Solidaritätszuschlages. Das Geld dafür, mittlere und kleinere Einkommen zu entlasten, ist jedenfalls da.

Wie stark beutelt der Fachkräftemangel das Handwerk? Und wo? Müssen Sie sich fehlende Ausbildung in der Vergangenheit vorwerfen lassen?

Der Fachkräftemangel macht sich in allen Bereichen bemerkbar. Inzwischen haben 40 Prozent der Betriebe Probleme, offene Stellen zu besetzen. Das betrifft besonders Lebensmittelhandwerke wie die Fleischer oder Bäcker, aber auch Bauberufe im Hochbau oder bei Sanitär, Heizung, Klima. An fehlender Ausbildung in der Vergangenheit liegt das nicht - unsere Betriebe haben schon immer stärker als andere Wirtschaftsbereiche ausgebildet. Aber anders als noch vor einem Jahrzehnt gibt es jetzt immer weniger Schulabgänger. Umso wichtiger wird es, die jungen Menschen frühzeitig und ganzheitlich über alle beruflichen Möglichkeiten aufzuklären, eben auch über die im Handwerk. Konkret bedeutet das, sie nicht nur in Richtung Abitur und Studium zu schicken, sondern ihnen die Attraktivität einer beruflichen Bildung aufzuzeigen. Daran müssen alle arbeiten, auch die Politik.

IT-Kräfte werden quer durch alle Branchen gesucht. Kann das Handwerk da mithalten?

IT-Kenntnisse werden auch im Handwerk immer wichtiger. Unsere Betriebe sind in der Digitalisierung angekommen und integrieren sie in ihre Arbeitsprozesse und Betriebsmodelle. Wir unterstützen sie mit bundesweit fünf Kompetenzzentren. Was das Handwerk für IT-Kräfte interessant macht, ist die Möglichkeit, sich in einem meist familiären und von Natur aus innovationsfreundlichen Umfeld einzubringen und zu verwirklichen.

Die Hoffnungen, dass unter den Flüchtlingen massenhaft Hochqualifizierte sind, haben sich zerschlagen. In München können bspw. 17 Prozent als Fachkräfte, etwa Gesellen eingesetzt werden. Setzen Sie auf gezielte Zuwanderungssteuerung?

Das sind zwei voneinander unabhängige Bereiche. Zum einen geht es darum, die Menschen, die bei uns Asyl und Schutz suchen, bei der beruflichen Integration zu unterstützen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche und langfristige Aufgabe, Flüchtlingen die Voraussetzungen für eine Teilnahme an unserem gesellschaftlichen Leben zu schaffen. Hier bringt sich das Handwerk engagiert ein. Auf diese Weise lässt sich unser Fachkräfteproblem als solches aber nicht lösen. Zum anderen geht es deshalb um eine gesteuerte und am Arbeitsmarkt orientierte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte, die wir brauchen. Hier hat man bislang zu sehr die gut ausgebildeten Akademiker in den Blick genommen. Ein neues Einwanderungsgesetz muss den Fokus auf beruflich Qualifizierte legen und bestehende komplizierte Regelungen zusammenfassen und verständlicher machen.

Kann das Handwerk die vielen Ungelernten gebrauchen? Finden Sie unter den Flüchtlingen passende Bewerber für Lehrstellen? Decken sich die Berufswünsche der Zugewanderten mit den Mangelberufen?

Das fällt sehr unterschiedlich aus. Manche bringen ihrerseits Kenntnisse und Qualifikationen in bestimmten Berufen mit, anderen muss man den Wert einer beruflichen Ausbildung erst einmal vermitteln. Man darf nicht vergessen, dass viele, die zu uns gekommen sind, den Druck spüren, schnell Geld verdienen zu wollen, um etwa Schulden abzuzahlen oder ihre Familien daheim zu unterstützen. Gebrauchen können wir jeden im Handwerk, auch die, bei denen wir erst die Voraussetzungen schaffen müssen. Die höchste Hürde dabei sind jedoch nicht fehlende fachliche Kenntnisse, sondern zunächst die sprachlichen Fähigkeiten. Sprachkenntnisse sind unerlässlich, um in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Hier wünschen wir uns mehr Unterstützungsangebote für die Betroffenen.

Weitgehend Einigkeit herrscht in der Politik über die Notwendigkeit, an Grundschulen und Gymnasien nachbessern zu müssen. Fallen die Berufsschulen dabei hintenüber?

Klar ist, dass wir die berufliche Bildung wieder attraktiver für junge Menschen machen müssen, wenn wir wirtschaftlich weiter wettbewerbsfähig sein wollen. Denn eine gut laufende Volkswirtschaft braucht ein breites, leistungsstarkes Facharbeiterfundament. Dazu gehört es auch, Jugendlichen an den Bildungsstätten eine Top-Ausbildung gewährleisten zu können. Lange hat sich die Politik mit dem Hochschulpakt auf die sekundäre Ausbildung konzentriert und diese nach vorne gebracht - die Berufsschulen blieben währenddessen auf der Strecke zurück. Das ist nicht die Art von Gleichwertigkeit, die wir den jungen Menschen vermitteln wollen. Wir brauchen einen Berufsbildungspakt, der die Bildungsstätten des Handwerks stärkt, die die überbetriebliche Ausbildung und Weiterbildung sichern, ebenso wie die Berufsschulen. Wenn die jungen Menschen auf den derzeitigen Markt optimal vorbereitet sein sollen, muss sich das in der Ausstattung der Bildungsstätten widerspiegeln. Dafür braucht es Geld.

Studenten können mit Glück 100 Prozent ihrer Kosten durch das BaföG decken, angehende Handwerksmeister nicht. Muss da nachgebessert werden?

Es ist eine klare Benachteiligung, wenn jemand seinen Meister nicht machen kann, weil ihm die finanziellen Mittel fehlen, man andererseits jedoch Studenten diese Hürde aus dem Weg räumt, indem man sie entsprechend finanziell unterstützt. Auch hier gilt: Wenn wir von Gleichwertigkeit der Ausbildungswege sprechen, dann darf diese nicht an der Geldbörse enden. Den Meister muss sich jeder leisten können. 100 Prozent Kostenerstattung wären angemessen, damit nicht nur jeder in Deutschland studieren, sondern auch jeder, der möchte, Meister werden kann.

Ist der Meisterbrief nur ein mittelalterliches Relikt oder der Qualitätsgarant?

Meisterhaftes Können fällt nie aus der Zeit. Als Qualitätssiegel bleibt der Meisterbrief im Handwerk das Maß aller Dinge. Er steht für Verbrauchersicherheit, höchste Ansprüche und für die Verlässlichkeit einer Dienstleistung. Er steht darüber hinaus in entscheidender Weise für die deutsche Ausbildungsleistung. 95 Prozent aller Auszubildenden im Handwerk werden in Meisterbetrieben ausgebildet. Ohne Meisterbrief kein Know-how in der Zukunft.

Erwarten Sie weitere Vorstöße der EU, den Meisterzwang abzuschaffen?

Derzeit hören wir wenig, aber der letzte Angriff ist noch nicht lange her. Mit Unterstützung der deutschen Politik haben wir Brüssel im Sommer gezeigt, dass der Meisterbrief nicht zur Disposition steht. Die gefundenen Kompromisse sichern ab, dass der Meisterbrief in den derzeit 41 Handwerksberufen erhalten bleibt. Der nächste Schritt wird nun sein, dass diese Kompromisse noch vom Europaparlament bestätigt werden. Wir behalten das im Auge.

Das Interview führte Joachim Zießler und erschien am 1. Dezember 2017 in der Landeszeitung Lüneburg.