03.01.2018

„Wir wollen die Betriebe sensibilisieren“

Das Handwerk will den vielen Kleinbetrieben in der Branche Leitplanken bieten. Im Interview mit der FAZ spricht Jörg Hagedorn, Leiter der Abteilung Soziale Sicherung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks über die betriebliche Altersvorsorge, das Betriebsrentenstärkungsgesetz und wo der ZDH weiteren Handlungsbedarf sieht.

Herr Hagedorn, das Betriebsrentenstärkungsgesetz ist erkennbar auf Kleinbetriebe zugeschnitten, wie es sie im Handwerk häufig gibt. Wie wird es wirken?
Das Gesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung und kann zu einer spürbaren weiteren Ausweitung der betrieblichen Altersvorsorge im Handwerk beitragen. So kann der neu eingeführte Geringverdienerzuschuss - etwa im Bereich der Teilzeitbeschäftigten - zu mehr betrieblicher Altersvorsorge führen. Und die geänderte Regelung zur Anrechnung einer Betriebsrente auf die Grundsicherung im Alter greift eine Befürchtung mancher Arbeitnehmer auf: Im Fall des Abrutschens im Rentenalter in die Grundsicherung bestand aufgrund der bisherigen Anrechnungsregelung die Gefahr, dann die betriebliche Altersvorsorge wieder zu verlieren. Dadurch ist der Eindruck entstanden, dass sich Altersvorsorge nicht lohnt. Das ändert sich ab 2018. Der dritte wichtige Punkt des Betriebsrentenstärkungsgesetzes ist die Anhebung des steuerfreien Höchstbetrages, allerdings ist das vor allem für Besserverdiener interessant.

Was hielt kleine Handwerksbetriebe bislang davon ab, eine betriebliche Altersversorgung aufzubauen?
Die betriebliche Altersvorsorge ist sehr komplex. So gibt es fünf verschiedene Durchführungswege mit unterschiedlichen steuer-, arbeits- und sozialrechtlichen Regeln. Für kleine Betriebe ist es häufig viel zu kompliziert, diese ohne großen Aufwand umzusetzen. Hinzu kommt, dass im Niedrigzinsumfeld das Interesse der Arbeitnehmer an der Entgeltumwandlung zurückgegangen ist, weil sie keine Aussichten auf vernünftige Renditen mehr sehen.

Ein Kernbestandteil der Reform ist das Garantieverbot für tarifvertraglich vereinbarte Zielrentenmodelle. Hilft das, Betriebsrenten attraktiver zu machen?
Es ist einerseits nachvollziehbar, dass der Gesetzgeber auf dieses Instrument setzt, aber andererseits erhöht es weiter die Komplexität des Systems.

Kann dieses Modell denn höhere Renditen bewirken und damit das Interesse an der Entgeltumwandung zurückbringen?
Es ist im Prinzip ein richtiger Ansatz. Doch es bleibt abzuwarten, wie es angenommen wird.

Mit dem Zielrentenmodell soll eine Kapitalanlage zu größerem Anteil in Aktien möglich sein. Was ist von dem wachsenden Risiko zu halten?
Den höheren Risiken stehen auf der anderen Seite auch größere Renditechancen gegenüber. Die Sorge vor den größeren Risiken könnte allerdings in der Praxis ein Hinderungsgrund sein, solche Vereinbarungen zwischen den Sozialpartnern zu schließen. Deshalb könnte eine Überlegung sein,  zumindest in der Rentenphase das Garantieverbot aufzuheben. Es gibt jedoch noch keine Erfahrungswerte, deswegen ist das schwer zu ermessen.

Wie wird ein 30-Personen-Betrieb über so schwierige Fragen entscheiden?
Ein Handwerksbetrieb hat im Durchschnitt 5-8 Mitarbeiter, also deutlich weniger als 30. Gerade für diese Betriebe sind Beratung und Leitplanken, wie sie Tarifverträge bieten, wichtig. Da die betriebliche Altersvorsorge so komplex ist, haben sich die meisten Handwerksbetriebe für die externen Durchführungswege Direktversicherung und Pensionskasse entschieden.

Welche Erwartungen knüpft das Handwerk an die Reform?
Wir hoffen, dass die Betriebe und ihre Mitarbeiter noch mehr für das Thema sensibilisiert werden. Wir vom Zentralverband des Deutschen Handwerks haben aktuell u. a. einen praxisorientierten Flyer erstellt, der vor allem für kleine Betriebe alle relevanten Informationen zu dem Thema enthält. Zudem können sich die Betriebe bei unseren brancheneigenen Versorgungswerken informieren. Dort können sie auch an kostengünstige Gruppenverträge herankommen.

Sehen Sie nach Inkrafttreten des Gesetzes weiteren Handlungsbedarf?
Die betriebliche Altersvorsorge ist immer noch sehr komplex. Es wäre wünschenswert, sie zu vereinfachen.

Welchen Wunsch haben Sie an die Betriebe?
Ich erhoffe mir eine weitere Verbreitung der betrieblichen Altersvorsorge gerade in kleinen Betrieben.  Denn die betriebliche Altersvorsorge ist auch ein gutes und günstiges Instrument, um Mitarbeiter an sich zu binden. Gerade vor dem Hintergrund der Fachkräftesicherung sollten sich das Betriebe überlegen.

Wird es im Jahr 2018 Branchenlösungen für das Handwerk geben?
Das muss das nächste Jahr zeigen, doch es ist damit zu rechnen, dass die betriebliche Altersvorsorge in den kommenden Jahren auch bei Tarifverhandlungen stärker im Fokus stehen wird.

Das Interview führte Philipp Krohn und erschien am 3. Januar 2018 in der FAZ.

 

Info-Flyer zur Betriebsrentenreform

Das "Betriebsrentenstärkungsgesetz" fördert die ergänzende Altersvorsorge ab 2018 noch stärker. Der ZDH-Flyer "Die Betriebsrentenreform" gibt einen Überblick über die Neuregelungen.