14.05.2018

"Wir sind auf alle Regionen angewiesen“

Handwerksbetriebe sind unabdingbar für wirtschaftlich erfolgreiche und sozial stabile ländliche Regionen. Wer deren drohende Verödung zumindest teilweise aufhalten will, muss sie unterstützen. Ulrike Frenkel von der Fachzeitschrift für Bauen und Modernisieren „exakt“ hat mit Holger Schwannecke, Generalsekretär beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) darüber gesprochen, welche Herausforderungen es gibt und wie die Wege in die Zukunft positiv gestaltet werden können.

 

Herr Schwannecke, warum drängt das Thema Handwerk und ländlicher Raum derzeit so sehr, dass auf der IHM in München dazu eine Diskussionsveranstaltung angesetzt wurde?

Der ländliche Raum ist Heimat hunderttausender Handwerksbetriebe, die dort teils seit Generationen verwurzelt sind. Für das Handwerk sind ländliche Räume keine Resträume, sondern Zukunftsräume. Dafür müssen allerdings die Rahmenbedingungen für Betriebsstandorte in den Regionen gesichert und die infrastrukturelle Ausstattung geschaffen werden, die die Betriebe für künftiges erfolgreiches wirtschaftliches Handeln benötigen. Wenn das nicht gelingt, sind Millionen Arbeitsplätze und wichtige Versorgungsstrukturen in den ländlichen Räumen gefährdet. Viele Menschen in ländlichen Gebieten fühlen sich bereits jetzt durch im Vergleich zu den Städten schlechtere Versorgungsstrukturen abgehängt. Um den sozialen Zusammenhalt nicht aufs Spiel zu setzen, ist es nötig, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit diesem Thema befassen.



Was wurde bei der Veranstaltung hauptsächlich besprochen?

Die Vertreter aus den Handwerksorganisationen, Kommunen, aus der Bundes- und Landespolitik und anderen Wirtschaftsverbänden haben betont, wie wichtig es ist, die Potenziale kleiner und mittlerer Unternehmen vor Ort zu aktivieren. Denn es sind genau diese Handwerksbetriebe, die zur Zukunftsfähigkeit der ländlichen Räume entscheidend beitragen können. Auch wenn die ländlichen Räume momentan zweifelsohne vor großen Herausforderungen stehen, wandten sich alle Referenten gegen Schwarzmalerei. Ein Untergang ländlicher Räume stehe nicht bevor, vielmehr könnten diese Räume mit den richtigen Weichenstellungen weiter ihr großes Innovationspotenzial entfalten. Am häufigsten wurden Verbesserungen bei der digitalen Infrastruktur, bei den Bildungseinrichtungen und der Fachkräfteversorgung angemahnt. Entscheidend werde es aber auch auf die Kreativität und Innovation der politischen und wirtschaftlichen Akteure vor Ort ankommen.


Sind die großen Städte mit ihrer Anziehungskraft und ihren Industriearbeitsplätzen stärker denn je Konkurrenz für die strukturschwachen Gebiete?

Natürlich. Ballungsräume sind Konkurrenz und Partner zugleich. In Ballungsgebieten gibt es in der Regel mehr Arbeitsplätze. Vielen Jugendlichen erscheint zudem die Lebensqualität in Städten höher. Aus diesen Gründen zieht es die Menschen in die Städte. Es ist deshalb so wichtig, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, um den ländlichen Raum als Lebensund Wirtschaftsraum mit eigenständiger Bedeutung zu bewahren: Wir müssen in Infrastrukturen und gute Rahmenbedingungen investieren, auch um zu vermeiden, dass die Ballungsräume überlastet werden.



Beim Thema Regionalpolitik in ländlichen Räumen hat man sich lange stark auf agrarbezogene Maßnahmen fixiert. Nun ist die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren gesunken. Ist dadurch die Bedeutung des Handwerks für den ländlichen Raum gestiegen?


Relativ – teils auch absolut – ist die Bedeutung des Handwerks in den meisten ländlichen Räumen durch den Rückgang der Landwirtschaft gewachsen. Der ZDH fordert die Politik auf, mit gezielten regionalpolitischen Maßnahmen die Zukunftsfähigkeit ländlicher wie städtischer Räume zu sichern. Dazu gehören unter anderem flächendeckende Anschlüsse mit Glasfaser und mobilem Internet, attraktive Gewerbeflächen und moderne und gut erreichbare Bildungseinrichtungen in der Fläche.



Nun zeigen sich ja auch die ländlichen Gebiete wirtschaftlich sehr unterschiedlich aufgestellt …

Das ist richtig. Die ländlichen Räume sind sehr unterschiedlich. Den Spreewald etwa kann man nur schwer mit dem SchwarzwaldBaar-Kreis vergleichen. Wir müssen unterscheiden zwischen ländlichen Räumen in peripheren Lagen mit teils sehr geringer Bevölkerungsdichte und wirtschaftlicher Strukturschwäche und solchen ländlichen Räumen, die hohe Wachstumsraten und geringe Arbeitslosigkeit aufweisen. Viele ländliche Räume sind eng mit erfolgreichen Verdichtungsräumen verflochten. Daher gibt es auch kein Patentrezept für alle ländlichen Räume.



Ist der Unmut über den stockenden Ausbau der digitalen Infrastruktur außerhalb der Metropolen berechtigt?

Da es immer noch weiße Flecken bei der digitalen Versorgung gibt, ist der Unmut berechtigt. Es kann nicht sein, dass Handwerker mit ihrem Datenstick erst in die Stadt fahren müssen, um eine E-Mail an ihre Kunden senden zu können. Wenn die Betriebe auf dem Land digital abgehängt sind, dann sind sie möglicherweise morgen nicht mehr existent. Der junge Meister oder die junge Meisterin wird den elterlichen Betrieb nur übernehmen, wenn sämtliche Voraussetzungen für die Umsetzung moderner Ideen gegeben sind. Dafür braucht es den Zugang zu schnellem Internet. Glasfaserkabel muss es bis in den kleinsten Ort hinein geben.



Welche Rolle spielt der demografische Wandel bei den Diskussionen über den ländlichen Raum?

Den demografischen Wandel spüren alle, der ländliche Raum aber besonders stark. Das wird aktuell deutlich beim Thema Betriebsnachfolge. Bereits 200 000 handwerkliche Betriebsinhaber – und damit jeder Fünfte – sind 60 Jahre und älter. 90 000 von ihnen haben das Renteneintrittsalter von 65 Jahren sogar schon überschritten. Um den in den nächsten Jahren anstehenden Generationswechsel zu bewältigen, benötigt das Handwerk dringend junge, engagierte und vor allem qualifizierte Nachfolger für die Betriebsleitung. Vitales Handwerk kann ländliche Räume stabilisieren.



Was muss aus Sicht des ZDH vonseiten der deutschen Regionalförderung aber auch vonseiten der EU getan werden, damit die Unternehmensstandorte in den Regionen auch in naher Zukunft gesichert werden können?

Potenziell gibt es viele Ansätze, um kleine Unternehmen bei Investitionen zu unterstützen. Häufig scheitert es aber an der Bürokratie. Das Handwerk erwartet nicht, dass seine Tätigkeiten subventioniert werden. Es geht nur darum, dass Nachteile ausgeglichen und die Unternehmen bei der Überwindung von Innovationshürden unterstützt werden.



Was droht, wenn das nicht gelingt?

Deutschland mit seiner vielfältigen Wirtschaftsstruktur und dichter Bevölkerung ist auf alle Regionen angewiesen. Wir brauchen die Flächen, die Menschen und die kulturellen Identitäten aller ländlichen Räume für unsere stark arbeitsteiligen Produktionsprozesse. Und wir dürfen bestimmte Ballungsräume nicht noch mehr überlasten. Das ist letztlich entscheidend für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land.