30.06.2017

"Wir brauchen einen Berufsbildungspakt."

Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), hat vor den Auswirkungen des Fachkräftemangels gewarnt und fordert Fördermittel auch für Ausbildungsberufe. "Fördergelder des Bundes müssen nicht nur an die Unis, sondern vergleichbar viel auch in die berufliche Bildung fließen", erklärte er im Interview mit der Passauer Neuen Presse.

Herr Wollseifer, die Konjunktur läuft derzeit hervorragend. Wie gut geht es dem Handwerk?

Wir sind hervorragend ins Jahr 2017 gestartet. Für das Gesamtjahr haben wir unsere Prognose bereits auf drei Prozent Umsatzanstieg im Handwerk erhöht.


Müssen die Kunden jetzt noch länger warten, bis der Handwerker ins Haus kommt?

Die gute konjunkturelle Lage wirkt sich leider auf die Wartezeiten aus. Handwerker wollen natürlich gerne die Wünsche ihrer Kunden bedienen, und unsere Betriebe arbeiten daher vielfach schon an ihren Kapazitätsgrenzen. Uns fehlen jedoch Fachkräfte. Deshalb kann mancher Auftrag dann nicht ganz so schnell abgearbeitet werden. Kunden müssen also zurzeit schon etwas Geduld mitbringen. Die Vorlaufzeiten am Bau liegen bei über zehn Wochen. Die Auftragsbücher sind in allen Gewerken sehr gut gefüllt.


Eigentlich ein Grund zur Freude, oder?

Dass es so gut läuft, ist sicher ein Grund zur Freude. Aber wir brauchen mehr Fachkräfte und Auszubildende im Handwerk. Wenn uns die Fachkräftesicherung nicht gelingt, dann bremst das nicht nur das Handwerk, sondern unsere gesamte Wirtschaft. Das Streben nach immer höheren Bildungsabschlüssen hat dazu geführt, dass heute rund 60 Prozent aller Jugendlichen eines Jahrgangs nach der Schule ins Studium gehen, noch vor zehn Jahren starteten so viele junge Leute eine duale Ausbildung. Wir müssen hier schnell gegensteuern.


Wie denn?

Wir werden nicht müde, Jugendliche auf die vielfältigen Berufe, auf die sicheren Perspektiven und attraktiven Karrieremöglichkeiten im Handwerk aufmerksam zu machen – etwa über unsere Kampagne #einfachmachen. Wir haben neue Bildungsangebote: Mit unserer Initiative "Höhere Berufsbildung" wollen wir das Handwerk attraktiver gestalten etwa mit dem "BerufsAbitur". Das geht mit dem neuen Schuljahr als Pilotprojekt in sechs Bundesländern an den Start. Damit lassen sich betriebliche Ausbildung und Vollabitur innerhalb von vier Jahren erreichen. Am Ende haben die Schüler sowohl das Abitur wie den Gesellenbrief in der Hand, ihnen steht der Weg an die Uni wie die Karriere im Betrieb offen. Nach vielen Jahren der Unterstützung der Hochschulen muss sich die künftige Bundesregierung in viel stärkerem Maße der Berufsbildung widmen. Wir brauchen nach dem Hochschulpakt einen Berufsbildungspakt. Fördergelder des Bundes müssen nicht nur an die Unis, sondern vergleichbar viel auch in die berufliche Bildung fließen.


Der Bundestagswahlkampf läuft. Die SPD hat ihr Steuerkonzept bereits vorgelegt, die Union will jetzt nachziehen. Worauf hofft das Handwerk?

Ich bin froh, dass die SPD von der Vermögensteuer abgerückt ist. Und wir befürworten, dass die SPD den Solidaritätszuschlag abschaffen will – allerdings dann auch bitte für alle und nicht nur für bestimmte Einkommensgruppen. Der Mittelstand darf nicht weiter belastet werden. Das SPD-Konzept würde jedoch für viele kleine und mittlere Handwerksbetriebe eine höhere Belastung bedeuten. Das würde Investitionen behindern und die Betriebe letztlich schwächen. Die im Handwerk häufigen Personengesellschaften würden nach diesem Konzept höher besteuert als Kapitalgesellschaften. Das ist absurd. Deutschland liegt schon jetzt bei Steuern und Sozialabgaben weltweit auf einer der Spitzenpositionen.


Das heißt, Sie haben nichts übrig auch für Pläne zur Stabilisierung des Rentenniveaus?

Das Rentenniveau allein sagt nichts darüber aus, wieviel Mittel Menschen im Rentenalter haben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das hängt neben der gesetzlichen Rente auch von der betrieblichen und privaten Altersvorsorge ab. Um die Rente zu sichern, können jedoch nicht immer weiter die jungen Menschen und Leistungsträger zusätzlich belastet werden. Die tragen schon jetzt die Hauptlast. Wenn weiter so verfahren wird, hat diese Generation höhere Beiträge bei einer später dennoch niedrigeren Rente zu befürchten.


Verlieren junge Menschen nicht gerade deshalb das Vertrauen in die gesetzliche Rente?

Die Rente mit 63 und die Mütterrente haben wir von Beginn an als Entscheidungen gesehen, mit denen der falsche Weg eingeschlagen wird. Dadurch wird die Rentenkasse jedes Jahr mit mehreren Milliarden Euro belastet. Wir müssen die Kosten bei der Rente aber im Griff behalten. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, beispielsweise indem wir die demografische Entwicklung berücksichtigen und das Renteneintrittsalter - wie künftig in Dänemark - an die Lebenserwartung knüpfen.


Was würde es für das Handwerk bedeuten, wenn die SPD ihre Forderung nach Rückkehr zu gleichen Krankenkassenbeiträgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer durchsetzen würde?

Damit unsere Betriebe wettbewerbsfähig bleiben, dürfen die Sozialabgaben 40 Prozent auch in Zukunft nicht überschreiten. Parität sollte nicht durch ein weiteres Draufsatteln erreicht werden. Unsere Betriebe sollen nicht mehr bezahlen müssen. Ich bin vielmehr dafür, dass die Arbeitnehmer künftig weniger Beiträge bezahlen müssen, und dass Parität auf diese Weise erreicht wird. Die vielen versicherungsfremden Leistungen der Krankenkassen sind gesamtgesellschaftlich von Nutzen und sollten deshalb von der Gesellschaft aus Steuermitteln finanziert werden. Dadurch ließen sich die Zusatzbeiträge, die bisher allein die Versicherten tragen, senken, im Idealfall sogar ganz abschaffen. So könnte man Parität einführen, ohne die Arbeitgeber zusätzlich zu belasten.


Thema Strompreise: Die Betriebe klagen über steigende Ausgaben. Sehen Sie hier Möglichkeiten für Entlastungen?

Das Problem ist, dass kleinere und mittlere Handwerksbetriebe häufig in direkter Konkurrenz zu Großbetrieben stehen, die von der EEG-Umlage befreit sind. Da müssen unsere Bäckereien für die verbrauchte Kilowattstunde teils deutlich mehr zahlen, als die umlagebefreiten Handelsketten, die Backwaren anbieten. Das verzerrt den Wettbewerb und trifft angesichts des intensiven Preiswettbewerbs viele kleine und mittlere Betriebe ins Mark. Ausnahmen sollten wirklich nur für solche Betriebe gelten, die im internationalen Wettbewerb stehen. Überhaupt sind wir dafür, die EEG-Umlage insgesamt auf den Prüfstand zu stellen und zu überlegen, teilweise oder sogar vollständig zu einer Steuerfinanzierung über den Bundeshaushalt überzugehen.


Thema Diesel: In mehreren Großstädten drohen Fahrverbote. Was bedeutet das für das Handwerk
?

Uns hat man bis Ende 2015 gesagt: Wenn Ihr mit Euren Transportern die Euro 5 Norm erfüllt, besteht kein Grund zur Sorge. Dann könnt Ihr auch in Zukunft weiter in die Innenstädte einfahren, dann sind die Emissionsgrenzwerte erfüllt. Dass das jetzt plötzlich nicht mehr gelten soll, ist ein starkes Stück. Abrupte Fahrverbote kämen einer Enteignung gleich. Handwerker können keinen Heizkessel mit dem Fahrrad zum Kunden bringen oder Baustoffe mit der U-Bahn transportieren. Um unsere Dienstleistungen erbringen zu können, müssen wir auch weiter zu unseren Kunden fahren können.


Das Interview führte Rasmus Buchsteiner und erschien am 30. Juni 2017 in der Passauer Neuen Presse.