13.03.2019

"Wir brauchen 5G an jeder Werkbank"

Foto: ZDH/Trenkel

Wie sieht die Zukunft im Handwerk aus? Dazu sprach ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer mit der Neuen Osnabrücker Zeitung kurz vor Beginn der IHM 2019 in München.

Herr Wollseifer, die Internationale Handwerksmesse in München beginnt heute – mit welcher Botschaft?
Zukunft lässt sich ohne das Handwerk nicht stemmen, und dafür ist es bestens aufgestellt. Genau das wird die Messe zeigen. Für alle gesellschaftlichen Zukunftsthemen – sei es für die Umsetzung der Energiewende, für die Bereiche Smart Home, E-Mobility oder für die Medizintechnik – ist das Handwerk ein entscheidender Stützpfeiler. Auf der IHM 2019 werden wir mit neuesten Ideen und Technologien und mit zukunftweisenden Produkt- und Betriebskonzepten aufwarten. Ich bin mir sicher: Die Aussteller werden das Messepublikum mit der Modernität des Handwerks überraschen und begeistern.

Betriebe stellen völlig neue Seiten von Handwerksberufen vor. Ist das die Antwort auf den Trend zum Abitur, der Ihnen Nachwuchssorgen bereitet?
Es ist an der Zeit, endlich mit den allseits gängigen Klischees über das Handwerk aufzuräumen. Die stimmen einfach nicht mehr. Deshalb fragen wir in diesem Jahr provokativ: Ist das noch Handwerk? Ja, ist es, kann ich nur sagen. Internationalität, Digitalisierung, Diversität, Humanität gehören heute genauso zum Handwerk wie Tradition, Werkbank und Blaumann. Handwerk ist modern und interpretiert tradierte Werte neu. Das Image ist vielfach aber immer noch ein anderes. Da wollen wir gegensteuern,  um Schulabgänger, besonders auch Abiturienten und Uni-Absolventen, zu gewinnen. Die IHM 2019 wird zeigen, was alles möglich ist – welch tolle Berufe und Karrieren es im Handwerk gibt.

Europa – das ist ein Themenschwerpunkt auf der Messe. Ist denn das für das Handwerk so wichtig?
Europa und die EU liegen dem Handwerk sehr am Herzen! Wir sagen ganz klar „Ja zu Europa“. Denn gerade auch das Handwerk profitiert von den Errungenschaften, dem Wohlstand und der Sicherheit, die uns Europa bringt. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Sicher, auch uns passt nicht alles, was aus Brüssel kommt. Wir könnten gut und gerne auf manche bürokratische Auflage oder manchen Harmonisierungsversuch verzichten. Dass etwa der Meisterbrief zu Deutschland gehört wie das Baguette zu Frankreich, das mussten wir so manchem erst beibringen.

Aber wäre es denn für das deutsche Handwerk ohne die EU und deren Bürokratie nicht viel einfacher?

Ganz sicher nicht. Der Mehrwert dieses geeinten Europas ist für uns alle umso viel größer als solche Differenzen über Vorschriften und Richtlinien. Was einen stört, muss man ansprechen und nach Lösungen suchen, aber nicht gleich die Brocken ganz hinschmeißen. Für viele ist das, was wir in Europa heute haben, viel zu selbstverständlich: offene Grenzen, gemeinsame Währung, Freizügigkeit von Gütern, Dienstleistungen und Personen. Aber das ist es nicht, sondern Ergebnis eines jahrzehntelangen und weiter andauernden Prozesses. Im derzeitigen unsicheren außenpolitischen Umfeld ist die EU wirtschaftlich wie politisch ein ganz entscheidender Stabilitätsfaktor und muss das bleiben. Anti-EU-Populismus und EU-Skepsis tritt das Handwerk mit einem klaren Bekenntnis zu Europa entgegen. Daher ist es wichtig, Ende Mai zur Europawahl zu gehen.

Ein Dauerthema im Handwerk: der Fachkräftemangel. Laut einer aktuellen Bertelsmann-Studie müssen jährlich 260 000 qualifizierte Kräfte aus dem Ausland geholt werden. Wie soll das gehen?
Nun, entscheidend dafür ist, die Zuwanderung beruflich qualifizierter Fachkräfte deutlich zu erleichtern. Der Entwurf des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes sieht das vor. Aber der muss jetzt auch so kommen und darf im weiteren parlamentarischen Verfahren auf keinen Fall verwässert werden. Doch bleiben wir realistisch: Es wird kaum zu schaffen sein, 260 000 Fachkräfte auf diese Weise aus dem Ausland zu gewinnen. Allein über diesen Weg wird die Fachkräftesicherung nicht gelingen. Das ist ein, wenn auch wichtiger Baustein, um den Fachkräftebedarf zu lindern.

Droht Deutschland als Folge ein gefährlicher Investitionsstau?
Na, wir stehen doch schon mitten im Stau. Überall in Deutschland tun sich Schlag- und Funklöcher auf, Brücken und Straßen sind marode, Berufsschulen und unsere Bildungsstätten häufig in einem erbärmlichen Zustand. Handwerksbetriebe brauchen ein funktionstüchtiges Digital- und Straßenverkehrsnetz. Es ist doch eine Zumutung für Unternehmer auf dem Land, für funktionierendes schnelles Internet erst in die nächste Stadt fahren zu müssen. Selbstverständlich brauchen wir heute 5G an jeder Werkbank! Wenn ein Handwerker bei der Anfahrt zu einem Kundentermin ständig im Stau steht, geht kostbare Arbeitszeit verloren. Wir erwarten öffentliche Investitionen und beschleunigte Planungsverfahren auf allen föderalen Ebenen, um die Infrastruktur zu erhalten und auszubauen.

Zum Schluss: Wie sieht Ihre Bilanz nach einem Jahr Große Koalition im Bund aus?
Sehr bescheiden! Das Thema Zukunftsgestaltung ist bisher ziemlich auf der Strecke geblieben. Sicher hat die Regierung die eine oder andere Wegmarke gesetzt, etwa mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Aber das reicht bei Weitem nicht. Versprochen wurden bessere Rahmenbedingungen, mehr Dynamik, weniger Bürokratie. Doch viele der neuen Gesetze haben den Betrieben das Leben schwerer gemacht und sie zusätzlich belastet. Da werden ungehemmt immer neue ungedeckte Schecks auf die Zukunft ausgestellt. Da werden Sozialbeiträge erhöht. Da gibt es immer neue arbeitsrechtliche Vorschriften. Wir brauchen keine Regelungen zu Brückenteilzeit, Home-Office oder wer weiß was noch. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unser Kapital. Um die kümmern wir uns schon. Schafft unseren Betrieben doch endlich die Freiräume und Rahmenbedingungen, damit sie wirtschaftlich erfolgreich arbeiten und dafür sorgen können, dass Menschen Arbeit haben. Das ist immer noch die beste Sozialpolitik.