27.07.2018

Warum das Handwerk Interessenvertreter in Brüssel braucht

Foto: Adobe Stock/Grecaud Paul

Tim Krögel hat zum 1. Juli die Leitung der ZDH-Vertretung in Brüssel übernommen. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung spricht er über realitätsferne Bürokraten, neue Spielregeln in der EU und seine Ziele für das Handwerk.

Herr Krögel, warum braucht das deutsche Handwerk eine Interessenvertretung in Brüssel?

Ein großer Teil der Gesetze, die in Deutschland umgesetzt werden, kommt aus Brüssel. Doch leider ist Brüssel noch weiter von der Realität unserer Betriebe entfernt, als es nationale Regierungen sind. Daher ist es unsere erste Aufgabe, zu informieren und mitzugestalten. Informieren darüber, was unsere Unternehmen brauchen, welche Maßnahmen funktionieren – und welche eben nicht. Um Politik mitzugestalten, braucht es einen kompetenten Ansprechpartner, der in Brüssel im ständigen Austausch mit der Politik und den EU-Behörden steht. Aber natürlich informieren wir auch in die Handwerksorganisation hinein, über die EU und die dort getroffenen Maßnahmen.

Was sind derzeit die wichtigsten politischen Themen und Gesetzesvorhaben, bei denen der ZDH zu gestalten oder eher zu bremsen versucht?

Ganz klar geht es jetzt darum, die Europawahl 2019 vorzubereiten. Das Handwerk ist mit seiner dezentralen Struktur in der guten Lage, bei der Europawahl auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene Eingaben machen zu können. Das müssen wir nutzen und so die Politik der nächsten fünf Jahre mitgestalten. Die großen Fragen sind bekannt: In welche Richtung soll sich die EU entwickeln? Wie gehen wir mit den EU-Finanzen um – gerade vor dem Hintergrund des Austritts Großbritanniens? Wie erreichen wir es, dass die europäischen Institutionen besser den Mehrwert der EU verkörpern und vermitteln? Wie stark wird der Mittelstand auf EU-Ebene als Rückgrat der Wirtschaft wahrgenommen und unterstützt? Die Bandbreite der Themen reicht hier von der Fachkräftesicherung über Umwelt-, Klima- und Energiepolitik bis hin zu einem europäischen Rahmen für den digitalen Binnenmarkt. Dabei müssen wir immer abwägen, ob und bis zu welchem Detailgrad die EU-Ebene Probleme effizienter lösen kann als der Bund oder die Länder.

Worauf können Sie aufbauen?

Das Handwerk hat in Brüssel ein tolles Team. Wir haben aber auch in der Handwerksorganisation in Berlin, in den Ländern und Branchen viele Unterstützer. Es zeigt sich immer wieder in der Schlagkraft, die wir hier entfalten. Die Mitarbeiter in Brüssel sind nicht nur im EU-Lobby-Bereich zu Hause. Sie müssen auch im Handwerk so vernetzt sein, dass die physische Distanz zu unseren Mitgliedern und Betrieben unserer Aufgabe nicht schadet. Dafür braucht es einen ganz besonderen Typ Mensch.

Was haben Sie sich für Ihr neues Aufgabengebiet vorgenommen?

Für mich hängt die zukünftige Schlagkraft des Handwerks sehr davon ab, ob wir uns weiterhin frühzeitig und konstruktiv positionieren. Die Prozesse in Brüssel verändern sich, zunehmend werden Entscheidungen außerhalb des normalen Gesetzgebungsverfahrens getroffen. Wichtige Weichenstellungen finden früher im Verfahren statt. Zum Beispiel koordiniert die EU-Kommission ihre Vorschläge sehr viel mehr entlang thematischer Schwerpunkte. Initiativen und Gesetzgebungsvorschläge werden in Paketen vorgelegt. Dafür müssen auch wir eine Gesamtvision für den jeweiligen Themenbereich entwickeln. Damit ergibt sich auch eine große Chance für das Handwerk, eine eigene umfängliche Vision Europas zu entwickeln und in die Zukunftsplanung einzubringen.


Das Interview