18.02.2019

"Viele junge Menschen wissen nicht um die Karriere- und Berufschancen im Handwerk"

Foto: Boris Trenkel

Im Interview mit der BILD spricht Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer über Modernität im Handwerk, falsche Vorstellungen und was die Bundesregierung tun muss, um mehr junge Leute für die berufliche Bildung zu begeistern.

Warum finden es so viele junge Leute offenbar unattraktiv, einen Handwerker-Beruf wie den des Klempners zu erlernen?

Viele junge Menschen wissen gar nicht um die Karriere- und Berufschancen, die Modernität und Vielfalt im Handwerk. An den allgemeinbildenden Schulen und besonders auch den Gymnasien hören sie viel zu wenig darüber. Hinzu kommt, dass seit Jahren Abitur und Studium das Wort geredet und der Eindruck entsteht, nur damit könnte man einen beruflich erfolgreichen und gesellschaftlich anerkannten Berufsweg einschlagen. Und natürlich spielt auch eine Rolle, welche Bilder vom Handwerk immer noch in Fernseh- und Filmproduktionen und auch in Schulbüchern vermittelt werden. Die haben häufig nur noch wenig mit dem zu tun, was das Handwerk heute ausmacht. Das sind oft sehr traditionelle und klischeehafte Darstellungen von Blaumann-Handwerkern auf staubigen Baustellen und in öligen Werkstatten bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Dabei werden auch im Handwerk längst Tablets, 3D-Scanner, Drohnen, digitale Vermessungs- oder Bearbeitungsgeräte eingesetzt. Der Konditor verarbeitet im 3D-Druck feinste Schokolade. Im Steinmetzbetrieb erledigt ein Roboter die grobe Arbeit, während sich die Meister auf die handwerkliche Feinarbeit konzentrieren. Diese Veränderungen, das Moderne, Innovative und Vielfältige im Handwerk haben leider immer noch zu wenige Jugendliche auf dem Schirm.

 

Erfahren Handwerker, wie in diesem Fall Klempner, gesellschaftlich, aber auch politisch zu wenig Wertschätzung?

Auf jeden Fall erfahren sie nicht die Wertschätzung, die ihnen gebührt. Ohne ein gut funktionierendes Handwerk gibt es keine Versorgung mit lebenswichtigen alltäglichen Gütern und Dienstleistungen. Und zentrale Zukunftsprojekte wie die Energiewende, der Breitbandausbau, der Bau von neuem und zusätzlichen Wohnraum oder eine gute Verkehrsinfrastruktur sind nur mit dem Handwerk zu realisieren. Wir brauchen deshalb wieder mehr Wertschätzung und Förderung der beruflichen Bildung. Ein Akademikerkind darf doch nicht als Bildungsabsteiger gelten, wenn es einen handwerklichen Beruf wählt. Wir wollen nicht berufliche und akademische Ausbildung gegeneinander ausspielen, aber so viel ist sicher: Mit Akademikern allein werden wir die Zukunft unseres Landes nicht bauen können.

 

Sind wir bald ein Land voller „Master und Bachelor“ – aber ohne „Schrauber“?

Ja, wenn es so weiterläuft: ein Land ohne Gestalter, Schrauber und ohne Macher! Wenn wir nicht endlich gegensteuern, dann entwickelt es sich genau in diese Richtung: Fast zwei Drittel eines Jahrgangs gehen heute ins Studium, das war vor zehn Jahren noch andersherum. Deshalb fehlen massiv berufspraktische Fachkräfte. Und ich bin fest überzeugt: Wenn es uns nicht gelingt, mehr junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen, dann wird diese Fachkräftelücke noch größer und als Folge die Wartezeiten auf Handwerker noch länger.

 

Was muss die Bundesregierung konkret tun, um junge Leute für Handwerksberufe wie den des Klempners zu begeistern?

Es geht um nicht weniger als eine Bildungswende. Dazu müssen auch finanzielle Hürden abgebaut werden. Wer den akademischen Weg einschlägt, muss für den Bachelor, den Master und die Promotion nicht bezahlen. Bei angehenden Fachwirten, Meistern oder Betriebswirten sieht das anders aus. Die müssen selbst in die Tasche greifen, um ihre Fortbildungen zu finanzieren. Das muss sich ändern!


Auszüge des Interviews erschienen am 16. Januar 2016 in der BILD.