21.08.2017

„Uns ist jeder willkommen, der sich engagieren möchte.“

Herr Wollseifer, Sie sind von Hause aus Maler und Lackierer und seit vielen Jahren im Bauhandwerk tätig. Stellen wir uns mal vor, ich hätte einen Auftrag zu vergeben, zum Beispiel die Renovierung einer Altbauwohnung. Wie lange müsste ich derzeit warten, bis Handwerker bei mir zu Hause anrücken?
Wollseifer: Wenn Sie jetzt einen Maler mit Renovierungsarbeiten beauftragen, dann kann es schon sein, dass Sie bis zu zehn Wochen warten müssen. Und zwar überall in der Republik. Ähnliche Wartezeiten gibt es derzeit bei allen Baugewerken, also etwa bei Elektrikern, Klempnern, Tischlern oder Fliesenlegern. Wenn Sie Stammkunde sind, kann es vielleicht etwas schneller gehen. Und natürlich haben Notdienst-Einsätze Vorrang und werden rasch durchgeführt, etwa wenn es durchs Dach regnet oder im Haus ein Rohr gebrochen ist.

Viele Verbraucher machen derzeit die Erfahrung, dass sie lange auf Handwerker-Termine  warten müssen. Was ist da los?
Wollseifer: Die Konjunktur in Deutschland läuft gut, das gilt auch fürs Handwerk. Rund um den Bau haben unsere Betriebe besonders gut zu tun, weil aufgrund der niedrigen Zinsen und des verbreiteten Wohnungsmangels der Wohnungsbau brummt. Es könnte im Handwerk sogar noch besser laufen, aber für unsere Betriebe ist es momentan schwierig, ihre Kapazitäten auszuweiten.

Warum?
Wollseifer: Weil einfach nicht genügend Fachkräfte zu finden sind, die wir einstellen könnten. Das gesamte Handwerk leidet unter einem riesigen Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Seit Jahren sind es zu wenige Auszubildende, obwohl wir etwa mit unserer Handwerkskampagne Jugendliche direkt ansprechen und gezielt auch über die Social Media Kanäle auf die vielfältigen Chancen und guten Zukunftsperspektiven in den über 130 Handwerksberufen aufmerksam machen. Die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge nimmt dank dieser Bemühungen auch wieder leicht zu. Trotzdem bleiben etliche Stellen unbesetzt. Auch derzeit haben wir im Handwerk noch 30.000 offene Plätze. Im Herbst startet das neue Ausbildungsjahr. Jugendliche, die jetzt noch keine Lehrstelle haben und sich zum Handwerker ausbilden lassen wollen, können – wenn sie die entsprechenden Voraussetzungen mitbringen - fast noch in jeder Branche einen Platz bekommen. Uns ist jeder willkommen, der ausbildungswillig und -fähig ist und sich engagieren möchte.

Gibt es nicht genug Jugendliche? Oder wollen die lieber Abitur machen und studieren?
Wollseifer: Beides trifft zu und hat zur Folge, dass der Wettbewerb um die guten Köpfe bereits voll im Gang ist und immer schärfer wird. Die demographische Entwicklung macht uns zu schaffen. Es gibt heute gut 120.000 Schulabgänger weniger als noch vor zehn Jahren. Zugleich wird der Drang zu höheren Bildungsabschlüssen immer größer. Mehr als die Hälfte jedes Jahrganges entscheidet sich inzwischen für ein Studium. In vielen Familien ist man heute der Ansicht, dass die Kinder unbedingt studieren müssen, damit es ihnen später gut geht.

Was haben Sie gegen höhere Bildung?
Wollseifer: Gar nichts. Doch ich habe meine Zweifel, dass ein Studium etwa der Archäologie, Philosophie oder Soziologie die Leute in jedem Fall für ihre Zukunft besser absichert als eine Ausbildung im Handwerk.

Schließen sich das eine und das andere aus?
Wollseifer: Ganz und gar nicht. Wir sagen den jungen Leuten: Probiert einfach mal aus, ob Euch ein Handwerksberuf Spaß macht. Geht beim Betrieb um die Ecke vorbei und fragt, ob Ihr ein Praktikum in den Ferien machen könnt. Wenn es Euch gefällt, dann bewerbt Euch um eine Lehrstelle. Für bildungsstarke Bewerber gibt es inzwischen auch interessante Kombinationen. Etwa das so genannte BerufsAbitur, das wir gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz konzipiert haben, und das nach dem Sommer in einigen Bundesländern als Pilotprojekt startet. Das dauert vier Jahre und am Ende haben die Absolventen quasi im Paket den Gesellenbrief und das Abitur in der Hand, und können dann entscheiden, ob sie im Betrieb bleiben oder an eine Hochschule gehen möchten.

Alle Parteien wollen mehr Geld in Bildung und Forschung stecken. In der öffentlichen Debatte geht es meistens um Kindergärten, Schulen und Universitäten, aber kaum um die gewerbliche Ausbildung.  Warum gelingt es Ihnen nicht, sich ausreichend Gehör zu verschaffen?
Wollseifer: Wir bringen unsere Positionen schon bei den richtigen Leuten vor, davon können Sie ausgehen. Aber gegenwärtig hat die Bildungspolitik in Deutschland schon eine gewisse Schlagseite. Mit dem Hochschulpakt werden viele Milliarden in Universitäten und Fachhochschulen gepumpt. Dabei ist der Bund für die akademische Bildung eigentlich originär gar nicht zuständig, sondern die Länder. Trotzdem fließt aus den Kassen des Bundes viel Geld in den Hochschulbereich. Das ist in der Sache auch gut und richtig. Aber die berufliche Ausbildung muss eine entsprechende Wertschätzung erfahren und die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung stärker in den Fokus rücken.

In Form von finanziellen Zuwendungen an die Ausbildungsbetriebe?
Wollseifer: In Form einer besseren Förderung der beruflichen Bildung insgesamt. Wichtig ist hier natürlich, dass die Ausstattung unserer Berufsbildungsstätten verbessert wird. Oder ein weiteres Beispiel: Studenten bekommen Semestertickets für Busse und Bahnen, um in ihren Bundesländern mobil zu sein. Azubis bekommen das nicht. Man kann sich auch eine Art Azubi-Bafög vorstellen, das es den Auszubildenden ermöglicht, eine Lehrstelle in einiger Entfernung zu ihrem Heimatort anzutreten und dort eine Unterkunft zu bezahlen. Das ist ein wichtiges Thema. Viele Lehrverträge kommen gar nicht erst zustande, weil sich zum Beispiel Bewerber vom Land in den Großstädten kein Zimmer in einem Wohnheim oder einer WG leisten können. Mit Geld könnte man auf diese Weise auch Bildungsströme lenken. Davon hätten alle etwas: Die Azubis, die Betriebe, aber auch der Staat und die Wirtschaft insgesamt.

Das Handwerk setzt große Hoffnungen auf die Qualifizierung von Flüchtlingen. Wie sind da Ihre bisherigen Erfahrungen?
Wollseifer: Im vergangenen Jahr hatten wir bundesweit rund 4.600 Flüchtlinge in einer Ausbildung. Viele von ihnen haben inzwischen auch schon ihren Abschuss in der Tasche. Außerdem gab es zuletzt mehrere Tausend junge Leute mit Bleibeperspektive, die sich entweder in vorbereitenden Praktika oder Berufsorientierungsmaßnahmen befanden oder als Helfer eingesetzt waren. Das ist ein Anfang, aber da ist sicherlich noch Luft nach oben.

Gilt das Handwerk auch unter Flüchtlingen als wenig attraktiv?
Wollseifer:Viele junge Flüchtlinge wissen gar nicht, was Handwerk in Deutschland ist. Ihnen ist nicht klar, dass wir es mit modernen, technisch anspruchsvollen Berufen zu tun haben, die großartige Aufstiegschancen und eine sichere Zukunft bieten. In den Herkunftsländern verbinden die Menschen mit Handwerk häufig Tätigkeiten wie Lederbändchen drehen oder irgendwelche Drähte zusammenlöten. Das ist dort nicht gerade mit einem hohen sozialen Ansehen verbunden.

Wenn der Staat mehr Geld in Schulen, Straßen oder Breitbandkabel steckt, profitiert auch das Handwerk, nicht zuletzt in Form von Aufträgen. Finanzminister Wolfgang Schäuble geht eher defensiv an das Thema Investitionen heran. Haben Sie Verständnis dafür?
Wollseifer: Aus dem Finanzministerium höre ich immer wieder: Wir stellen genug Geld zur Verfügung, es wird aber nicht abgerufen und fließt nicht ab. Ein Grund dafür ist offenbar vor allem auch, dass die Planungsverfahren in den Behörden zu langwierig sind.

Was entgegnen Sie?
Wollseifer:Ich bin mir natürlich bewusst, dass wir erst seit wenigen Jahren kräftige Überschüsse in den öffentlichen Haushalten haben. Als die Konjunktur nicht so gut lief, war natürlich weniger Geld vorhanden. Weil unsere Betriebe wegen der fehlenden Fachkräfte ihre Kapazitäten aber nicht von jetzt auf gleich erhöhen können, ist es wichtig, dass der Staat seine Investitionen nicht nur erhöht, sondern auch auf Dauer verstetigt. Dann können wir uns darauf einstellen und uns Schritt für Schritt anpassen.

Da scheinen Sie auf einer Wellenlänge mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zu sein, der eine „Mindestdrehzahl“ für staatliche Investitionen fordert.
Wollseifer: Ich halte es durchaus für richtig, dass wir jedes Jahr einen bestimmten Anteil der Wirtschaftsleistung investieren müssen, und zwar auf Dauer. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob sich das tatsächlich gesetzlich festschreiben lässt. Unabhängig davon ist es aber keine Frage, dass wir Nachholbedarf bei Investitionen haben. Unsere Infrastruktur fahren wir vielfach auf Verschleiß, für Bildung sollte Geld ausgegeben werden, vor allem auch für die berufliche Bildung. Wenn der Staat hier mehr macht, ist das nicht nur gut für die Konjunktur und den Arbeitsmarkt, sondern auch für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land.

Das Interview führte Thorsten Knuf.