08.03.2017

"Dürfen weiteren Aderlass bei Mitarbeitern nicht riskieren"

Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) im Interview mit der Passauer Neuen Presse (8.03.2017)

Frage: Herr Wollseifer, die Industrie in Deutschland wird immer digitaler. Wie steht es eigentlich um das Handwerk 4.0? 

Wollseifer: Unsere Unternehmen sehen mit großer Mehrheit die digitale Entwicklung als Chance. Das zeigen wir in München auf der Handwerksmesse. Rund 95 Prozent der Handwerksbetriebe haben eine eigene Webseite, circa 60 Prozent arbeiten mit Software-Lösungen im Büro. Jede vierte Firma setzt bereits auf Digitalisierung in der Produktion. 

Frage: In Sachen schnelles Internet ist Deutschland aber nur Mittelmaß…

Wollseifer: Das ist mittlerweile eine Wachstumsbremse für unsere Betriebe. In den Großstädten sieht es schon ganz gut aus. Aber in den ländlichen Gebieten hinken wir noch deutlich hinterher. Es gibt dort Betriebe, wo sich die IT-Experten die Daten auf den Stick laden und sie von der nächsten Stadt aus versenden müssen. Bund, Länder und Kommunen müssen alles tun, damit Deutschland endlich den Anschluss schafft.  

Frage: Handwerk hat goldenen Boden, sagt man. Wie gut gehen die Geschäfte zurzeit? 

Wollseifer: 2016 war ein starkes Jahr – mit circa 3,5 Prozent Wachstum im Handwerk. In diesem Jahr können wir 2,5 Prozent erreichen. Auf der anderen Seite gibt es auch Konjunkturbremsen: Das Ergebnis 2016 wäre noch besser ausfallen, wenn wir mehr Fachkräfte gehabt hätten. Im laufenden Ausbildungsjahr fürchten wir wieder bis zu 15.000 unbesetzte Lehrstellen. 

Frage: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz schlägt bis zu 48 Monate Arbeitslosengeld vor, wenn sich die Betroffenen qualifizieren. Ein sinnvoller Vorschlag? 

Wollseifer: Wir sind mit dem Prinzip Fördern und Fordern bisher gut gefahren. Mit dem SPD-Konzept würden Fehlanreize gleich in doppelter Hinsicht gesetzt. Es steht zu befürchten, dass ältere Arbeitnehmer erneut auf Kosten der Solidargemeinschaft trotz Qualifikation früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Wir dürfen einen weiteren Aderlass bei den erfahrenen älteren Mitarbeitern nicht riskieren. Das Handwerk versucht, seine Mitarbeiter zu halten. Statt kostspieliger staatlich gelenkter Weiterbildungsprogramme  sollten weiter die bedarfsorientierten Qualifikationsangebote genutzt werden, die die Handwerksorganisationen gemeinsam mit den Betrieben bieten. 

Frage: Thema Rente: Die SPD will das Rentenniveau auf dem Stand von heute stabilisieren?  

Wollseifer: Das Rentenniveau ist eine Variable unter vielen. Wir müssen auch auf die Beiträge schauen: Ich halte es nicht für zumutbar, dass unsere Mitarbeiter immer weniger netto vom brutto erhalten. Man kann die Arbeitnehmer nicht immer weiter belasten in dem Glauben, man tue der älteren Generation damit etwas Gutes. Damit das System tragfähig bleibt, müssen wir auch die Älteren stärker fordern.

Frage: Heißt: Sie wollen die Rente mit 70?

Wollseifer: Die Entscheidung für die Rente mit 67 war richtig. Durch die Rente mit 63 und die Mütterrente belasten wir unser System mit jährlich je zehn Milliarden Euro. Bei der Lebensarbeitszeit gibt es in den Niederlanden und in Dänemark gute Modelle, die eine Kopplung an die Lebenserwartung vorsehen. Wir sollten diesen Weg auch gehen. Noch sind die Kassen gefüllt – aber das wird nicht immer so sein. Deswegen sollte die Politik hier endlich einmal nachhaltig entscheiden, statt erst Ängste zu schüren und dann Klientelpolitik als Allheilmittel zu verkaufen. 

Frage: Am Rande der Handwerksmesse treffen sich die Spitzenverbände der Wirtschaft mit Kanzlerin Angela Merkel. Was wird Ihre wichtigste Botschaft sein?

Wollseifer: Wir brauchen Stabilität in den Sozialsystemen. Die Sozialabgaben dürfen auf keinen Fall über 40 Prozent steigen. Wir sind gegen einen Überbietungswettbewerb von neuen teuren Rentenvorschlägen. Wir wären für Entlastungen an anderer Stelle. Die Sozialkassen sind keine Sparkassen. Man muss den Menschen auch mal etwas zurückgeben. Es kann nicht sein, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei den Sozialabgaben über Gebühr belastet werden. Sobald die Rücklagen die Krisenfestigkeit der Arbeitslosenversicherung gewährleisten, müssen Überschüsse zur Beitragssenkung genutzt werden, um so ein Stück weit für Entlastung zu sorgen.

Frage: Und was müsste sich in der Steuerpolitik ändern? 

Wollseifer: Auch hier müssen die Weichen auf Entlastung gestellt werden: Der Soli muss weg und zwar schnell. Auch die kalte Progression sollte weiter eingedämmt werden. Für die Betriebe ist auch wichtig, dass Bürokratie abgebaut wird. Die Grenze für die Abschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter liegt seit fünf Jahrzehnten bei 410 Euro. Es ist gut, dass sie jetzt auf 800 Euro erhöht wird. Das war überfällig und ist eine spürbare Erleichterung für die Betriebe.

Interview: Rasmus Buchsteiner