01.04.2019

"So golden war der Boden noch nie"

Foto: Boris Trenkel

Herr Wollseifer, die diesjährige Image- und Werbekampagne läuft unter der Überschrift „Ist das noch Handwerk?“ Was soll uns das sagen?

Dass das Handwerk sehr viel moderner und vielfältiger ist als das landläufig so angenommen wird. Wir machen auf die Innovationen und Veränderungen in unseren Betrieben aufmerksam. Das Handwerk unterliegt ja einem wahnsinnigen Wandel, der vor allem auch mit der Digitalisierung zusammenhängt. Ich war gerade in einem Rolladen- und Jalousienbauerbetrieb: Da geht es längst nicht nur allein um das Anbringen von Jalousien und des zugehörigen Motors, nein, heute geht es um Schall- und Wärmeschutz und wird die Haus-Verschattung mit einer App gesteuert. In allen Gewerken hält die Digitalisierung Einzug. Es gibt heute Backstuben, die voll digitalisiert sind.

Bäcker will trotzdem keiner werden.

Deshalb machen wir ja mit der Kampagne auf die Modernität in den Betrieben aufmerksam. Den Erneuerungsprozess, in dem sich das Handwerk befindet, möchten wir den Jugendlichen, den Eltern und Lehrern nahebringen. Die alten Klischees über das Handwerk – schmutzig, schwere körperliche Arbeit, schlecht bezahlt – stimmen schon lange nicht mehr.

Löst die Digitalisierung die Nachwuchsprobleme des Handwerks?

Natürlich nicht allein. Berufswahl hat auch viel mit sozialem Image und Anerkennung zu tun. Wir brauchen in der Gesellschaft wieder mehr Wertschätzung und Anerkennung für berufliche Bildung. Das ist das eine. Aber dazu gehört zum anderen eine bessere finanzielle Förderung. Der Bundespräsident, seine Ehefrau und auch die Bundeskanzlerin engagieren sich stark dafür, der beruflichen Bildung und dem Handwerk zu mehr Wertschätzung zu verhelfen. Das hilft uns.

Was für eine neue Bezeichnung?

Der ergänzende Zusatz Bachelor professional oder Master professional macht die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung deutlich. Im Bologna-Prozess wurden Bachelor und Master hierzulande für Akademiker eingeführt. Im Ausland ist Vielen nicht ganz klar, was unseren „Meister“ auszeichnet, für welches Wissens- und Qualitätsniveau der Meister steht – da kann der Begriff Bachelor professional es vermutlich besser veranschaulichen.

Wie viele Handwerksbetriebe arbeiten denn überhaupt im Ausland?

Rund 60 000. Doch noch an anderer Stelle könnte das eine Rolle spielen: Wenn wir demnächst – hoffentlich mit Hilfe eines Fachkräfteeinwanderungsgesetzes – auch zunehmend Arbeitnehmer aus dem Ausland bekommen, kann eine solche englische Berufsbezeichnung Interessierten in Drittländern bei der Einordnung helfen. Und bei der Bezahlung: Unser Bachelor oder Master wird nicht schlechter bezahlt als der von der Hochschule.

An den Nachwuchsproblemen ändert das erstmal nichts. 2018 konnten rund 17 000 Ausbildungsplätze im Handwerk nicht besetzt werden.

Positiv gesehen zeigt das zuallererst einmal die hohe Ausbildungsbereitschaft unserer Betriebe: Sie wollen ausbilden. Und stehen damit im harten Wettbewerb mit allen Wirtschaftsbereichen auf einem schrumpfenden Markt, denn es gibt 120 000 Schulabgänger weniger als vor zehn Jahren. Und fast 60 Prozent eines Jahrgangs wollen inzwischen ins Studium. Wir haben es mit einer Überakademisierung zu tun, die nicht gut ist für unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Der Fachkräftesockel, auf dem unsere Wirtschaft basiert, der ist schon ziemlich bröckelig.

Gewerkschaften schlagen ein Pflichtpraktikum für Schüler im Handwerk vor.

Handwerker sind Freidenker, mit Pflicht und Zwang haben wir es nicht so. 28 Prozent aller Jugendlichen werden im Handwerk ausgebildet, und alle Ausbildungsbetriebe bieten Praktika an. Wir gehen in die Schulen, machen Azubi-Speeddatings und haben entsprechende Plattformen im Internet. Wichtiger als eine Praktikumspflicht wäre eine verpflichtende Berufsorientierung, berufskundliche Tage an allen Schulen.

Die Bundesregierung will das Handwerk attraktiver machen, indem sie eine Mindestausbildungsvergütung von gut 500 Euro einführt. Gute Sache?

Auch das ist wieder eine Verpflichtung, der es nicht bedarf. Die Festlegung von Ausbildungsvergütungen sollten wir den Tarifpartnern überlassen.

Die Tarifbindung schrumpft, deshalb gibt es ja auch den gesetzlichen Mindestlohn.

Dann sollten wir über das Instrument der Allgemeinverbindlichkeit die Tarifbindung erhöhen. Was die Mindestausbildungsvergütung betrifft: Glauben Sie mir, unsere Betriebe wollen ihren Azubis natürlich eine attraktive Ausbildung anbieten, auch finanziell. Aber Gewerke und Regionen lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren. Was man sich in einer Region oder einem Betrieb noch leisten kann, das ist anderswo schon zu viel. Ich sehe einfach die Gefahr, dass manche Betriebe nicht mehr ausbilden können. Auf der Strecke bleiben dann vor allem weniger leistungsstarke Jugendliche, die ohne Lehrstelle dastehen. Gut gemeint ist manchmal eben nicht gut gemacht.

Gilt das auch für den Digitalpakt? Oder kommen die Milliarden des Bundes wirklich in den Schulen, auch in den Berufsschulen an?

Mit Geld lassen sich Bildungsströme lenken. In den vergangenen Jahrzehnten sind immer mehr Mittel in die akademischen Bildungseinrichtungen geflossen, die berufliche Ausbildung wurde vernachlässigt. Heute sind die Berufsschulen in einem erbärmlichen Zustand, was die räumliche und personelle Ausstattung betrifft. Der Bund, der für die berufliche Bildung zuständig ist, versucht eine Menge. Und wir werden darauf achten, ob und dass die Mittel auch wirklich in den Schulen ankommen.

Hat die Politik grundsätzlich erkannt, dass das Duale System schwächelt?

So langsam kommt an, wie wichtig berufliche Bildung ist, damit es gesamtwirtschaftlich läuft. Nur mit Akademikern lässt sich die Zukunft nicht bauen. Das merken wir alle und natürlich auch Politiker, denn auch die müssen immer länger auf Handwerker warten. Wir als Handwerk stabilisieren die Gesamtwirtschaft, unser Wachstum lag deutlich über dem der Gesamtwirtschaft. Auch angesichts der internationalen Handelsstreitigkeiten wird das immer wichtiger.

Es läuft noch gut in den Betrieben?

Unsere Konjunktur ist weiter sehr gut. Wenn man vom goldenen Boden im Handwerk spricht, dann ist das der goldenste Boden, den wir jemals hatten. Wir erwarten ein Wachstum um die vier Prozent in diesem Jahr.

Die Kunden müssen wochenlang warten und die Preise steigen wie verrückt.

Das ganz bestimmt nicht. Die Materialpreise steigen und die Löhne auch. Diese höheren Kosten, die wir zusätzlich zu tragen haben, können wir jetzt in der Preiskalkulation berücksichtigen. Wir sehen derzeit keine Anzeichen für eine Abschwächung der Nachfrage. Im Gegenteil. Die Verknappung an Handwerksleistung und Handwerkern spitzt sich eher zu. Uns fehlen rund 250 000 Arbeitskräfte, jeder zweite Betrieb sucht Leute.

Wir kommt denn die Gründungsinitiative von Politik, Handwerk, DIHK und weiteren Wirtschaftsverbänden in Gang?

Allen Beteiligten ist klar, dass wir die Rahmenbedingungen für Gründungen verbessern müssen. Denn nur mit weiter fortgeführten und neuen Betrieben können wir künftig die Versorgung mit handwerklichen Produkten und Dienstleistungen sicherstellen. Deshalb müssen wir die jungen Meister ermutigen: „Eure Arbeit lohnt sich. Ihr werdet zwar mit Sicherheit 50 oder 60 Stunden in der Woche arbeiten, aber dann habt Ihr auch die Chance, Eure Träume zu verwirklichen, einen eigenen Betrieb aufzubauen oder Euch ein Häuschen leisten zu können.“

Der Appell fruchtet aber offenbar nicht.

Die heutige Generation wächst sehr behütet auf, will die Sicherheit eines festen Einkommens und fester Arbeitszeiten - und meidet vielleicht auch deshalb die Selbstständigkeit. Und dann gibt es da noch all die Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben und den bürokratischen Aufwand. Wenn sich wegen zu hoher Sozial- und Steuerabgaben die Arbeit kaum mehr lohnt, und man sich dazu auch noch durch einen wahren Bürokratie- und Vorschriftendschungel kämpfen muss, dann demotiviert das natürlich, sich selbstständig zu machen. Allein die ganzen Initiativen des Bundesgesundheitsministers kosten uns viel Geld, von den Plänen des Bundesarbeitsministers gar nicht zu reden.

Zum Beispiel?

Der Bund hat die Verpflichtung, für die Arbeitslosengeld II-Bezieher die Krankenversicherungsbeiträge zu zahlen. Er zahlt aber nur knapp ein Drittel. Deshalb bleiben 9,6 Milliarden Euro bei den Beitragszahlern hängen, also 4,8 Milliarden bei den Arbeitgebern und 4,8 Milliarden Euro bei den Arbeitnehmern. Und da im Handwerk der Lohnkostenanteil bei rund 80 Prozent liegt, belastet uns das ganz besonders. Die Politik wird ihrer Verantwortung nicht gerecht – und das untergräbt wiederum das Vertrauen in die Politik.

Sind die hohen Lohnnebenkosten ein Grund für die vielen Soloselbstständigen im Handwerk?

Das ist ein Grund. Zu Bismarcks Zeiten war es ja in Ordnung, alle Soziallasten über die Löhne zu berechnen. Damals machten Landwirtschaft und Lohnarbeit rund 99 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung aus, heute ist das viel weniger. Im Zeitalter der Digitalisierung gibt es auch Wertschöpfung ohne Menschen. Plattformbetreiber machen riesige Gewinne in Deutschland, beteiligen sich aber nicht an der solidarischen Finanzierung des Gemeinwesens. Wir brauchen dringend eine Digitalsteuer.

Da ist die Politik ja dran, ebenso wie beim Fachkräftezuwanderungsgesetz, auf das Handwerk und Industrie seit Jahren drängen.

Vor zwei Wochen beim Spitzengespräch der deutschen Wirtschaft mit der Bundeskanzlerin auf der Internationalen Handwerksmesse galt noch, dass das Gesetz zügig kommen soll. Jetzt aber liegt die Initiative für das Einwanderungsgesetz erst einmal auf Eis. Auch das untergräbt Vertrauen in die Politik.

Aber mit der Flüchtlingspolitik sind Sie einigermaßen zufrieden.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Politik kann mit dem Handwerk sehr zufrieden sein. Wir haben jetzt rund 18.000 Geflüchtete aus den acht häufigsten Asylzugangsländern in der Ausbildung, das sind um die 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Von allen Flüchtlingen, die derzeit eine Ausbildung machen, lernt jeder Zweite im Handwerk – das ist überproportional im Vergleich zu allen anderen Wirtschaftsbereichen. Wir übernehmen diese Integrationsleistung, weil wir das können, doch der Aufwand ist schon enorm – und liegt deutlich höher als bei deutschstämmigen Azubis.

Aufgrund der Sprachprobleme?

Nicht nur. In meinem Betrieb haben wir einen Iraner, der Schlimmes erlebt hat, und viele Monate sehr verschlossen war. Da brauchen Sie Geduld und Zeit und persönliche Zuwendung. Wenn sie all das in die Ausbildung eines Flüchtlings stecken, dann wollen sie auch, dass er bleibt und sich das auszahlt – menschlich wie für den Betrieb. Daher müssen die, die bereits hier sind und von uns ausgebildet wurden, auch dableiben können. Wir brauchen diese Leute, die schließlich nach unseren Standards ausgebildet wurden. Alles andere wäre doch menschlich wie wirtschaftlich Irrsinn, würde die Motivation der beteiligten Betriebe zerstören – und wäre auch wieder ein Vertrauensbruch der Politik.

Es gibt auch schöne Signale aus der Politik: Die Meisterpflicht soll wieder ausgedehnt werden, nachdem 2004 der Meisterbrief in 53 von 94 Berufen abgeschafft worden war.

Das ist sinnvoll, um wieder mehr Qualität, mehr Ausbildung, mehr Verbraucherschutz und ein nachhaltiges Unternehmertum zu bekommen. Denn eine Vielzahl der Betriebe, die häufig Soloselbstständige sind, hat eine begrenzte Marktfähigkeit. Im Schnitt sind Betriebe ohne Meisterbrief nach vier Jahren wieder vom Markt verschwunden. Das ist ein Problem, denn wenn der Betrieb weg ist, dann greifen auch Gewährleistungsansprüche nicht mehr.

Warum verschwinden die so schnell?

Es fehlt schlicht an Wissen und Kompetenz. Ein Meister hat theoretisches und praktisches Fachwissen und betriebswirtschaftliche und kaufmännische Kenntnisse. Der Meisterbetrieb weiß, wie er sich am Markt zu verhalten hat, wie man kalkulieren muss, was in der Buchhaltung zu beachten ist und im Steuerrecht. Dazu kommt Berufs- und Arbeitspädagogik, damit der Meister ausbilden kann. Ein Betrieb ohne Meister kann das alles nicht. Deshalb begrüßen wir die Pläne der Regierung, nicht zuletzt auch, weil der Meisterbrief die Grundlage für qualifizierte Gründungen ist.

 

Das Interview erschien am 1. April 2019 im Tagesspiegel. Die Fragen stellte Afons Frese.

Hinweis: Das Interview wurde etwas gekürzt im Tagesspiegel veröffentlicht. Hier finden Sie die lange Version.

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