13.09.2018

Berliner Manifest fordert mehr Wertschätzung von Handwerkern im Kulturerbesektor

Zum europäischen Kulturerbejahr haben sich beim europäischen Handwerkskongress „Kulturerbe Handwerk in Europa“ im Haus des Deutschen Handwerks in Berlin internationale Experten über die Chancen einer systematischen Entwicklung des Restaurierungsmarktes und der Restaurierungswirtschaft in Europa ausgetauscht. Einigkeit besteht darüber, dass handwerkliche Denkmalpflege und der Erhalt des Kulturerbes in Europa stärker als bislang wirtschaftlich gedacht und als nachhaltiger Wirtschaftsfaktor gefördert werden müssen. Die Denkmalpflege müsse auch als Markt betrachtet werden, wenn sie Wachstum und Beschäftigung erbringen soll. Dazu wird angeregt, bei den europäischen Handwerksorganisationen Austauschplattformen für Kulturerbewirtschaft aufzubauen, um die Marktentwicklung voranzubringen. Das verabschiedete „Berliner Manifest“ benennt langjährige Fehlentwicklungen in der derzeitigen Kulturerbepolitik, fordert ein Ende der Benachteiligung von Handwerkern im Kulturerbesektor und einen Paradigmenwechsel in der europäischen Kulturerbepolitik.

Beim Kongress wurden am Mittwoch in Vorträgen die Instrumente vorgestellt, mit denen das deutsche Handwerk derzeit das Feld „Restaurierung Denkmalpflege“ europaweit erschließt: Das reicht von der Zusammenarbeit deutscher und italienischer Handwerker im Rahmen einer Handwerkskammerkooperation über Möglichkeiten einer Geschäftsanbahnungsreise für Restaurierungsunternehmer, um den Markt im Vereinigten Königreich zu erkunden, bis hin zu deutschen Firmengemeinschaftsständen auf der DENKMAL Moskau und der MONUMENTO Salzburg im Rahmen des Auslandsmesseprogramms des Bundes. Es wurde deutlich, wie aussichtsreich die Potenziale für die Restaurierungswirtschaft sind. Das Volumen für den europäischen Restaurierungsmarkt wird auf über 35 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt. Allerdings wurde auch bemängelt, dass die Restaurierungswirtschaft auf Europäischer Ebene immer noch nicht systematisch erfasst wird, obwohl leistungsfähige Forschungsinstitute wie das ifh Göttingen die dazu nötige Methodik längst entwickelt haben. Zugleich wurde herausgehoben, dass es dem Handwerk neben dem Interesse an anderen Märkten immer um die Kooperation mit den Handwerkern und den Kulturerbeeinrichtungen vor Ort geht. Der Austausch und das gegenseitige Lernen voneinander stehen im Mittelpunkt.

Bei der Podiumsdiskussion ging es vor allem um den Zusammenhang von materiellem Kulturgut und immateriellem Kulturerbe, von handwerklichem Know-how in den Köpfen und Händen. Die Diskussion zeigte, dass trotz ERASMUS+ eine grenzüberschreitende Förderung der Höheren Berufsbildung kaum stattfindet. Handwerker müssen selbst für die Kurskosten für die Denkmalpflege aufkommen, die bei über 6.000 Euro liegen können. Enge zeitliche Regularien des ERASMUS+ schränken zudem die Fortbildungsmöglichkeiten für Handwerksmeister ein. Das Handwerk fordert hier eine Gleichbehandlung mit Akademikern. Ins Bild passt die Streichung der einzigen grenzüberschreitenden Förderung für Handwerker in der Denkmalpflege, das bisher vom BMBF geförderte Thiene-Stipendium. Hier wird an der völlig falschen Stelle gespart.

Handwerker werden auch bei der Ausübung ihres Berufs durch Restaurierungsverbote (z.B. In Italien und Frankreich) benachteiligt. Fragwürdige Kulturerbenormen stellen die Fachkompetenz der Handwerker in Frage und behindern die tägliche Arbeit auf der Baustelle. Im internationalen Denkmalpflegerat ICOMOS wie im öffentlich finanzierten Restaurierungszentrum ICCROM sind Handwerker kaum repräsentiert. Dieser Mangel auf höchster Ebene muss korrigiert werden, denn nur mit wirtschaftlich-technischem Sachverstand können fachliche Restaurierungsirrtümer ausgeschlossen werden. Nur wenn die Berufsbildungs- und Gewerbeförderungserfahrung der Handwerksorganisationen in der Kulturerbepolitik berücksichtigt wird und die Handwerker ernst genommen werden, kann aus dem Kulturerbe ein nachhaltiges Wachstum entstehen und die Denkmalpflege die Akzeptanz in der Gesellschaft finden, die sie verdient.

Auf der Mitgliederversammlung des Europäischen Bunds für Handwerkliche Restaurierung und Denkmalpflege (FEMP), der sich eine Reihe neuer Interessenten angeschlossen hatte, wurden am Donnerstag die Ergebnisse der Konferenz und der Diskussion vom Vortag zusammengefasst und als Berliner Manifest „Handwerkliche Restaurierung und Denkmalpflege in Europa“ veröffentlicht. Die derzeitige Kulturerbepolitik sei dadurch geprägt, dass sie den Erhalt des Kulturerbes zunehmend akademisiert, statt die wirtschaftlichen Wachstumspotenziale zu entwickeln, heißt es darin. Der FEMP fordert einen Paradigmenwechsel in der europäischen Kulturpolitik, ein Ende der Benachteiligung der Handwerker im Kulturerbesektor, die Förderung der grenzüberschreitenden Höheren Berufsbildung und eine systematische Entwicklung der Restaurierungswirtschaft und des Restaurierungsmarktes.

Den Wortlaut des zweisprachigen Dokuments (deutsch und englisch) finden Sie hier: www.zdh.de