27.04.2018

"Mehr Gymnasiasten sollen ins Handwerk"

ZDH
Foto: ZDH/Schüring.

Wie ist das Handwerk in Ihrer Heimatregion aufgestellt?

Das Handwerk ist im Rhein-Erft-Kreis und im gesamten Kammerbezirk Köln gut aufgestellt. Die Auftragsbücher sind bei den meisten Betrieben gut gefüllt. Noch mehr Aufträge können viele Betriebe gar nicht annehmen, weil sie einfach nicht genügend Fachkräfte finden. Uns fehlt der Nachwuchs, und das schon über Jahre.

 

Sie sprechen den  Fachkräftemangel an. Welchen Rat geben Sie dem Metzger-, Maler- oder Maurermeister, der dringend Personal sucht?

Wir brauchen junge Leute in den Ausbildungen. Ich kann den Betrieben nur raten, selbst aktiv zu werden, Kooperationen mit Schulen einzugehen, die Türen der Betriebe für Praktikanten zu öffnen –  das bringt junge Leute in die Ausbildung. Ansonsten besteht immer die Möglichkeit, mit den Handwerkskammern zusammenzuarbeiten. Die bieten beispielsweise mehrsprachige Ausbildungsbörsen und Speed Datings an. All das hat sich bewährt und in den letzten drei Jahren dazu geführt, dass wir bundesweit wieder steigende Zahlen bei neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen haben. Aber es reicht dennoch nicht. Bundesweit konnten vergangenes Jahr 15 000 Lehrstellen nicht besetzt werden. Die Zahlen in den Vorjahren waren ähnlich.  Im Ergebnis fehlen uns heute viele Fachkräfte. Dazu hat auch beigetragen, dass es einfach weniger Schulabgänger pro Jahrgang gibt, derzeit rund 120 000 Schulabgänger weniger als noch vor zehn Jahren

 

In der Vergangenheit wurde den jungen Menschen aber auch immer signalisiert: Wenn du was Besseres sein willst, dann musst du Abitur machen und studieren. Zeigen sich jetzt die Konsequenzen?

Ja natürlich spüren wir die Folgen der jahrelang verbreiteten Botschaft, dass nur das Abitur eine gute Zukunft garantiert. Das ist beileibe nicht so, sondern das Handwerk eröffnet jungen Menschen gerade momentan beste Karriere- und Zukunftsaussichten. Das muss sich wieder in den Köpfen festsetzen. Heute gibt es rund 18.000 verschiedene Bachelor-Studiengänge. Demgegenüber gibt es etwa 350 Ausbildungsberufe, über 130 davon im Handwerk, mit klar vorgegebenen  Prüfungs- und Qualifikationsprofilen.

 

Im CJD werden Ausbildungen in verschiedenen Handwerksbereichen angeboten. Steigen durch den allgemeinen Fachkräftemangel die Chancen der CJD-Azubis auf dem Arbeitsmarkt?

Ganz klar, ja. Wir brauchen die Bildungsstarken, die Betriebe leiten und führen, wir brauchen aber auch alle anderen.  Wir können uns nicht erlauben, die jungen Leute, die vielleicht ein Handicap haben oder nicht die schulstärksten sind, zurückzulassen. Gerade diese jungen Menschen haben derzeit im Handwerk gute Chancen.

 

Im Handwerk herrscht Hochkonjunktur, aber die Azubis bleiben aus. Kann man mit erhöhten  Ausbildungsvergütungen das Handwerk attraktiver machen, oder reicht Geld alleine nicht aus?

Außer Deutschland kenne ich überhaupt nur wenige Länder wie etwa Dänemark, Luxemburg, Österreich oder die Schweiz, in denen junge Leute während ihrer Ausbildung Geld erhalten, die Ausbildung also vergütet wird. Studierende, die im Hörsaal sitzen, erhalten auch kein Geld. Und man darf auch nicht den Fehler machen, eine Ausbildungsvergütung als Lohn zu betrachten. Das ist sie nicht, sondern sie ist ein Zuschuss zum Lebensunterhalt. Dazu kommen dann auch noch das Kindergeld und andere soziale Förderungen. Schließlich lernen Azubis noch. Die Vergütungen sind je nach Branche und Region unterschiedlich hoch. Im Hochbaubereich gibt es im dritten Lehrjahr 1400 Euro. Es gibt aber auch andere Bereiche, wo wesentlich weniger bezahlt wird. Das hängt aber mit der sehr unterschiedlichen Wertschöpfung in den einzelnen Branchen zusammen. Und es hängt auch davon ab, wo man arbeitet. Die Lebenshaltungskosten in Frankfurt an der Oder sind anders als in Frankfurt am Main. Die Sozialpartner verhandeln über die Ausbildungsvergütungen. Und das ist auch gut so und sollte so bleiben.

 

Welchen Beitrag können Lehrer leisten, um Schülern das Handwerk schmackhaft zu motivieren?

Wir sehen bei den Lehrern der Haupt- und Realschulen ein sehr hohes Engagement im Bereich der Berufsorientierung. Die haben Kontakte zu Betrieben, bringen Schüler in Praktika und verschaffen ihnen manchmal sogar eine Ausbildungsstelle. In den Gymnasien ist das derzeit noch nicht der Fall. Daher habe ich erst am Montag auf der Kultusministerkonferenz noch interveniert und gesagt, dass wir jetzt endlich den Zugang zu allen Gymnasien in Deutschland haben müssen. Die Lehrer dürfen in der Zukunft nicht mehr der Ansicht sein, die Schüler nur auf ein Studium vorzubereiten.

 

Sie haben früher selbst ein Unternehmen geführt und kennen  die Probleme mit Azubis. Was sind die größten Defizite, und wie können die jungen Leute motiviert werden?

Ich habe mehr als einhundert Jugendliche ausgebildet und heute noch einen iranischen Flüchtling in der Ausbildung. Dessen Problem ist vor allem die Sprache. Dazu kommt die Ungewissheit,  bei seinem Status der Duldung vielleicht doch noch abgeschoben zu werden. Diese Unsicherheit ist kein Zustand, weder für die Betriebe noch die Auszubildenden. Die  3+2 Regelung muss endlich wirklich bundesweit einheitlich in den Bundesländern angewandt werden. Nach dieser Regelung dürfen auch Geduldete, die eigentlich ausreisepflichtig sind, ihre dreijährige Lehre beenden und noch zwei weitere Jahre im Betrieb bleiben, ohne eine Abschiebung fürchten zu müssen. Das ist eine Perspektive für den Auszubildenden, und der Unternehmer erhält Planungssicherheit und zudem auch etwas von seiner Investition während der Ausbildungszeit zurück. Gerade aktuell wird viel darüber gesprochen, dass so viele ihre Ausbildung abbrechen würden. Das stimmt so nicht. Bei den häufig genannten 25,7 Prozent handelt es sich um die Verträge, die wieder aufgelöst werden. Vielfach wird das aber gemacht, weil die jungen Leute ihre duale Ausbildung in einem anderen Betrieb oder einem anderen Ausbildungsberuf fortsetzen wollen. Somit sind es nur etwa 12 bis 13 Prozent echte Ausbildungsabbrecher und damit deutlich weniger als Studienabbrecher.

 

Die Region steht vor einem Strukturwandel. Wird das Handwerk darunter leiden, oder ergeben sich auch neue Möglichkeiten?

Wir können auf die Erfahrungen zurückgreifen, die wir im Ruhrgebiet gemacht haben. Da hat es ja sehr große strukturelle Veränderungen gegeben, wovon das Handwerk eher profitiert hat. Aus den Bereichen Energie- und Kohlegewinnung haben wir viele gute Mitarbeiter gewinnen können, die zu qualifizierten Facharbeitern umgeschult wurden. Wir haben viele Berufe, die mit Energiegewinnung und  -effizienz zu tun haben. Beispiele finden sich in den Bereichen Sanitär, Heizung, Klima oder Kühlanlagenbauer. Die bauen Klimaanlagen nicht nur für Autos, die kühlen große landwirtschaftliche Anlagen, die kühlen die Fleischer- und Bäckerbetriebe, Operationssäle, Rechenzentren und vieles andere mehr. Handwerk und Arbeitsagentur stehen bereit, um möglichst viele Leistungsträger im Handwerk aufzunehmen.

 

Welche Vorteile  hat der Rhein-Erft-Kreis gegenüber anderen Regionen?

Der Rhein-Erft-Kreis ist eine Region mit einer vielschichtigen Wirtschaftspräsenz, die sich sehr gut entwickelt hat. Wir sind schon einen Schritt weg von einer Konzentration nur auf Kohle und Energie. Hier haben sich bereits viele verschiedene Unternehmen angesiedelt. Die Mischung von Industrie, Handwerk und Dienstleistung ist wichtig, um dauerhaft als Kreis eine gute Performance zu haben. Der Rhein-Erft-Kreis ist zukunftstauglich. 

 

Das Interview führte Udo Beißel und erschien am 27. April im Kölner Stadt-Anzeiger. Udo BeißelUdo Beißel