23.09.2019

"Mehr Anerkennung"

ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer hat sich Zeit für ein Interview mit dem Bonner Generalanzeiger und der Kölnischen Rundschau genommen und sprach über fehlende Fachkräfte, drohende Fahrverbote und Bürokratie. Seiner Meinung nach sei es nur fair, die Leistung ausbildender Betriebe auch finanziell anzuerkennen. Das Interview führten Dominik Pieper und Ralf Arenz. Es erschien am 21. September 2019.

Dem Handwerk geht es gut, die Auftragsbücher sind voll. Und doch ist Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), alles andere als zufrieden. Vor allem der Fachkräftemangel macht dem Handwerk zu schaffen: Viele Betriebe wollen ausbilden und einstellen, finden aber kein Personal. Wollseifer fordert mehr Anerkennung und Wertschätzung für die berufliche Bildung, aber auch eine stärkere finanzielle Entlastung für die Betriebe. Mit ihm sprachen Ralf Arenz und Dominik Pieper.

Wann hat der Handwerkspräsident Wollseifer zuletzt einen Handwerker gebraucht?

Wollseifer: Das passiert laufend. Ich habe ja selbst eine Firma für Bau- und Handwerksdienstleistungen mit fünf Mitarbeitern und einem Auszubildenden sowie ein Immobilienunternehmen. Da muss man immer längere Vorlaufzeiten bei der Planung von Projekten ansetzen - inzwischen sind wir bei vier bis acht Wochen. Vor allem Betriebe aus den Bereichen Gebäudetechnik, Sanitär, Heizung und Elektro sind schwer zu bekommen, weil sie einfach schon an ihren Kapazitätsgrenzen arbeiten und kein Personal finden. Da kann man froh sein, wenn man Stammkunde ist.

Dem Handwerk geht es gut - bleibt das so angesichts der schwächelnden Konjunktur?

Wollseifer: Wir haben momentan keine Probleme, auch wenn in manchen Bereichen - vor allem bei den Industriezulieferern - die Aufträge inzwischen zurückgehen. Für das Gesamthandwerk jedoch rechnen wir dieses Jahr mit einem Umsatzplus von vier Prozent. Damit stabilisiert das Handwerk ein Stück weit die Gesamtwirtschaft.

Ist die gute Lage des Handwerks Fluch und Segen zugleich?

Wollseifer: Ich würde eher von Herausforderung als von Fluch sprechen. Im Handwerk waren im zweiten Quartal zwar über 8000 Facharbeiter mehr als ein Jahr zuvor eingestellt, aber das reicht nicht. Die Bundesagentur für Arbeit geht von einem Bedarf von zusätzlich 160.000 Fachkräften aus, nach unserer Einschätzung sind es eher 250.000, weil längst nicht mehr alle Betriebe ihre offenen Stellen melden - und das geht quer durch alle Gewerke von Sanitär, Heizung und Klima über Bäcker und Metzger bis hin zu Bauberufen.

Wo sehen Sie die Ursachen?

Wollseifer: Wir haben rund 130 000 Schulabgänger weniger als vor zehn Jahren, und zugleich gehen heute fast 60 Prozent der jungen Leute ins Studium. Da ist etwas aus der Balance geraten. Denn es ist keine gute Entwicklung, wenn der Fachkräftesockel brüchig wird, auf dem unsere gesamte Wirtschaft steht. Und dass man nur mit abgeschlossenem Studium etwas wird, ist ein Irrglaube. Die Politik hat aber jahrelang dieses Signal gesetzt, und jetzt zeigt sich: Es war falsch. Unser Wohl und unser Wohlstand hängt ganz maßgeblich davon ab, wie viele junge Menschen sich für den Weg der beruflichen Bildung entscheiden.

Wie wollen Sie das Handwerk interessanter machen?

Wollseifer: Wir müssen noch bekannter machen, wie interessant das Handwerk ist, wie modern, vielfältig, kreativ und digital. Ganz konkret bieten wir etwa das Berufs-Abitur mit der Möglichkeit, Abi und Gesellenbrief in einem zu erwerben. Wir wenden uns beispielsweise an junge Menschen, die in ihrem Studium nicht glücklich werden. Fast ein Drittel der Studenten bricht ja das Studium ab. Das Handwerk bietet ihnen eine zweite Karrierechance. Wer einige Semester studiert hat, kann eine verkürzte Ausbildung bekommen. Es gibt zudem die Möglichkeit eines trialen Studiums, bei dem man eine Ausbildung absolviert, die Meisterprüfung ablegt und noch einen Bachelorabschluss erwirbt. Außerdem beraten wir zum Thema Existenzgründung: Wo sonst kann man schon so jung sein eigener Chef werden? Und, und, und - die Liste ließe sich weiter fortsetzen.

Sie fordern mehr Gewicht für die berufliche Bildung. Wo sehen Sie da Ansatzpunkte?

Wollseifer: Die Politik hat im Prinzip verstanden, dass das Handwerk mehr Anerkennung und Wertschätzung braucht. Das muss aber auch gelebt werden. Über Geldflüsse lässt sich Bildung gut steuern - momentan fließen die Mittel allerdings überwiegend in den akademischen Bereich. Wir fordern ja gar nicht, bei der finanziellen Förderung völlig gleichzuziehen mit dem akademischen Bereich, aber den Abstand müssen wir verkürzen.

Sie wollen mehr Geld?

Wollseifer: Wir wollen Entlastung. Nehmen wir doch mal die Ausbildung. Handwerksbetriebe bilden mit hoher Qualität und mit viel Herzblut aus. Nicht selten werden ihnen aber hinterher die Mitarbeiter abgeworben - ob von der Industrie, von der Bahn oder von der Bundeswehr. Den Betrieben entsteht dabei ein wirtschaftlicher Schaden, denn eine Ausbildung kostet sie im Schnitt 16.500 Euro. Und es fehlt den Betrieben dann auf der Stelle, für die sie den Azubi ausgebildet hatten, die Fachkraft. Da ist es doch nur fair, diese Leistung ausbildender Betriebe auch anzuerkennen, und zwar auch finanziell. Nehmen wir die Kranken- und Pflegeversicherung. Azubis müssen dafür Beiträge zahlen, während Studenten bis 25 zumeist familienversichert sind. Die Betriebe zahlen in die Unfallversicherung ein, während das bei den Studenten die Länder übernehmen. Da gibt es einige Stellschrauben, über die man für mehr Gleichwertigkeit sorgen könnte - und Auszubildende und Betriebe hätten am Ende mehr netto.

Sie könnten den Azubis aber auch mehr Geld zahlen, oder?

Wollseifer: Im Handwerk gibt es die höchsten Ausbildungsvergütungen aller Wirtschaftsbereiche, in einigen Gewerken bis zu 1400 Euro im dritten Lehrjahr. Sicherlich gibt es Gewerke, in denen das nicht so üppig ist. Aber das hat mit der unterschiedlichen Wertschöpfung zu tun, die ist bei einem Maßschneider eben eine andere als im Baubereich. Daher sind wir auch nicht glücklich mit der Mindestausbildungsvergütung, die mit 515 Euro im ersten Jahr beginnt. Das System ist zu starr, da wird alles über einen Kamm geschert. Lebenshaltungskosten sind je nach Region sehr unterschiedlich, ebenso die Kaufkraft und eben die Wertschöpfung. Daran sollten sich Vergütungen ausrichten.

Apropos Kosten. In der Diskussion um explodierende Baukosten bei der Bonner Beethovenhalle und der Viktoriabrücke wurde das Handwerk kritisiert. Firmen würden angesichts der guten Baukonjunktur "Mondpreise" verlangen, hieß es.

Wollseifer: Die Gründe für die Probleme bei öffentlichen Bauvorhaben sehe ich woanders. Das fängt bei der Qualität der Ausschreibungen an, die viele Leistungen offenlassen und viele Erfordernisse nicht erkennen. Gleichzeitig haben es die Betriebe mit überbordenden Vorschriften und Planungsdefiziten zu tun. All das führt im Nachhinein zu Kostensteigerungen. Und ganz sicher ist es nicht so, dass Handwerksbetriebe dabei Wahnsinnsgewinne erwirtschaften.

Kommen wir zur Mobilität. Wie gehen Sie mit den Dieselfahrverboten um?

Wollseifer: Am besten wäre es, wenn es gar keine geben würde. Vor allem die Sperrung von Straßenabschnitten wie in Hamburg ist unsinnig, weil die betroffenen Fahrzeuge teils doppelt so lange Wege fahren müssen. Grundsätzlich wollen wir Luftreinhaltepläne, die gerichtsfest sind. Wir haben dazu schon in der Vergangenheit eine Menge Vorschläge gemacht - doch die Kommunen sind zu lange nach dem Motto "Et hätt noch immer joot jejange" verfahren. Es fehlte auch der Blick auf das große Ganze.

Was haben Sie vorgeschlagen?

Wollseifer: Wir haben zum Beispiel gefordert, auch Verkehrsträger wie Schiffe oder die Bahn in den Blick zu nehmen. Es sind ja noch zahlreiche Dieselloks unterwegs. Auch die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen läuft viel zu schleppend.

Das wäre nebenbei ein Beschäftigungsprogramm für das Kfz-Handwerk, oder?

Wollseifer: Ja, durchaus, aber bei nachlassendem Kfz-Werkstattgeschäft wäre das in diesen Zeiten gut.

Lässt sich E-Mobilität mit den Bedürfnissen von Handwerksbetrieben in Einklang bringen?

Wollseifer: Zum Teil ja. Es gibt schon Transporter mit einer Reichweite von 400 Kilometern. Aber die Ladeinfrastruktur ist noch unterentwickelt. Zählen Sie mal die Ladesäulen in Regionen wie der Eifel. Die E-Mobilität ist - so sehe ich das - letztlich eine Technologie für den Übergang. Wir werden auch weiterhin sicherlich auf Diesel setzen müssen - auf sauberen Diesel. Die Zukunft sehe ich persönlich in Wasserstoffantrieben.

Sie hatten diese Woche einen Termin mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier, um über seine Strategie für den Mittelstand zu diskutieren. Wie finden Sie seine Ideen?

Wollseifer: Er hat gute Ansätze, die wir unterstützen. Damit könnten die Betriebe mehr Luft zum Atmen bekommen. Denn immer mehr Bürokratie, immer mehr Steuern und Sozialabgaben - wenn das so weitergeht, verkraften die das nicht. Daher haben wir dem Minister den Rücken gestärkt, das auch so umzusetzen. Das ist notwendig, weil von anderen Ressorts Gegenwind kommt. Nehmen wir das Bürokratieentlastungsgesetz III: Das bringt nicht die nötigen Entlastungen, sondern ist teils sogar kontraproduktiv. Wenn etwa die Mehrwertsteuergrenze für Unternehmer von 17.500 auf 22.000 Euro angehoben wird, dann führt das am Ende zu unfairem Wettbewerb.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie von der Politik einfordern?

Wollseifer: Weniger Bürokratie. Ich würde mir wünschen, dass sich verantwortliche Politiker - egal, ob auf EU-, Bundes- oder Länderebene - morgens auf dem Weg zur Arbeit vielleicht einmal überlegen, welche von den Gesetzen, Richtlinien, Dokumentationspflichten und Regeln, die Unternehmen belasten, sie heute abschaffen könnten. Aber leider scheinen sie eher das Gegenteil zu tun.