05.03.2018

Mehr als nur Geld: Wir nennen das Erfüllung.

Foto: ZDH/Schüring

Herr Wollseifer, wenn Politiker wie Handwerker arbeiten würden – hätte es dann auch fünf Monate gedauert bis zu einer neuen Regierung?

Sicher keine fünf Monate. Ehrlicherweise muss man aber sagen: Momentan dauert es schon ein bisschen länger, bis der Handwerker kommt. Wir haben wirklich einen guten Lauf, die Auftragsbücher sind voll. Da muss man beim Bau schon mal zehn Wochen warten.

 

Auf die Konjunktur können sich Union und SPD aber nicht zurückziehen.

Nein, das nicht. Aber dass es so lange dauert, das waren sie ja nicht alleine, vorher gab es schon die Jamaika-Verhandlungen. Übrigens schade, dass diese Koalition nicht zustande gekommen ist.

 

Warum?

Das hätte der Politik vielleicht einen Modernisierungsschub gegeben. Jetzt zeichnet sich nicht mal nur ein „Weiter-so“ ab, sondern eher ein „noch mehr so“. Wir wollten Entlastungen, damit die gute Konjunktur möglichst lange anhält. Das sah bei Jamaika besser aus.

 

Der Koalitionsvertrag von Union und SPD ist kein gutes Handwerk?

Die Überschrift, die ist gut. Aufbruch, Dynamik, Zusammenhalt – klasse, das wollen wir alle. Die Inhalte aber lassen zu wünschen übrig. Die junge Generation wird zum Verlierer.

 

Warum? Bildung ist das große Thema.

Das schon, das ist die Lichtseite. Aber in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik werden immer mehr Kosten draufgesattelt. Die Mütterrente II mit 3,5 Milliarden Euro, die Rente, die Erwerbsminderungsrente – zahlen muss es die junge Generation. Die Generationengerechtigkeit sehen wir gefährdet, vor allem wenn es dann irgendwann nicht mehr so gut läuft wie jetzt. Dazu kommt: Wir haben im Handwerk einen Lohnkostenanteil von etwa 80 Prozent. Alles, was da oben draufkommt, belastet uns unwahrscheinlich. In der Industrie ist das viel weniger.

 

Das klingt, als brächte Sie der Koalitionsvertrag an den Rand des Abgrunds.

Man muss nichts dramatisieren. Aber wir Handwerker denken nicht nur ans Quartalsergebnis, sondern in Generationen. Wir denken die Betriebsübergabe auch immer mit. Wir wissen aus Erfahrung, die Konjunktur geht mal rauf und mal runter.

 

Wir haben gezählt: Im Koalitionsvertrag steht 65 mal das Wort Digitalisierung. Wie sieht denn zum Beispiel ein digitalisierter Malermeister aus? Hat der keinen Pinsel mehr?

Zunächst digitalisiert der seinen Außenauftritt, mit einer schönen Homepage. Dann seine Büroabläufe. Und die eigentliche Arbeit natürlich auch.

 

Nennen Sie doch mal ein Beispiel. Sie sind ja selbst Malermeister.

Wenn man ein Haus streichen will, braucht man ein Aufmaß von der Fassade. Das war früher unheimlich aufwendig. Einer muss das Maßband halten, der andere liest ab. Ich selbst hatte zwei Aufmaßtechniker, mit Zollstock, Maßband, Buch. Heute braucht ein Maler dafür einen Tablet-PC, fotografiert die Fassade, dann wird die Fläche automatisch ausgerechnet. Das schickt er per Mail an den Betrieb, und ruckzuck wissen wir, wie viel Material wir brauchen und können das Angebot erstellen. Das Gros der Handwerker investiert gerade mächtig in die Digitalisierung.

 

Sind Sie selbst ein „Early Adopter“? Einer, der neue Technologien schnell anwendet?

Ich gehöre nicht zum Ausreißerfeld, aber ganz bestimmt zum Verfolgerfeld.

 

In Ihrem Handwerksbetrieb arbeiten fünf Leute – und ein Azubi, der Flüchtling ist. Wollten Sie mit gutem Beispiel vorangehen?

Ich wollte selbst erleben, welche Integrationsbremsen es gibt. Der junge Mann ist ein Iraner, er wird jetzt 29. Er bemüht sich sehr, aber es gibt auch viele Schwierigkeiten. Die Sprache und das Schreiben vor allem. Die schreiben von rechts nach links, und so fing er auch auf Deutsch an zu schreiben. Mittlerweile habe ich eine Nachhilfe für ihn organisiert. Er kann Dreisatz und Prozentrechnen, aber er muss auch das Deutsch der Frage verstehen. Das ist aber nicht alles: Er hat nur eine Duldung, die er jedes halbe Jahr neu beantragen muss. Der junge Kollege ist einem unheimlichen Druck ausgesetzt.

 

Droht ihm nach der Ausbildung die Abschiebung?

Nicht direkt. Durch das Integrationsgesetz von 2016 können wir die Leute noch zwei Jahre im Betrieb halten. Danach muss man sehen. Aber da ist ja der Koalitionsvertrag gut, der setzt  mit dem geplanten Fachkräfteinwanderungsgesetz genau hier an. Wir brauchen gezielte Zuwanderung, und zwar nicht nur von Leuten, die akademische Lücken füllen.

 

Haben wir alle uns die Integration leichter vorgestellt als sie ist?

Gesellschaft und Politik haben sie sich leichter vorgestellt. Wir im Handwerk nicht. Wir haben Erfahrung mit Integration und können sie. Anfang der neunziger Jahre kamen fast eine Million Flüchtlinge vom Balkan, von denen haben wir unwahrscheinlich viele integriert. Aber heute kommen die jungen Leute aus einem anderen Kulturkreis, das ist schwieriger. Doch wir brauchen im Handwerk inzwischen jede Hand. Es sind einfach zu wenige, die Handwerker werden wollen.

 

Warum? Ist das Handwerk für junge Leute zu wenig attraktiv?

Ganz einfach: Gegenüber 2006 haben wir heute 120 000 Schulabgänger weniger. Das zweite ist dieser Drang zum Studium. Schulabgänger wollen lieber an die Uni als in die Ausbildung.

 

Aber das ist doch was Gutes.

Früher hat man gesagt, mach’ doch erst mal eine Ausbildung, dann kannst Du immer noch studieren. Das haben viele gemacht und sich eine gute Lebensgrundlage geschaffen. Heute sagt man: Studier’ erst mal was, dann schaust Du weiter. Dabei ist in vielen geisteswissenschaftlichen Fächern nicht sicher, dass jeder Absolvent in seinem Bereich einen adäquaten Job bekommt. Über eine halbe Million Studenten sind in psychologischer Behandlung, weil sie dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind, die Erwartungshaltung der Eltern nicht erfüllen können. Die eigentlich nicht wissen, warum sie in dem überfüllten Hörsaal sitzen. Und die vielleicht lieber etwas anderes gemacht hätten. Etwas, wo sie am Abend sehen, was sie am Tag geleistet und geschaffen haben, darauf stolz sein können und gutes Geld verdienen.

 

Handwerker brauchen keine psychologische Behandlung?

Wesentlich weniger. Wir nennen das Erfüllung.

 

Klingt zu schön, um wahr zu sein.

Was uns jeden Tag antreibt, ist nicht vor allen Dingen die Gewinnmaximierung. Ich finde es toll, wenn ich durch Köln fahre und sehe das Uni-Center und denke: Boah, das haben wir vor soundsovielen Jahren in Stand gesetzt. Ist zwar 140 Meter hoch, aber das haben wir bewältigt. Das macht ein gutes Gefühl.

 

Fehlt Ihnen das, wenn Sie jetzt hier sitzen als Verbandspräsident?

Nee, eigentlich nicht. Weil ich es ja noch im ganz kleinen Stil habe. Ende letzten Jahres rief ein Kunde von mir an, wir hatten für ihn in Lübeck-Moisling vor fünfzehn Jahren fünf Hochhäuser in Stand gesetzt, direkt an der Autobahn. Das war eine ganz schwierige Instandsetzung. Jetzt rief er an und sagte: Ihr habt das damals so toll gemacht, könnt ihr das jetzt neu streichen?

 

Und?

Ich hab’ mich erst gesträubt, wir sind ja nur fünf Mann und ein Azubi. Aber er wollte unbedingt. Und im April machen wir das.

 

Wenn aber Erfüllung als Argument nicht reicht, könnten Sie höhere Ausbildungsvergütungen zahlen im Handwerk.

Wir haben Vergütungen ganz unten, in der Mitte und oben. Es wird aber immer nur über die ganz unten gesprochen, das ärgert mich. Und selbst mit 1400 Euro im dritten Lehrjahr kriegen wir etwa am Bau nicht genug Auszubildende.

 

Kann es sein, dass der Akademiker gesellschaftlich einfach höher bewertet wird als der Handwerker?

Aber warum? Das ist eingerissen, weil die OECD der Politik ständig eingeredet hat, der Akademisierungsgrad bei uns sei zu niedrig. Irgendwann haben das alle geglaubt.

 

Mein Kind soll studieren, mein Kind soll es mal besser haben als ich – das ist doch die klassische Aufstiegserzählung.

Glauben Sie denn, dass 60 Prozent aller Kinder in Deutschland das Zeug zum guten Akademiker haben? Ich glaube das nicht. Die wirklich schulisch Besten kriegen einen tollen Job und verdienen richtig gutes Geld. Aber die Schwächeren? Die werden es nicht besser haben als die Eltern. Und dann schauen Sie sich mal die Chancen im Handwerk an, wie Betriebe dastehen, die vielleicht 20 Leute haben. Die müssen Sie vergleichen mit jemandem, der ein Masterstudium hat. Sie werden sehen: Der Handwerker verdient mehr. Der Architekt verdient nach drei Jahren im Beruf wesentlich weniger als der Hochbaumeister.

 

Sie haben doch auch einen Sohn. Hat der studiert?

Ja, der ist Arzt. Den habe ich immer Einstein genannt, weil der alles wusste.

 

Und Sie selbst?

Ich habe Realschule gemacht, dann Fachoberschule, dann eine verkürzte Baulehre, eine Malerlehre und die Meisterprüfung.

 

Wollten Sie nicht studieren?

Doch, Architektur. Aber dann ist mein Vater früh gestorben und ich sollte ins Unternehmen einsteigen. Ich habe es nie bereut. Später habe ich Architekten beschäftigt.

 

Diese Woche beginnt die Handwerksmesse. Das Motto ist: Wir zeigen, was kommt. Taugt das bodenständige Handwerk als Zukunftsprophet?

Wir wollen zeigen, wie sich die nächste Generation der Betriebe aufstellt, welche Chancen sie ergreifen kann, mit welchen neuen Produkten, Kunden- und Arbeitsbeziehungen sie antritt, was mit der Digitalisierung möglich ist.

 

Geht dadurch das Traditionelle am Handwerk nicht verloren? Dass man hinter dem Tresen noch die Backstube sieht?

Es gibt die Betriebe noch, wo der Meister selbst den Teig macht, alles per Hand. Und die sind auch wettbewerbsfähig, weil die Familie mitarbeitet. Aber ich war kürzlich auch in einem Betrieb im Saarland, 100 Mitarbeiter, oben Café und Verkaufsräume – und unten eine voll digitalisierte Produktionsstätte. Da brauchte man nur auf die Knöpfchen zu drücken, dann kam von da das Wasser und von da das Mehl.

 

Und wenn die Brötchen dann bei den Kettenbäckern alle gleich schmecken?

Nee, nee. Ich rede nicht von den Teiglingen aus Polen, die vorgefertigt durch Deutschland gekarrt werden. Damit haben wir nichts zu tun. Wenn gutes Handwerk im Spiel ist, dann schmeckt man das auch.


Das Interview führten Michael Bauchmüller und Henrike Rossbach. Es erschien am 5. März 2018 in der Süddeutschen Zeitung.