13.11.2018

"Langsame Internetverbindungen sind die größte Hürde"

Foto: Boris Trenkel

Welche Chancen bietet denn die Digitalisierung den Betrieben?

Digitalisierung ist mehr als eine Homepage. Es geht um komplexe digitale Arbeits- und Produktionsprozesse. Das wissen unsere Betriebe. Die Digitalisierung ist längst im Handwerk angekommen. Viele Prozesse werden mittlerweile digital gesteuert oder beinhalten technische Lösungen. Aus einer unserer Umfragen gemeinsam mit dem Bitkom-Verband wissen wir, dass vier von fünf Handwerksbetrieben generell aufgeschlossen gegenüber dem Thema Digitalisierung sind und fast 60 Prozent bereits auf Softwarelösungen setzen, um ihre betrieblichen Abläufe zu steuern. Und jeder vierte Betrieb nutzt die moderne Technologie für die Produktion. Selbst Bäcker und Metzger produzieren heute mit digital gesteuerten Maschinen. 3D-Druck und Scanner kommen in der Drucktechnik oder im Modellbau genauso zu Einsatz, wie eHealth im Gesundheitshandwerk Einzug hält. Für die Bau- und Ausbauhandwerke sind die Stichworte Smart Home, Building Information Modeling, "digitale Baustelle" sowie der Einsatz von Drohnen relevant. Unsere Betriebe investieren in moderne Geräte, Maschinen, Computer und Software. Das Engagement unserer Betriebe läuft aber natürlich ins Leere, wenn es keine flächendeckende Glasfaserversorgung gibt. Langsame Internetverbindungen sind für die Betriebe eine der wesentlichen Hürden bei der Digitalisierung. Dazu braucht es natürlich auch betriebliche Ressourcen und Kompetenzen, Standards und IT-Sicherheit.

 

Wie bewerten Sie die Befürchtung, dass Arbeitsplätze verloren gehen?

Aus vielen Handwerken wird körperliche Arbeit bis auf weiteres nicht wegzudenken sein. Schließlich wird auch weiterhin ein Elektroniker die Hausleitungen verlegen oder ein Bodenleger das Parkett zusammenstellen und nicht irgendein unflexibler und vor allem unerfahrener Roboter. Die zunehmende Vernetzung der Maschinen und Produktionsprozesse wird nicht dazu führen, dass keine Arbeitskräfte mehr benötigt werden. Tatsächlich ist die Digitalisierung eine Chance für den Arbeitsmarkt, denn sie führt zu höherer Flexibilität und damit sinkenden Produktionskosten und letztlich zu niedrigeren Angebotspreisen. Wenn ein Maler die Raummaße digital aufnehmen kann, um daraus gleich für den Kunden Visualisierungen erstellen zu können, erleichtert das einen für den Auftrag wichtigen Teilarbeitsschritt. Sicher werden digitale Anwendungen menschliche Arbeit mitunter auch ersetzen. Doch im Gegenzug wird sich auch die Arbeitsnachfrage erhöhen. Da mag es zu Verschiebungen zwischen Berufen, Sektoren oder Regionen kommen. Aber gerade im Handwerk eröffnet die Digitalisierung auch neue Perspektiven für junge Menschen, die etwa traditionelle Gewerke durch die Möglichkeiten der Digitalisierung erweitern können. Diese spannende Kombination hat schon zu Unternehmensgründungen geführt, sodass neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.

 

Welche Vorteile gibt es denn im Bereich der Organisation durch die Digitalisierung?

Die Digitalisierung kann auf Unternehmensseite zu enormen Zeit- und Ressourceneinsparungen beitragen. Damit ist nicht nur digitale Zeiterfassung der Arbeitszeiten gemeint, sondern der Einsatz softwaregesteuerter Lösungen für ganze Verwaltungs- und Produktionsprozesse. Durch smarte Vernetzung und Integration der Arbeitsprozesse stehen etwa Werkstatt, Lager und Baustelle in einem stetigen Austausch. So kommt das Handwerksprodukt oder die Dienstleistung am Ende schneller zum Kunden. Bestenfalls kann das eigene Geschäftsmodell durch digitale Kanäle zum Kunden sogar erweitert werden. Wie solche Prozesse umgesetzt werden können, ist eines der Schwerpunktthemen unseres Kompetenzzentrums Digitales Handwerk. Damit unterstützen wir Handwerksbetriebe bei ihren Bemühungen, die Digitalisierung voranzutreiben und den Betrieben zu verankern. Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte aus dem Handwerk können sich dort über die betrieblichen Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien in den Betrieben und über Möglichkeiten der praktischen Umsetzung informieren.

 

Welche Rolle spielen denn digitale Aspekte bei der Ausbildung? Bitte Beispiele nennen.

Im Handwerk sind zusätzliche, innovative „Werkzeuge“ längst Standard. In Tischlereien werden Tische in CAD-Programmen geplant oder online konfiguriert, die Platten dafür werden in kooperativer Auslastungsoptimierung und von Robotern gesägt. Für das Kfz-Handwerk gewinnt Verkehrstelematik, also die Kommunikation von Fahrzeugen untereinander, an Bedeutung. Die digitalen Technologien verändern unsere Produkte, Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle. Entsprechend stellt die Digitalisierung auch neue Anforderungen an moderne Berufsbilder. Die Fülle der Innovationen erfordert, dass wir die Ausbildungsinhalte fortlaufend anpassen, um Jugendlichen die für die modernen Berufe des Handwerks erforderliche Digitalkompetenz auch zu vermitteln. Das theoretische Rüstzeug erhalten sie in der Berufsschule oder der überbetriebliche Lehrlingsunterweisung. Angehende Zahntechniker lernen dort beispielweise seit Jahren „Digitalen Workflow“, also z.B. Intraoral-Scan, CAD und 3D-Druck. Genauso wichtig ist, dass Auszubildende Digitalisierung im Betrieb auch durch praktisches Tun erleben und direkt erlernen. Wenn die Arbeitsorganisation eines Betriebes durch Cloud-Lösungen unterstützt wird, nutzt diese selbstredend auch der Lehrling. Wenn die ausführenden Handwerke ein Smart Home bauen, lernen die Lehrlinge durch mit- und nachmachen, worauf es hierbei ankommt. Digitalisierung wird somit auch durch konkretes Arbeitshandeln praktisch erfahr- und erlernbar.


Auszüge des Interviews sind am 12. November 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.