01.02.2017

Integration braucht Geduld

Bis ein junger Flüchtling in den Arbeitsmarkt integriert ist, dauert es mindestens fünf Jahre, sagt ZDH-Präsident Wollseifer im Interview mit dem Generalanzeiger Bonn.

Vor gut einem Jahr haben Sie in einem Interview mit dieser Zeitung mit Blick auf die ins Land strömenden Flüchtlinge gesagt, man könne die meisten von ihnen für eine Berufsausbildung qualifizieren. 13 Monate später – trägt ihr Optimismus?
Hans Peter Wollseifer:
Zum Teil. Wir hätten uns gewünscht, diese Aufgabe wäre einfacher und man könnte die jungen Leute, die zu uns kommen, schneller in eine Ausbildung nehmen. Aber wir machen die Erfahrung, dass einige Geld verdienen müssen und eine Ausbildung ablehnen, und andere die Sprach- und Integrationskurse abbrechen. Das Handwerk integriert schon lange Menschen aus anderen Ländern, auch Flüchtlinge. Diese Erfahrung setzen wir jetzt ein.

Das Thema ist zu komplex, um schnelle Erfolge zu feiern?
Wollseifer:
Die Integration eines jungen Menschen – der weder deutsch spricht, noch eine Ausbildung mitbringt – in den Arbeitsmarkt dauert fünf bis sieben Jahre. Diese Geduld müssen wir, muss die Gesellschaft aufbringen, wenn sie ernsthaft an einem Erfolg der Integration interessiert ist. Und wir müssen auch entsprechende Kosten für Projekte aufbringen. Mit Praktika und Kursen zur Berufsorientierung bringen wir jungen Flüchtlingen unser Handwerk näher.

Projekte wie das im Bildungszentrum Butzweilerhof in Köln, wo die Handwerkskammer auch Flüchtlinge qualifiziert?
Wollseifer:
Genau. Es gibt dort allerdings die kuriose Situation, dass es nicht genügend Jugendliche gibt mit der entsprechenden Sprachkompetenz, um die 100 Qualifizierungsplätze dort zu besetzen. Wichtigster Schlüssel für die Integration ist natürlich die Sprache. Und die Sprachvermittlung muss ganz am Anfang stehen.

Stichwort „Geduld“?
Wollseifer:
So ist das. Die Situation ändert sich hoffentlich im Laufe des Jahres. Dann steigt die Zahl der Flüchtlinge, die schon eine bessere Sprachkompetenz mitbringen.

Aber das reicht sicher noch nicht, um in einem Handwerksbetrieb zu bestehen.
Wollseifer: Dafür ist der Integrationskurs eine weitere Voraussetzung. Die jungen Leute kommen aus anderen Kulturkreisen und müssen Deutschland "lernen". Danach folgt die Vorbereitung auf den Beruf.

Das hört sich nach viel Arbeit an...
Wollseifer:
...die das Handwerk aber gerne leistet und damit auch einem wichtigen gesellschaftlichen Auftrag nachkommt. Die Handwerkskammern und unsere Betriebe sind bereit, sich noch weiter zu engagieren. Die Berater der Arbeitsagenturen sollten uns mehr Flüchtlinge schicken, die Talent mitbringen - und natürlich die Bereitschaft zur Ausbildung im Handwerk.

Heißt das, Flüchtlinge schlagen das Angebot, in einem Handwerksberuf zu arbeiten, aus?
Wollseifer:
Handwerk hat in den Herkunftsländern ein oft sehr niedriges Niveau, das ist nicht unbedingt die berufliche Zielsetzung. Den hiesigen Stellenwert muss man erst mal erklären. Das gilt ja oft auch für türkisch- oder arabischstämmige Jugendliche und ihre Familien, die in Deutschland leben. Unsere Handwerker sind weltweit führend, die berufliche ist der akademischen Ausbildung gleichgestellt. Die digitale Welt findet sich in den Ausbildungsordnungen längst wieder. Das wissen diese Jugendlichen alles nicht, das müssen wir erklären und ihnen zeigen. Damit sie Geschmack an einer Karriere im Handwerk finden.

Welche Qualifikationen bringen denn die Flüchtlinge mit?
Wollseifer:
Selbst Leute aus Afghanistan, Irak oder Syrien mit handwerklichen Kenntnissen sind nicht auf dem Ausbildungsstand wie unsere Leute. Wir haben schon sehr früh gefordert, bei den Flüchtlingen mit der Registrierung auch berufliche Qualifikationen abzufragen. Das ist viel zu selten passiert, die Behörden waren lange überfordert. Ich wäre dankbar, wenn mir jemand sagen könnte, wie viele Flüchtlinge eigentlich zu versorgen sind.

Und viele die hier sind, wissen selbst nicht, ob und wann sie wieder gehen müssen.
Wollseifer
: Die neuen Integrationsgesetze vom Sommer 2016 lassen zu, dass jeder Flüchtling, der entweder Asyl gewährt bekommen hat oder geduldet ist, eine Ausbildung beginnen kann. Auch geduldete Flüchtlinge können jetzt nach der 3+2-Regel die Ausbildung beenden und zwei weitere Jahre arbeiten. Aber hier sollten in allen Bundesländern schnell die Entscheidungen fallen. Junge Männer darf man nicht monatelang ohne Beschäftigung herumsitzen lassen - dann verlieren sie die Motivation.

Kein Betrieb will doch ausbilden, wenn der Auszubildende danach das Land verlassen muss.
Wollseifer:
Die Ausbildung ist eine Investition. Und bei diesen jungen Leuten, über die wir hier reden, ist es sogar eine große Investition, weil man sich intensiv um die Menschen bemühen muss. Die Betriebe machen das. Die Betriebsinhaber und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen sich enorm ein, auch sozial. Das muss sich dann auch auszahlen, indem man zwei Jahre eine Fachkraft hat.

Wirkt sich der negative Stimmungsumschwung beim Thema Flüchtlinge, der im Land an vielen Stellen zu beobachten ist, auch bei den Handwerksbetrieben aus?
Wollseifer:
Wir haben nach wie vor eine hohe Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. Aus den Betrieben, in denen Flüchtlinge ausgebildet werden, kommt auch viel positives Feedback. Es klappt nicht immer, aber in den meisten Fällen ist es erfolgreich. Die Aufnahmebereitschaft ist deshalb nach wie vor groß. Doch natürlich gilt: Diejenigen, die unberechtigt hier sind, müssen abgeschoben werden.

Wenn Sie all' das zusammen nehmen – ist die Aufgabe, die Menschen zu integrieren, lösbar?
Wollseifer:
Wir sind zuversichtlich, die Integration ins Handwerk, in den ersten Arbeitsmarkt, zu schaffen. Denn das ist uns wichtig: Wir wollen nicht, dass Flüchtlinge Handwerker zweiter Klasse werden – sie sollen die duale Ausbildung durchlaufen und Fachkräfte werden. Dabei ist jedoch die Begleitung wichtig – durch die Betriebe, aber auch durch Willkommenslotsen etwa, die bei den Problemen helfen. Viele jugendliche Flüchtlinge haben Schlimmes erlebt, sind traumatisiert – ohne Kümmerer geht`s da nicht.

Sie könnten also dieser Einschätzung zustimmen: Nach einem Jahr Flüchtlingskrise hat das Handwerk seinen Optimismus nicht verloren?
Wollseifer:
Genau. Diese gesellschaftliche Aufgabe übernehmen wir – aber es geht nicht allein, Bund und Länder, vor allem auch die Arbeitsagenturen müssen helfen. Unser Optimismus speist sich auch aus der Vergangenheit. In den 90er Jahren hatten wir noch mehr Zuwanderer als aktuell. Viele haben sich schnell integriert, ihre Kinder in handwerkliche Ausbildung geschickt. Handwerk packt an, ist pragmatisch – aber nie euphorisch.

Interview: Florian Ludwig