16.10.2017

"Innovation speist sich aus Wettbewerb"

Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, spricht im Interview mit PKV publik über die Bedeutung der Privaten Krankenversicherung für Betriebe und  Beschäftigte im Gesundheitshandwerk. 

Herr Schwannecke, welche Rolle spielen handwerkliche Betriebe in der Gesundheitswirtschaft für den Standort Deutschland?  

Schwannecke: Die Gesundheitswirtschaft – speziell auch im Handwerk – ist von erheblicher ökonomischer Bedeutung für den Standort Deutschland. Die Gesundheitswirtschaft insgesamt trägt zu zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Und ihre Bedeutung wird in Zukunft - schon allein aufgrund des demografischen Wandels - noch deutlich steigen, auch im Handwerk. Rehabilitation, Prävention, das Ausgleichen von Erschwernissen und Behinderungen, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und von Mobilität zu ermöglichen – das alles wird in Zukunft in einer alternden Gesellschaft wesentlich an Bedeutung gewinnen.  

Über welche Berufe reden wir da?  

Schwannecke: Es gibt fünf Gesundheitshandwerke als Leistungserbringer im Gesundheitssystem: Hörakustiker, Augenoptiker, Zahntechniker, Orthopädietechniker und Orthopädieschuhtechniker. Deutschlandweit gibt es etwa 26.000 Betriebe mit etwa 190.000 Beschäftigten, von denen die meisten auch ausbilden.  

Diese Leistungen müssen ja finanziert werden. Wie wichtig ist dafür das Miteinander von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung für das Gesundheitssystem in Deutschland?  

Schwannecke: Die Betriebe des Handwerks haben mit der Privaten Krankenversicherung immer gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet; sie ist ein verlässlicher Partner bei der Finanzierung unserer Leistungen. Der Dualismus zwischen der Gesetzlichen und der Privaten Krankenversicherung ist für uns aber auch aus einem weiteren Grund von entscheidender Bedeutung. Denn diese Konkurrenz führt zu einem positiven Wettbewerb. Und daraus speisen sich auf der einen Seite Innovationen und auf der anderen Seite Möglichkeiten zum Heben von Effizienzreserven. Wir brauchen beides. Deshalb sind wir strikt gegen jeden Versuch, die private Säule zu schwächen oder der Abschaffung dieser Säule das Wort zu reden. Das liegt nicht im Interesse des Gesundheitssystems, und das liegt auch nicht im Interesse von Unternehmern und Beschäftigten.  

Sie lehnen Forderungen nach Einführung eines Einheitssystems also ab? 

Schwannecke: Ja, definitiv. Eine Bürgerversicherung ist nicht der richtige Weg. Wenn man den gesunden Wettbewerb zwischen der Gesetzlichen und der Privaten Krankenversicherung deutlich schwächt oder sogar aufhebt, werden die Kosten steigen und der Wettbewerb wird abnehmen. Und wie ich schon sagte: Innovation speist sich aus Wettbewerb.  

Gibt es weitere Gründe, die für den Wettbewerb von GKV und PKV sprechen?  

Schwannecke: Für die Betriebe des Handwerks – für unsere Unternehmen, aber auch für unsere Beschäftigten – ist von zentraler Bedeutung, dass die Beitragslast nicht weiter steigt. Das ist deshalb so wichtig für uns, weil das  Handwerk einer der lohnintensivsten Wirtschaftsbereiche ist. Alles, was den Faktor Arbeit teurer macht, ist ein knallharter Wettbewerbsparameter für uns – anders als beispielsweise in der Industrie, wo sich viele Prozesse automatisieren lassen. Daher ist für uns extrem wichtig, dass der Arbeitgeberbeitrag in der Gesetzlichen Krankenversicherung bei 7,3 Prozent verbleibt. Genauso wichtig ist, dass die Gesamtsozialabgaben die Grenze von 40 Prozent nicht überschreiten. Insofern wirkt sich auch der Beitragswettbewerb von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung positiv aus, weil dadurch die Kostenentwicklung nicht aus dem Ruder läuft.  

Was empfehlen Sie der Politik?  

Schwannecke: Erstens sollten wir endlich darangehen, die Beitragslast in der Gesetzlichen Krankenversicherung von Kostenelementen zu befreien, die da nicht hingehören. Damit meine ich gesamtgesellschaftliche Ausgaben und versicherungsfremde Leistungen. Ich nenne als Stichwort mal die kostenfreie Familienmitversicherung.   Zum zweiten sollten wir die Effizienzreserven, die im System vorhanden sind, tatsächlich heben. Wenn wir das tun, hätten wir auch für die Arbeitnehmer ein deutliches Stück mehr Beitragsgerechtigkeit hergestellt.  

Eingangs hatten Sie den demografischen Wandel  erwähnt. Welche Veränderungen  erwarten Sie durch diese Entwicklung?  

Schwannecke: Wir sind ja mittendrin im demografischen Wandel. Wir werden immer mehr Ältere, und zugleich verringert sich die Zahl der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger. Diese Entwicklung hat gravierende Konsequenzen für die Gesellschaft, für die Wirtschaft und nicht zu vergessen auch für die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme. Wie ich schon erwähnt hatte, ist das Handwerk der personalintensivste Wirtschaftsbereich in Deutschland. Arbeitskosten sind für uns massive Wettbewerbsparameter. Die Kosten der sozialen Sicherungssysteme sind derzeit aber noch sehr stark mit dem Faktor Arbeit verknüpft. Hier sollte sich die Politik rechtzeitig um sachgerechte Lösungen bemühen.  

Eine weitere Ausprägung der demografischen Entwicklung erleben wir im Handwerk schon jetzt hautnah, und zwar auf der Ebene der Fachkräfte- und Nachwuchsgewinnung. Es gibt inzwischen etwa 120.000 Schulabgänger weniger als noch vor zehn Jahren. Der Wettbewerb um gute Kräfte wird also stärker. Gleichzeitig entwickelt sich aus dem Wechselspiel der demografischen Entwicklung mit der zunehmenden Digitalisierung ein verändertes Arbeiten. Arbeit wird anders organisiert als früher und ist an anderen Orten möglich. Die Strukturen der Leistungserbringung, das Ob und das Wie, ändern sich dadurch völlig. Auch darauf müssen wir uns einstellen. 

 

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