25.06.2018

"Handwerkertermine bald nur noch für Stammkunden?"

Foto: ZDH/Schüring.

Im Interview mit der Funke Mediengruppe erklärt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer die Wartezeiten auf Maler und Klempner. Und die Frage: Was verdient ein Meister?

Herr Wollseifer, wie erklären Sie sich den Boom in der Handwerksbranche?

Wir haben eine extrem hohe Nachfrage, dazu sehr niedrige Zinsen. Das begünstigt die Auftragslage. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Doch es gibt nicht genügend Fachkräfte. Über viele Jahre haben sich zu wenig Jugendliche für eine Lehre im Handwerk entschieden. Jedes Jahr fehlen 15.000 bis 20.000 Azubis und Lehrlinge.

Wie viele zusätzliche Mitarbeiter im Handwerk brauchen Sie?

Derzeit könnten wir 200.000 bis 250.000 zusätzliche Handwerker sehr gut in unseren Betrieben unterbringen.

Wo ist der Mangel besonders groß?

Ganz besonders bei den Bäckern und Fleischern. Auch bei Klempnerbetrieben, Sanitär- und Heizungsbetrieben und in der Haustechnik ist der Mangel an Auszubildenden und Fachkräften gravierend.

Wer heute einen Handwerker braucht, kann sich auf wochenlanges Warten einstellen.

Die Handwerker arbeiten schon derzeit an ihrer Belastungsgrenze. Die Auftragsbücher sind so voll, dass Aufträge abgelehnt werden müssen, wenn sie nicht von Stammkunden kommen. Das ist eine schwierige Lage, die keinem Handwerker gefällt.

Aber es fehlt schlicht am Personal. Das Problem mit den langen Wartezeiten im Handwerk wird sich noch verschärfen. Rund 200.000 Betriebe mit rund einer Million Mitarbeitern stehen in den kommenden fünf bis sechs Jahren vor einem Generationswechsel. Nachfolger werden gesucht.

Und werden Nachfolger gefunden?

Für einen Meister ist das eine große Chance, sich selbstständig zu machen. Allerdings fürchten wir, dass nicht alle Betriebe fortgeführt werden. Es gibt weder in den Familien selbst noch von außen genügend Nachwuchs. Wenn ein einzelner Handwerksbetrieb seine Tür schließt, dann fallen im Schnitt vier bis sechs Arbeitsplätze weg.

Das hört sich erst mal nicht so viel an. Wenn aber 50.000 Betriebe nicht übernommen werden, dann sind das rund 250.000 bis 300.000 Arbeitsplätze, die dadurch wegfallen. Das trifft oft Betriebe auf dem Land – wodurch neue Versorgungsengpässe entstehen. Aber dieser drohende Schwund scheint kaum einen zu kümmern, auch nicht in der Politik. Hier sind Arbeitsplätze im großen Stil in Gefahr.

Wie wollen Sie die Misere lösen?

Wir werben auf allen Kanälen für das Handwerk. Wir brauchen die Jugend so dringend, sie ist unsere Zukunft. Wir haben zusammen mit dem Bundesbildungsministerium und der Kultusministerkonferenz Programme initiiert, die das Handwerk attraktiver machen. Es gibt in einigen Bundesländern bereits Pilotprojekte für das „Berufsabitur“, das ein vollwertiges Abitur mit einem Ausbildungsberuf samt Gesellenprüfung verbindet. Das dauert insgesamt vier- bis viereinhalb Jahre. Wir kümmern uns auch um Migranten, die schon länger im Land leben, um ihnen das Handwerk näherzubringen.


Das Interview führten Karsten Kammholz und Beate Kranz von der Funke Mediengruppe und ist am 25. Juni 2018 u. a. in der Berliner Morgenpost, in der Westfalenpost und der Westfälischen Rundschau erschienen.