11.06.2019

"Handwerk investiert in Menschen"

Foto: ZDH/Boris Trenkel

Mit dem Nord Handwerk sprach ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke über die zentralen Herausforderungen und die Zukunft des Handwerks.

Ist das noch Handwerk? Diese Frage stellt die Imagekampagne und ist der Titel Ihres gerade erschienenen Jahrbuchs. Sie zielt auf Betriebe, deren Inhaber ihre Arbeit neu denken. Was ist 2019 noch Avantgarde? Was davon wird 2030 in der Mitte des Handwerks angekommen sein?
Niemand kann in die Glaskugel schauen. Digitalisierung, Globalisierung, die Individualisierung der Gesellschaft haben eine Dynamik erreicht, die mittelfristige Vorhersagen fast unmöglich machen. Aber eines zeigen unsere Daten: Die genannten Entwicklungen werden von den Betrieben erfolgreich aufgenommen. Das ist ein ständiger Anpassungsprozess, der keinen Bereich unberührt lässt. Er beginnt mit der Frage, wie ich meine Mitarbeiter beschäftige, und endet mit dem Nachdenken über neue digitale Geschäftsmodelle. Und das ist notwendig: Wer sich diesen Veränderungsprozessen nicht stellt, wird über kurz oder lang auf der Strecke bleiben. Natürlich gibt es und wird es immer Unternehmen geben, die bewusst in Distanz zum Mainstream bleiben, sich auf das – ich nenne es einmal traditionell - Handwerkliche konzentrieren. Sie werden auch künftig ihre Kunden finden. Aber sie agieren in der Nische.

Es geht also um die bewusste unternehmerische Entscheidung?
Ja. Die Unternehmen müssen ihre Position am Markt in all ihren Facetten ausleuchten und hinterfragen. Dann öffnen sich Horizonte. Diejenigen, die sich verweigern und sagen, das läuft seit Jahren so und wird auch so weitergehen, werden unter gravierenden Druck geraten. Da bin ich ziemlich sicher.

Die Digitalisierung beschleunigt den Strukturwandel im Handwerk. Von den Rändern her gerät die Mitte, der idealtypisch gedachte inhabergeführte Meisterbetrieb, immer stärker unter Druck. Der Begriff Handwerk benötigt ein zeitgemäßes Profil. Zu sagen, Handwerk ist das, was in der Handwerksrolle eingetragen ist, wirkt nicht gerade identitätsstiftend. Warum wird die Diskussion hierüber nicht offensiver geführt?
Die Diskussion um die Wirkung von Globalisierung und Digitalisierung auf die DNA des Handwerks wird geführt. Kontinuierliche Veränderung und Weiterentwicklung gehören seit jeher zum Handwerk. Aber der Wandel wird immer schneller und tiefer. Neu ist, dass sich das Handwerk in immer größerer Vielfalt bewegt. Wir haben auf der einen Seite eine deutliche Zunahme an Kleinstunternehmen, auf der anderen einen Rückgang bei den Betriebsgrößen, die wir immer als die stabile Mitte verstanden haben. Diesen stabilen Kern brauchen wir, gerade auch in unseren Organisationen. Bei aller strukturellen Spreizung sind es zwei Momente, die entscheidend zur DNA des Handwerks gehören: Handwerk investiert in Menschen. Im Handwerk arbeiten Menschen. Das ist das Eine. Das Andere ist das handwerkliche Können, für das der Meister steht.

In den zulassungsfreien Gewerken sind zahlreiche Menschen ohne hinreichende Qualifikation am Markt unterwegs. Wenn Könnerschaft zur DNA des Handwerks gehört, müssten die Bildungseinrichtungen diesem Personenkreis hinreichend Angebote machen. Das scheint nicht der Fall.
Das stimmt so nicht. Die Angebote der Bildungseinrichtungen sind breit gefächert. Viel stärker treibt uns aber die Frage um: Wie bekommen wir Qualifizierte in die Betriebe. Hier können wir noch größere Anstrengungen unternehmen. Die Politik übrigens auch.

Digitalisierung meint nicht nur digitale Werkzeuge und Vernetzung der Wertschöpfungskette. Sie schafft auch Raum für neue Geschäftsmodelle. Online-Heizungsbauer zum Beispiel schicken sich an, den Markt aufzumischen. Die Gründer dieser Start-ups kommen nur selten aus dem Handwerk. Verschlafen Betriebe hier Chancen?
Nein. Wenn ich mir die diesbezüglichen Beispiele auf der IHM in München vergegenwärtige, dann ist mir nicht bang. Für die Betriebe des Handwerks wird es darauf ankommen, ihren Kundinnen und Kunden zu zeigen, dass es ein Mehrwert ist, von einem verlässlichen, qualitativ hochwertig arbeitenden Handwerker vor Ort betreut zu werden. Der Faktor Nähe ist viel wertvoller als eine von Algorithmen gesteuerte Zuweisung. Das müssen die Betriebe kommunizieren und leben. Unsere Botschaft an die Betriebe lautet: Ihr braucht keine Angst vor der digitalen Technologie zu haben. Ihr könnt das für euren Bereich gestalten und nutzen. Und wir helfen euch dabei. Genau deshalb ist es für uns so wichtig, mit Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums das Digitale Kompetenzzentrum zu haben, das Betriebe mit zahlreichen Beratungs- und Schulungsangeboten unterstützt.

Chancen nutzen lautet die digitale Herausforderung. Betriebe im ländlichen Raum haben hierzu häufig wegen fehlender Infrastruktur keine Möglichkeit.
Wir fordern seit Jahren, dass der Breitbandausbau flächendeckend erfolgen muss und nicht nur in den Ballungszentren. Ländliche Räume sind Zukunftsräume, können das aber nur sein, wenn sie Menschen, Betrieben und deren Mitarbeitern tatsächlich Zukunft anbieten. Unsere strukturpolitischen Erwartungen dazu liegen auf dem Tisch. Wir müssen weg von dem Ansatz, dass Politik für ländliche Räume allein Landwirtschaftspolitik ist. Es geht um Breitband, aber auch um den öffentlichen Personennahverkehr, um Bildungseinrichtungen, um medizinische Versorgung und vieles mehr. Beinahe die Hälfte unserer Betriebe wirtschaften im ländlichen Raum. Die dürfen nicht einfach abgehängt werden. Die Entwicklung der Fläche ist eine ganz entscheidende Zukunftsfrage. Im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern, dem Landkreistag, dem Städte- und Gemeindebund und dem Bundeslandwirtschaftsministerium das „Aktionsbündnis Leben auf dem Land“ aus der Taufe gehoben. Bei der Politik verfängt der breiter gefasste Ansatz offenbar inzwischen.

Eine andere Zukunftsfrage ist die Fachkräftesicherung. Welche Anstrengungen sind notwendig, um die Bedarfe mittelfristig zu decken?
Es gibt einen politisch-gesellschaftlichen Auftrag auf der einen und einen Auftrag an die Wirtschaft auf der anderen Seite. Politik und Gesellschaft müssen wieder dahin kommen, akademische und berufliche Bildung als gleichwertig zu verstehen. Jahrzehntelang wurde beklagt, in Deutschland gäbe es im internationalen Vergleich zu wenig Akademiker. Die Folge: Knapp 60 Prozent eines Jahrgangs an Schulabgängern gehen heute an die Uni – und ernüchternd: Fast jeder dritte Student bricht sein Studium vorzeitig ab. Zugleich fehlt dem gewerblichen Bereich der Berufsnachwuchs. In den Köpfen sitzt ein falsches Signal. Das müssen wir umpolen. Gleichwertigkeit muss sich aber auch in der finanziellen Förderung ausdrücken. Inakzeptabel ist, dass die Politik Milliarden in Hochschulpakte pumpt, sich aber kleinlich zeigt, wenn es darum geht, ein Bildungszentrum des Handwerks mit zusätzlichen digitalen Komponenten auszustatten. Die Liste ist lang, was zu tun ist, um mehr junge Menschen fürs Handwerk zu gewinnen. Berufsorientierung steht ganz oben. An allen allgemeinbildenden Schulen muss über die Vielfalt der beruflichen Bildungswege informiert werden. Kindern müssen wir früh erfahrbar machen, wie erfüllend handwerkliches Arbeiten sein kann. Oder deutlicher: Werkunterricht gehört wieder auf den Stundenplan. Das geht weiter über neue Bildungsinstrumente wie das BerufsAbitur. Lassen Sie es mich in aller Bescheidenheit als eine große Leistung der Interessenvertretung des Handwerks bezeichnen: Das BerufsAbitur haben wir initiiert und gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz aus der Taufe gehoben.

Und der Auftrag des Handwerks bei der Fachkräftesicherung?
Betriebe und Organisation leisten eine ganze Menge. Das Handwerk kümmert sich um alle Gruppen, die als zukünftige Fachkräfte in Frage kommen. Etwa um die, die sich schwertun, eine strukturierte Ausbildung zu durchlaufen. Die Organisationen unterstützen das mit ganz unterschiedlichen Instrumenten: Ausbildungsbegleitende Hilfen gehören dazu, genauso Instrumente, um Ausbildungsabbrüche zu verhindern. Das bewährt sich ungemein und kostet nur wenige Millionen Euro. Und trotzdem müssen wir immer wieder dafür kämpfen, dass ein solches Instrument verlängert wird. Eigentlich kaum zu glauben. Betriebe und Organisationen helfen und unterstützen bei der Integration von Studienaussteigern, engagieren sich für die Qualifizierung von Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, um nur einige Punkte zu nennen. Deutlich Luft nach oben gibt es, wenn es darum geht, mehr Frauen in die Ausbildung und Meisterprüfung zu bekommen. Da könnten wir noch mehr tun. Stichwort Teilzeit, Teilzeitausbildung, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aber die Tendenz beim Frauenanteil im Handwerk ist positiv.

Was darf sich das Handwerk vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz erhoffen?
Wir haben die Politik gedrängt, dieses Gesetz in Gang zu bringen. Unser Thema dabei: die gesteuerte Zuwanderung von beruflich Qualifizierten. Auch das hat etwas mit Gleichwertigkeit zu tun. Bisher stand nur akademische Zuwanderung im Blick. Die Offenheit für beruflich Qualifizierte haben wir vorangetrieben. Nach dem jetzigen Entwurf fallen die Vorrangprüfung und die Einschränkung auf Mangelberufe weg. Das ist die richtige Richtung. Aber ehrlicherweise muss man auch sagen: Gesteuerte Zuwanderung allein wird unser Fachkräfteproblem nicht lösen, bestenfalls lindern. Wir müssen zudem das inländische Potenzial so gut es geht ausschöpfen.

Im Februar hat der Bundesrat einem Antrag zur Wiedereinführung der Meisterpflicht in einigen heute zulassungsfreien Gewerken zugestimmt. Welchen Beitrag kann die sogenannte Rückvermeisterung für die Fachkräftesicherung leisten?
Der Meister ist die Seele und der Garant des handwerklichen Qualifizierungssystems, unserer dualen Ausbildung überhaupt. Durch die Aufhebung der Meisterpflicht in 53 Gewerken hat die Politik 2003/04 die fatale Botschaft ausgesendet, Qualifizierung wäre nicht wichtig. Das hat nicht nur das Selbstbewusstsein und die Identität der betroffenen Gewerke erschüttert. Es hat den Wissenstransfer über den Dreiklang Meister, Geselle, Azubi massiv geschwächt und damit letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Die Frage der Wertigkeit ist an dieser Stelle eine ganz entscheidende. Wie soll ich junge Menschen begeistern, einen Beruf zu erlernen, wenn sie glauben müssen, Kenntnisse und Fertigkeiten sind nicht wichtig, das kann ja jeder. Wir haben uns mit Nachdruck dafür eingesetzt, in möglichst vielen Gewerken, die zulassungsfrei gestellt wurden, die Meisterpflicht wieder einzuführen. Deshalb begrüßen wir es sehr, dass die Bundesregierung unsere Forderungen aufgenommen hat. Der erklärte Wille ist da, das Verfahren auf dem Weg.

Welche Gewerke wird das betreffen?
Das ist eine gern gestellte Frage. Und die Antwort lautet, das lässt sich im Augenblick schlichtweg nicht beantworten.

Das Handwerk erlebt seit Jahren eine sehr gute Konjunktur? Bei aller Freude darüber, birgt die Entwicklung nicht auch die Gefahr, dass Betriebe sich an die ungebrochen hohe Nachfrage gewöhnen?
Vermutlich werden Sie kaum eine Unternehmerin oder einen Unternehmer finden, der sich nicht gerne an eine gute Konjunktur gewöhnen würde. Aber im Handwerk bleibt man auf dem Boden, selbst wenn die Konjunktur brummt. Auch für dieses Jahr erwarten wir wieder ein sehr gutes Ergebnis von bis zu vier Prozent Umsatzwachstum, wenngleich es nicht mehr in allen Bereichen des Handwerks gleichförmig gut läuft. Wenn viel zu tun ist, gerät verständlicherweise das eine oder andere etwa auch bei Weiterbildungen ein bisschen ins Hintertreffen. Das sind die Schattenseiten der guten Konjunktur – wie auch die längeren Wartezeiten: Niemand lässt seine Kunden gerne länger als nötig warten. Aber was tun bei fehlenden Fachkräften?

Trotzdem ist die Gegenwart voller strategischer Herausforderungen: Digitalisierung, Qualifizierung, Verbreitungen der Eigenkapitalquote, vielleicht Vorbereitung der Betriebsübergabe und so fort.
Natürlich. Das sind alles wichtige Aspekte. Die Frage ist nur, wie weit oben steht etwas auf der Prioritätenliste. Es gibt tatsächlich eine Gefahr, sich im Erfolg einzurichten. Umso wichtiger ist es die Aufgabe der Organisation, hier frühzeitig zu sensibilisieren. Die Entscheidung ist letztlich aber eine unternehmerische.

Die Konjunktur erweitert Handlungsspielräume, überbordende Bürokratie dagegen nimmt den Betrieben die Luft. Beim Bürokratieabbau geht es nicht wirklich voran, oder?
Beim Bürokratieabbau – einem unserer Dauerthemen – ist es ein bisschen wie mit der Hydra. Man schlägt dem Ungeheuer einen Kopf ab, zwei neue wachsen nach. Manche Anläufe versanden und verhaken sich auch im Regierungsgeflecht. Doch Sie können mir glauben, die politischen Initiativen der Bundesregierung und der Europäischen Kommission beobachten wir sehr genau und begleiten sie kritisch. Einiges wurde ja auch erreicht wie zum Beispiel die One-in/One-out-Regel. Das wird nur leider schnell vergessen. Bürokratieabbau ist eines unserer Schwerpunktthemen in diesem Jahr. Wir wollen das Thema im Dialog mit Handwerksbetrieben, den Organisationen sowie Politik und Verwaltung in die Fläche tragen. Darum mein herzlicher Appell an die Kammern; Verbände und Kreishandwerkerschaften, sich mit den Unternehmen zusammenzusetzen. Welche bürokratischen Lasten fallen an von der Auftragsanbahnung bis zur Abarbeitung? Wir brauchen Lebenslagenberichte aus allen Sektoren des Handwerks. Im Kampf gegen überflüssige Bürokratie haben wir uns bislang auf einzelne Ausschnitte konzentriert. Der neue Ansatz wird sein, die Belastung in Gänze, im gesamten Betriebsalltag zu erfassen und zu dokumentieren. Damit lässt sich mehr Druck auf die Politik entfalten.

Wir haben viel über Zukunftsfragen gesprochen. Welche Schwerpunktthemen hat sich der ZDH in mittlerer Perspektive vorgenommen?
Wo soll ich anfangen? Wenn man in die Landschaft des Handwerks hineinhört, taucht häufig der Begriff Wertschätzung auf. Danach, glaube ich, gibt es in den Betrieben ein großes Bedürfnis. Wertschätzung für das, was zum Beispiel in Sachen Ausbildung und Qualifizierung oder Integration tagtäglich geleistet wird. Wertschätzung drückt sich am deutlichsten in Entlastung aus. Das ist und bleibt ein zentraler Schwerpunktbereich auf unserer Agenda. Die gesellschaftliche Leistung der Betriebe verdient es, durch konkrete Entlastung anerkannt zu werden. Entlastung muss spürbar werden. Da gehört Bürokratieabbau mit hinein, aber auch finanzielle Entlastung - Stichwort Soli, Unternehmenssteuerreform oder Lohnzusatzkosten -, genauso die Unterstützung der Betriebe bei der Ausbildung. Entlastung als Ausdruck der Wertschätzung ist etwas, das sehr Vielen auf der Seele liegt. Dafür arbeiten und streiten wir.


Die Fragen stellte Thomas Meyer-Lüttge.

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