22.03.2018

Gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Über seine Erwartung an die neue Bundesregierung, den Meisterbrief sowie über die Herausforderungen der Digitalisierung und vieles mehr, sprach ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der Zeitschrift des Fachverbandes SHK Rheinland-Rheinhessen.

Am 24. September 2017 fand die Wahl des 19. Deutschen Bundestages statt. Einen neuen Bundestag gibt es, eine neue Bundesregierung gab es dagegen sehr lange nicht. Wie bewerten Sie diese vergangene Zeit ohne stabile Regierung für Deutschland, aber besonders für das deutsche Handwerk? Wie sehen Sie der vermutlich neuen Regierung aus CDU/CSU und SPD entgegen?

Es ist es gut und wichtig, dass sich Union und SPD auf einen Koalitionsvertrag geeinigt und die Regierungsarbeit jetzt endlich aufgenommen haben. Zu den Inhalten im Koalitionsvertrag: Positiv sind vor allem die Vorhaben im Bereich der Bildung zu bewerten. Hier sind die Koalitionäre dem Anspruch auf Modernisierung und Zukunftsorientierung am nächsten gekommen. In der Sozialpolitik geht es leider weiter vor allem um Verteilung von Geld statt um Einsicht in wirtschafts- und gesamtgesellschaftspolitische Notwendigkeiten. Und in der Steuerpolitik bleiben die Vereinbarungen trotz momentan sprudelnder Steuereinnahmen und Haushaltsüberschüsse weit hinter dem zurück, was notwendig und möglich gewesen wäre.


Immer mehr Menschen machen sich über Ausnahmebewilligungen selbstständig. Sehen Sie in dieser Handhabe eine Schwächung des hochgelobten deutschen Meisterbriefes, gerade weil der Meisterbrief ständigen Angriffen aus dem Ausland ausgesetzt ist?

Die gefühlte Wahrnehmung der Lage bei diesem Thema ist offensichtlich eine andere als die bestehende Realität. Der Anteil derjenigen, die sich über eine Ausnahmebewilligung oder Ausübungsberechtigung selbstständig machen, bleibt seit acht Jahren stabil. Mit diesen Ausnahmebewilligungen wie auch mit der Anerkennungsrichtlinie steht ein ausreichendes Instrumentarium zur Verfügung, um auch EU-Ausländern eine selbstständige Tätigkeit im Handwerk in Deutschland zu ermöglichen. Insofern gibt es überhaupt keinen Grund für die EU, den Meisterbrief infrage zu stellen oder gar zu schwächen. Das machen wir in Brüssel immer wieder deutlich, und haben damit durchaus Erfolg. Und auch in Deutschland setzen wir uns seitens des ZDH dafür ein, den Meisterbrief zu stärken.

 

Die Digitalisierung ist ein Zeichen unserer Zeit und wird gerade im Handwerk vielseitig diskutiert. Einerseits heißt es, dass die Digitalisierung das Handwerk in seiner Arbeit unterstützt und daher eine Digitalisierung zeitnah vollzogen werden muss. Auf der anderen Seite wird immer wieder thematisiert, dass die Digitalisierung gerade im Handwerk viele Arbeitsplätze, sogar ganze Unternehmen wegrationalisieren wird. Ist es da in Ihren Augen nicht verständlich, dass das Handwerk den Prozess der Digitalisierung ganz bewusst umsetzt? Bzw. wie kann sich das Handwerk an dieser Stelle zukunftssichernd aufstellen?

Im Handwerk verzeichnen wir umfangreiche Investitionen in die Digitalisierung. Die Betriebe haben verstanden, dass Digitalisierung nicht nur eine Homepage bedeutet, sondern dass es darum geht, Produktions- und Arbeitsprozesse digital zu gestalten. Und die Betriebe investieren in moderne Geräte, Maschinen, Computer und Software. Probleme gibt es für unsere Betriebe eher bei den äußeren Bedingungen. Wir brauchen endlich schnelles Internet und zwar überall, Glasfaser bis in den kleinsten Ort. Natürlich wird die Digitalisierung die Arbeitswelt stark verändern. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Handwerk, im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen, weiter beste Zukunftsaussichten hat. Selbst digitale Maschinen können nicht auf die individuellen Kundenwünsche eingehen, dafür braucht es weiter den Menschen. Gerade im Handwerk werden digitale Maschinen und Prozesse den Charakter eines Werkzeugs behalten und sicherlich den Menschen nicht komplett ersetzen. Roboter werden nicht autonom ins Badezimmer fahren und sich wie ein Installateur den tropfenden Wasserhahn vornehmen.

 

Wasserschäden kennen keine Kernarbeitszeit und Heizungsstörungen halten sich gerade im Winter selten an Feiertagsregelungen. Mit anderen Worten, der Kunde erwartet von seinem Handwerker einen 24/7-Service. Überdies werden lösungsorientierte und auf die individuellen Bedürfnisse des Kunden angepasste Lösungen erwartet. Warum schafft es das Handwerk nicht, kostendeckende Stundenverrechnungssätze, wie es in der Industrie selbstverständlich ist, zu fordern? Fehlt es hier in gewissem Maße an Wertschätzung handwerklicher Tätigkeiten in der Gesellschaft?

Nach unseren Erfahrungen wird handwerkliche Arbeit durchaus sehr wertgeschätzt, das können wir bei unseren Kundenkontakten immer wieder feststellen. Auch unsere Imagekampagne trägt sicher zu einer Wertschätzung von Handwerker-Arbeit in einer breiten Öffentlichkeit bei. Wertschätzung allein hält einen Betrieb jedoch nicht am Laufen. Es bleibt deshalb unser aller Aufgabe, noch stärker zu kommunizieren, dass wertvolle Arbeit auch ihren Preis hat. Denn um langfristig im Wettbewerb bestehen zu können, sind Handwerksbetriebe - wie alle anderen Unternehmen - auf kostendeckende Einnahmen für ihre Leistungen angewiesen. Bei der Ermittlung von Stundenverrechnungssätzen unterstützen wir die Betriebe mit unseren Betriebsberatern in der Handwerksorganisation. Es werden auch Kalkulationshilfen und von uns erhobene gewerkspezifische Datensammlungen wie Betriebsvergleiche zur Verfügung gestellt.

Auch im Bereich der Ausbildung heißt es häufig „Ich mache nur eine Ausbildung“. Dabei wissen alle, die im Handwerk tätig sind, um die hohe Qualität der dualen Ausbildung. Welchen Beitrag muss Ihrer Meinung nach die Politik leisten, dass auch die handwerkliche Ausbildung ihre berechtigte Anerkennung/ihr gesellschaftliches Standing erhält?

Mit dem Werbefeldzug der Politik für Abitur und Studium in den vergangenen 20 Jahren hat sich die einst positive Sicht auf die duale Ausbildung gewandelt. Schulabgänger streben heute mehrheitlich das Abitur und ein Studium an. Dahinter steckt der Irrglaube, dass nur mit einem abgeschlossenen Studium ein sorgenfreies Leben mit angesehener gesellschaftlicher Stellung möglich ist. Um diese Entwicklung zu stoppen, fordern wir die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung, gesellschaftlich und finanziell. Bereits seit acht Jahren wollen wir mit unserer Imagekampagne gezielt gerade auch bei Jugendlichen Lust auf das Handwerk machen. Über Social Media Kanäle sprechen wir Jugendliche direkt an und ermuntern sie, ins Handwerk zu kommen. Dass CDU, CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag jetzt endlich einen Berufsbildungspakt verankert und sich zudem darauf verständigt haben, die berufliche Bildung stärker zu fördern, sind richtige und wichtige Schritte. Wir müssen zu einer Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Ausbildung kommen – bei der finanziellen Förderung, doch vor allem auch in der gesellschaftlichen Wertschätzung.

Das Interview führte Katharina Hilger, Geschäftsführerin Fachverband SHK Rheinland-Rheinhessen, erschienen in FV-Informationen 03/2018