20.07.2018

"Gute Aussichten, gute Einkommen"

Foto: Boris Trenkel

Auch im Handwerk herrscht Fachkräftemangel. Zwischen 200.000 und 250.000 zusätzliche Handwerker könnten die Betriebe derzeit unterbringen. Das Mitarbeiterproblem wird außerdem immer größer, denn jedes Jahr bleiben viele Tausend Lehrstellen unbesetzt. Was die Branche dagegen unternimmt, erläutert Dirk Palige, Geschäftsführer des Deutschen Handwerkskammertags und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.

Das Handwerk hat ein massives Nachwuchsproblem, jedes Jahr können zwischen 15.000 und 20.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Können Sie dagegen überhaupt etwas tun?

Wir können etwas dagegen tun, wenn alle an einem Strang ziehen: Politik, Schulen, Eltern sowie das Handwerk selbst. Was wir erreichen müssen, ist, dass sich wieder eine positive Grundstimmung gegenüber einer Ausbildung im Handwerk entwickelt. Hier kann die Politik unterstützen, indem sie nicht nur die Vorzüge des Studiums betont, sondern ebenso stark für die Berufsausbildung wirbt.

Leider sprechen die Maßnahmen der Bundesregierung gerade eine andere Sprache: Die berufliche Bildung wird im aktuellen Haushalt des Bundesbildungsministeriums entgegen den Aussagen im Koalitionsvertrag stiefmütterlich behandelt, die Hochschulen dagegen erhalten in manche Bereichen wie zum Beispiel der Begabtenförderung fünfmal so viel Fördermittel. Die gerne proklamierte Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung ist das jedenfalls nicht.

Trotzdem werden viele Handwerksberufe schlecht entlohnt, es gibt Schichtdienst und harte körperliche Arbeit.

Im Handwerk kann man entgegen allen Behauptungen gutes Geld verdienen. Das Lebensarbeitseinkommen eines Handwerksmeisters liegt mit dem eines Akademikers auf Augenhöhe. Sicher wird in manchen Gewerken vorwiegend körperlich gearbeitet, aber auch hier führen die Digitalisierung und der zunehmende Einsatz neuer Maschinen und Technologien zu großen Erleichterungen.

Auch unzureichende Ausbildungsbedingungen sind mitunter ein Problem. Was unternehmen Sie dagegen?

Den wenigen Betrieben, in denen es einmal hakt, greifen wir unter die Arme. In den Handwerkskammern gibt es 185 Ausbildungsberater und -beraterinnen sowie rund 300 weitere hauptamtliche Berater. Ergänzend dazu gibt es zahlreiche Initiativen zur Unterstützung der Betriebe und zur Qualitätssicherung der Ausbildung. Die Mär von einer aus Sicht der Auszubildenden unzureichenden Ausbildungsqualität hat übrigens eine Untersuchung der Technischen Hochschule Köln widerlegt. Betrieb, Arbeitsplatz, Praxisbezug der Ausbildung und Arbeitsatmosphäre bekommen gute Noten. Auch mit der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten und den Aufgaben, die übertragen werden, sind die jungen Leute zufrieden.

Das zeigt, dass die Betriebe Wert auf eine attraktive Ausbildung legen, mit der sie Bewerber überzeugen können. Angesichts der weiter zurückgehenden Schulabgängerzahlen ist dies ein wichtiger Aspekt. Wir beobachten aber auch, dass immer mehr Lehrlinge zu Beginn ihrer Ausbildung merken, dass der angestrebte Beruf nicht wirklich zu ihnen passt. Umso wichtiger ist es, dass die Berufsorientierung in den Schulen deutlich verbessert wird, damit die jungen Menschen auch wissen, was sie erwartet.

Sind ausländische Fachkräfte eine Lösung für den Mangel an Mitarbeitern?

Sie sind zumindest ein Bestandteil der Lösung. Momentan sind im Handwerk circa 11.000 Flüchtlinge in ausbildungsvorbereitenden Maßnahmen oder bereits als Auszubildende beschäftigt. Sie werden dem Arbeitsmarkt aber erst in ein paar Jahren zur Verfügung stehen, das ist ein längerer Prozess. Darüber hinaus müssen wir aber auch junge Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Lernschwache verstärkt ansprechen sowie ältere Fachkräfte länger im Job halten.

Warum sollte ein Schulabsolvent nicht an die Uni wechseln, sondern einen Handwerksberuf lernen?

Weil im Handwerk nicht stur auswendig gelernt wird: Junge Menschen lernen hier praktisch, teamorientiert und kreativ und sehen jeden Tag aufs Neue, was sie geschafft haben. Außerdem sind die Möglichkeiten der Weiterentwicklung extrem vielfältig: vom Gesellen über Fachqualifizierungen oder den Meister bis hin zum eigenen Betrieb. Weitere Optionen sind neben dem Berufsabitur, das bereits in einigen Bundesländern angestoßen wird, das Studium nach der Lehre oder die Kombination von beidem mit einem dualen oder gar trialen Studium. Die Aussichten im Handwerk sind also glänzend.


Das Interview führte Berit Schmiedendorf und erschien am 20. Juli 2018 auf der Webseite des
Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.