08.09.2016

"Für jeden etwas dabei"

Einen "Pakt für die Berufsbildung" fordert ZDH-Präsident Wollseifer im Interview mit DHB und Norddeutschen Handwerk

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, dass das Handwerk in der Digitalisierung weiter ist, als die Gesellschaft dies wahrnimmt. Was hat sich im vergangenen Jahr getan?

Wollseifer: Die Fortschritte des Handwerks bei der Digitalisierung haben wir öffentlich stärker herausgestellt. Beispielsweise auf der Internationalen Handwerksmesse, die 130 000 Besucher zählte und ganz im Zeichen der Digitalisierung stand. In der Sonderschau „Land des Handwerks“ haben wir Betriebe als digitale Leuchttürme vorgestellt. Die Bundeskanzlerin hat echte Highlights erlebt. Zum Beispiel einen Modellbauer, der mit 3-D-Technik arbeitet. Oder den Einsatz einer Drohne beim Dachdeckerhandwerk. Für sie und viele der Besucher war das etwas ganz Neues.

Und wie wird das Handwerk bei der Digitalisierung künftig gefördert? Was planen Sie?

Wollseifer: Die Digitalisierung ist in der Spitze der Betriebe bereits etabliert. Jetzt müssen die Betriebe in der Breite mitgenommen werden. Auf der Münchener Messe haben Bundeswirtschaftsministerium und ZDH den Startschuss für das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk gegeben. Es wird mit sogenannten Schaufenstern an vier Orten etabliert: Bayreuth, Dresden, Koblenz und Oldenburg. Es soll als Netzwerk die unterschiedlichen Facetten der Digitalisierung an unsere Betriebe bringen. Die Betriebe erhalten so die Möglichkeit, sich über die neuen digitalen Möglichkeiten zu informieren. Danach können sie über den Einsatz entscheiden.

Nicht alle Betriebe sind auf einem hohen Level … Wie sieht das konkret aus?

Wollseifer: Um die Neuerungen in der täglichen Arbeit auch anwenden zu können, müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitgenommen und weiter- bzw. fortgebildet werden. Deshalb muss der Investitionsstau in den handwerklichen Bildungsstätten aufgelöst werden. Es ist doch auch im Interesse der Politik, wenn aus unseren Bildungsstätten Zentren für berufliche Exzellenz werden, so wie das auch mit den Universitäten geschieht. Der Umgang mit den neuesten digitalen Werkzeugen und Verfahren will ja gelernt sein. Ob nun Feinwerkmechaniker oder Zahntechniker – beide müssen 3-D-Druck anwenden können. Nur so halten wir uns an der Spitze. Die Sozialpartner und die Politik ergänzen ja auch laufend die Ausbildungsordnungen um die neuen digitalen Entwicklungen.

Müssen Überkapazitäten heruntergefahren werden?

Wollseifer: In den Bildungsstätten benötigen wir keinen globalen Rückbau. Aber sicher kann man durch Konzentration in einigen Fällen die Leistungsfähigkeit erhöhen. Wichtig ist, dass die Bildungsstätten permanent modernisiert werden. Die erfolgte leichte Anhebung der Förderung kann nur der Anfang des Weges sein. Wir brauchen vielmehr einen echten Pakt für die Berufsbildung.  Die Berufliche Bildung darf nicht nur sonntags gelobt werden, sondern sie muss auch werktags angemessen finanziert werden.
Es wird ja nicht leichter dadurch, dass die Mehrheit der Schüler nach Abitur und Studium strebt. Das Handwerk muss sich in der Folge noch mehr gesellschaftlich engagieren. Wir nehmen auch die mit, die sich mit dem Lernen schwerer tun, oder die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen. Bei uns ist für jeden etwas dabei. Wer nach der Schule nicht reif für eine Ausbildung ist, um den müssen wir uns verstärkt kümmern, ihn an die Ausbildung heranführen. Das bedeutet, bestehende Instrumente der Berufsorientierung oder Qualifizierung – wie die Einstiegsqualifizierung oder die berufsvorbereitenden Maßnahmen - vor dem Ausbildungsstart auszubauen. Der Weg des Jugendlichen in Betrieb und Berufsschule wird so durch geübte Kräfte begleitet. In diesem Zusammenhang ist es unverzichtbar, die Assistierte Ausbildung auch über das Jahr 2018 hinaus zu fördern. Das Handwerk setzt da auf die Unterstützung von Bundesarbeitsministerin Nahles.

Gibt es eine Zielmarke?

Wollseifer: Das ist zu früh, wir brauchen erst einmal eine Trendwende. Zu viele junge Menschen schenken sich heute die Mühen einer Ausbildung und schlüpfen nach der Schule in irgendwelche Jobs, angelockt auch vom Mindestlohn. Andere fürchten den Schritt in die Ausbildung, weil sie zu der großen Risikogruppe mit unzureichenden Deutsch- und Mathematikkenntnissen gehören. Wir müssen für die Ausbildung auch bei diesen Jugendlichen werben und ihnen helfen, den Anschluss zu finden. Dass schafft nicht allein das Handwerk, dafür brauchen wir Anschub auch von der Politik und Unterstützung von den Gewerkschaften, eben in einem Pakt für die Berufsbildung. Statt diese jungen Leute wieder in die ungeliebte Schule zu schicken, sollten ihnen unsere Meisterinnen und Meister in den Bildungsstätten in einer Berufsvorbereitung etwas vom Stolz des Handwerkers auf sein Können vermitteln, ihnen zeigen, was auch sie schaffen können.
In NRW werden in bestimmten Kommunen vor allem die Hauptschulen geschlossen, die besonders gut in der Berufsvorbereitung sind.
Viele Hauptschulen sind oder waren Partner des Handwerks. Hauptschüler finden im Handwerk die gleichen Entwicklungschancen und Karrierewege wie Absolventen der anderen Schulformen.

Wie weit sind die Pläne für ein Berufsabitur gediehen?

Wollseifer: Kammern und Arbeitsagenturen haben vielerorts Büros an den Universitäten eingerichtet, um unzufriedene Studierende zu beraten. Karriere mit Lehre ist schon für viele die richtige Alternative geworden. Nun wollen wir künftige Jahrgänge direkt nach dem mittleren Abschluss abholen, ihnen duale Ausbildung und Abitur zusammen anbieten. Das Handwerk braucht mehr leistungsorientierte Schulabgänger. 2015 hatten 12,5 Prozent der Azubis im Handwerk eine Hochschulzugangsberechtigung. Im Kölner Kammerbezirk liegt der Anteil sogar bei 19 Prozent. Wir brauchen auch Häuptlinge im Handwerk, um künftig Führungspositionen besetzen zu können. Und mutige, gut ausgebildete Unternehmer, die die Digitalisierung umsetzen.

Wie sieht die politische Unterstützung beim Berufsabitur aus?

Wollseifer:Mit der Kultusministerkonferenz haben wir eine gemeinsame Arbeitsgruppe gegründet. Bundesbildungsministerin Wanka unterstützt uns. Ziel ist es, gemeinsam mit den Ländern Pilotschulen aufzubauen. Später könnte in jedem Kammerbezirk eine Schule gemeinsam mit den Betrieben das Berufsabitur anbieten.

Sie kandidieren wieder für das Spitzenamt in Berlin – ist das Berufsabitur eines der Ziele in einer neuen Legislaturperiode?

Wollseifer: Ja, ich hoffe bei der Präsidentenwahl auf die Unterstützung und Rückendeckung der Organisation – auch um diesen ehrgeizigen Plan umsetzen zu können.

Herr Wollseifer, noch eine Frage zum Thema Integration von Flüchtlingen. Wir hören aus verschiedenen Ländern, dass die Versorgung mit Sprachkursen nicht so gut ist, dass junge Flüchtlinge zeitnah fit für den Arbeitsmarkt werden.

Wollseifer: Das Handwerk ist bereit, noch mehr junge Leute auf die Ausbildung vorzubereiten, über Berufsorientierung und die Begleitung durch die Willkommenslotsen. Aber es stockt offenbar vorher, bei Integrations- und Sprachkursen. Doch der erfolgreiche Besuch dieser Kurse ist ein Muss – viele junge Flüchtlinge werden sonst scheitern. BAMF und Arbeitsagenturen stehen aber wie wir alle vor enormen Herausforderungen, da braucht es Geduld.

Interview: IRMKE FRÖMLING/RÜDIGER GOTTSCHALK