11.03.2019

"Falsches Bildungsideal"

Foto: Boris Trenkel

Im Interview mit der Süddeutsche Zeitung spricht ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke über den Stellenwert der beruflichen Bildung und warum sich eine Karriere im Handwerk lohnt.


Dem Handwerk fehlt Nachwuchs. Junge Menschen wollen lieber studieren. Was läuft da falsch?

Wir hängen in Deutschland seit Jahrzehnten einem falschen Bildungsideal nach. Ein Studium wird als Voraussetzung für eine gute berufliche Zukunft betrachtet. Diese Einstellung müssen wir ändern: Es gibt nämlich zwei Wege, Karriere zu machen. Der eine geht über die akademische Ausbildung, der andere über die berufliche.

Wie kann man denn im Handwerk Karriere machen?
Die berufliche Ausbildung geht heute weit über den klassischen Weg Azubi, Geselle, Meister hinaus. Sie ist durchlässig und vielfach anschlussfähig - im Übrigen auch an eine akademische Laufbahn. Man kann etwa zusätzliche kaufmännische Kenntnisse erlangen, die später auf eine Meisterqualifizierung angerechnet werden können. Einige Handwerkskammern bieten auch die Zusatzqualifikation Management im Handwerk an. Wir müssen diese Karrierewege mit all ihren Facetten deutlicher machen, als wir das bisher getan haben.

Gibt es angesichts von Handwerksberufen ein Imageproblem?
Die Menschen haben vielfach tradierte Bilder im Kopf, die mit der Realität heute nichts mehr gemein haben. Das müssen wir ändern. Ein Sanitär-Heizungs-Klima-Mechatroniker zum Beispiel beschäftigt sich nicht nur mit Toiletten, sondern installiert auch die mit regenerativen Materialien betriebene Heizung. Ein Modellbauer bastelt keine Bausätze zusammen, sondern erstellt Prototypen für die Luftfahrt- und die Autoindustrie. Das ist Hightech pur.

Wie sind die Verdienstmöglichkeiten?
Als Unternehmer kann man im Handwerk viel Geld verdienen, mehr als in vielen akademischen Berufen. Wenn man gute Leistung bringt und mit Kunden umgehen kann, sind die Chancen auf gute Entlohnung so gut wie nie. Studien zeigen auch, dass ein angestellter Meister einem Bachelor im Lebensarbeitsverdienst in nichts nachsteht.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Handwerk?
Die Digitalisierung ist bei uns längst gängige Praxis. Ein Maler zum Beispiel entwickelt zusammen mit seinem Kunden digitale Pläne für die Innenraumgestaltung. Es gibt digitale Beratungsplattformen, digitale Farbkonfiguratoren.

Ein Studium ist nahezu umsonst, ein Meister teuer. Das schreckt viele ab.
Wer einen Meister macht, muss derzeit leider immer noch einen Teil der Kosten selbst aufbringen. Ein Hochschulstudium ist mit Ausnahme der Semestergebühren umsonst. Wir fordern schon seit Langem eine Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Die Ausbildung zum Meister darf den Gesellen kein Geld kosten. Hierfür muss die Bundesregierung sorgen.


Das Interview führte Bärbel Brockmann. Es ist am 7. März 2019 auf www.sueddeutsche.de erschienen.