21.03.2019

"Drei Monate sind keine Seltenheit"

Im Interview mit den Ippen Medien spricht Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer über den Nachwuchsmangel im Handwerk und die fehlende Anerkennung für die berufliche Bildung.


Vor kurzem sagten Sie: „Manche Lebensmittelbetriebe wie Bäcker und Fleischer schließen bereits einen Tag in der Woche, weil sie keine Fachkräfte kriegen". Hat sich daran was geändert?
Das wäre schön, wenn sich das so kurzfristig ändern ließe. Aber qualifizierte Fachkräfte fallen nicht von heute auf morgen vom Himmel, sondern die stehen frühestens als Ergebnis einer fundierten Ausbildung von zwei bis drei Jahren zur Verfügung. Genau hier liegt das Problem: Wir weisen bereits seit Jahren darauf hin, wie wichtig es ist, junge Menschen für eine duale Ausbildung zu gewinnen, um genügend qualifizierte Fachkräfte zu sichern. Das stieß in den vergangenen Jahren aber auf wenig Gehör. Das Bildungsmantra lautete Abi und Studium. Die Folgen spüren inzwischen viele von uns in ihrem Alltag: Weil es schlicht nicht genügend Handwerker gibt, dauert es bisweilen länger, bis einer kommt.

 

Wie lange muss der Kunden denn inzwischen warten - wie lang ist der "Vorlauf" im Schnitt in einigen Branchen?
In einigen Bereichen müssen Kunden mittlerweile bis zu zwölf Wochen warten, ehe sich der Handwerker um ihren Auftrag kümmern kann. Dabei arbeiten viele unserer Betriebe bereits wirklich an ihren Belastungsgrenzen – mehr geht aber oft einfach nicht mehr. Das ist weder für die Kunden noch für die Betriebe selbst eine erfreuliche Situation. Die Handwerksbetriebe wollen ja Aufträge zur Zufriedenheit ihrer Kunden abarbeiten. Im Schnitt dauert es aber inzwischen knapp 9 Wochen, bis der Handwerker kommt - in den Bauhauptgewerken sogar über elf Wochen, in den Ausbaugewerken zehn Wochen.

 

Und der Fachkräftemangel ist weiterhin eine Wachstumsbremse?
Allerdings! Jeden Auftrag, den ein Betrieb nicht annehmen kann, weil ihm das Personal fehlt, bedeutet letztlich nicht realisiertes Wachstum. An allen Enden fehlen Auszubildende, Gesellen und Meister. Viele Betriebe würden gerne mehr Mitarbeiter einstellen, aber das wird immer aufwendiger und schwerer. Im vergangenen Jahr hatten 38 Prozent der Handwerksbetriebe laut einer aktuellen ZDH-Umfrage große Mühe bei der Suche nach Fachkräften oder waren sogar erfolglos. Der Bedarf ist besonders im Bau, also Hochbau, Tiefbau, Straßenbau und im Ausbau hoch, aber auch in anderen Bereichen wie Sanitär Heizung, Klima und in den Lebensmittelgewerken wie etwa Metzger, Bäcker oder Konditor.

 

Was ist aus Ihrer Forderung nach einem Berufsbildungspakt geworden?
Der von uns geforderte Berufsbildungspakt hat Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden. Doch noch steht er nur auf dem Papier - er muss endlich auch mit Leben und Geld gefüllt werden. Wir fordern eine Finanzierung der beruflichen Bildung auf Augenhöhe mit der akademischen Bildung. Bislang werden die beiden Säulen doch sehr ungleich behandelt. Nehmen Sie beispielsweise die Begabtenförderung, die in der beruflichen Bildung 2019 mit gut 56 Mio. Euro vom Bund finanziert wird, während Begabte an Hochschulen mit 266 Mio. Euro fünfmal so viel erhalten. Außerdem wird das Studium aus Steuermitteln finanziert, während angehende Meister, die das gleiche Qualifikationsniveau anstreben, mindestens 36 Prozent ihrer Kosten nach den geltenden Förderkonditionen selber tragen. Hinzu kommen Prüfungskosten, wie Prüfungsgebühren und Prüfungsmaterialkosten. Um das zu ändern, fordern wir - analog zum Hochschulpakt, der aufgrund steigender Studierendenzahlen eingerichtet wurde – eine entsprechende finanzielle Ausstattung des Berufsbildungspaktes.

 

Es gibt viele Stimmen, die in diesem Zusammenhang vor einem "Akademiker-Bashing" warnen.
Uns geht es ganz und gar nicht um ein Akademiker-Bashing, ganz im Gegenteil: Wir brauchen ein Miteinander, eine ausgewogene Balance von beruflich wie akademisch Ausgebildeten, sonst wird das Fundament unserer Wirtschaft brüchig. Diese Balance ist jedoch völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Und um es deutlich zu sagen: Mit einem Übergewicht an Akademikern können wir unsere Wirtschaft als Ganzes nicht am Laufen halten. Gerade für wichtige Zukunftsprojekte wie beispielsweise die Energiewende, den analogen und digitalen Ausbau der Infrastruktur, beim Neubau und der Sanierung von Wohnraum braucht es beruflich qualifizierte Fachkräfte. Das jahrlange Mantra von Politik und OECD, nur mit Abitur und Studium lasse sich ein erfolgreicher Berufsweg einschlagen, hat dazu beigetragen, dass sich immer mehr junge Menschen von der beruflichen Ausbildung abgewendet und für die akademische Ausbildung entschieden haben. Hier müssen wir dringend gegensteuern. Wir brauchen wieder mehr gesellschaftliche Anerkennung für die berufliche Ausbildung und mehr Wertschätzung für die berufliche Tätigkeit als qualifizierte Fachkraft.



Das Interview ist am 14. März 2019 erschienen.