19.06.2017

"Diesel-Verbote treffen das Handwerk ins Mark"

Herr Wollseifer, dem Handwerk geht es gut - so gut wie lange nicht. Blicken die Betriebe auch so positiv in die Zukunft?
Das erste Quartal diesen Jahres war hervorragend, es war das beste seit der Wiedervereinigung. Bei Umsatz, Geschäftslage, Beschäftigung und auch den Investitionen liegen die Zahlen teils deutlich über denen des Vorjahresquartals. Aufgrund dieses guten Jahresstarts und auch, weil unsere Handwerksbetriebe ihre Geschäftsaussichten optimistisch einschätzen, haben wir die Konjunkturprognose für das Jahr von 2,5 Prozent auf drei Prozent angehoben. Aber natürlich kann sich das konjunkturelle Blatt auch wieder wenden – man erinnere sich nur an die Finanzkrise mit der Pleite des US-Bankhauses Lehman.
 
Es ist momentan nicht einfach, kurzfristig einen Handwerker zu bekommen. Auf welche Wartezeiten müssen sich die Kunden  einstellen?
Im Baugewerbe haben wir eine Vorlaufzeit von mehr als zehn Wochen. Die Kunden müssen also etwas Geduld mitbringen. Wegen der niedrigen Zinsen wird mehr gebaut und ausgebaut. Begünstigend kommt außerdem hinzu, dass die Bruttolöhne hoch sind und der Ölpreis niedrig. Die gute wirtschaftliche Stimmung wird erstaunlicherweise derzeit auch vergleichsweise wenig von den politischen Entwicklungen beeinflusst wie etwa durch den bevorstehenden Brexit.

Dem Handwerk fehlt es allerdings an Nachwuchs. Wann wird  der Fachkräftemangel zur Wachstumsbremse?
Immer mehr Jugendliche beginnen ein Studium. Allein in den letzten Jahren hat sich der Anteil an Studienbeginnern pro Jahrgang fast verdoppelt. In diesem Jahr sind es um die 60 Prozent. Die hohe Zahl an Studienaussteigern lässt vermuten, dass nicht alle wirklich studierfähig sind. Auf der anderen Seite konnte das Handwerk im vergangenen Jahr rund 14 000 Ausbildungsplätze nicht besetzen, und in diesem Jahr wird es ähnlich sein. Der Wettbewerb aller Branchen um die jungen Menschen ist voll entbrannt. Kurz gesagt: Wir könnten mehr einstellen, mehr Aufträge schneller erledigen und  dann auch mehr Umsatz machen, wenn wir mehr Auszubildende und Fachkräfte hätten. Mittelfristig bremst dieser Mangel an Fachkräften auch die Wirtschaft insgesamt.

 „Die Integration von Flüchtlingen in Arbeit ist zunächst eine humanitäre Aufgabe“.

Das Handwerk hat große Hoffnungen in die Flüchtlinge als  Fachkräfte von morgen gesetzt.
Lassen Sie mich betonen: Die Integration von Flüchtlingen in Arbeit ist zunächst eine humanitäre Aufgabe. Hier hat das Handwerk viel geleistet. Die Zahl der Ausbildungsverträge mit jungen Flüchtlingen lag 2016 bei rund 4.600, in NRW waren rund 700 Flüchtlinge in einer Ausbildung. Etliche weitere Tausend junge Menschen mit Bleibeperspektive befinden sich in Praktika, in Vorbereitungskursen für Ausbildungen oder Berufsorientierungsmaßnahmen. Die Handwerkskammern und unsere Betriebe sind bereit, sich weiter zu engagieren. Die Berater der Arbeitsagenturen sollten uns mehr Flüchtlinge schicken, die Talent mitbringen und natürlich die Bereitschaft zur Ausbildung im Handwerk. Denn im Handwerk bieten wir den Menschen sehr gute Chancen. Leider werden unsere Integrationsbemühungen teils auch konterkariert.

Inwiefern?
Einige Bundesländer, besonders im Süden Deutschlands, schieben Flüchtlinge ab, die schon in der Ausbildung sind. Das ist dann für den betroffenen Jugendlichen dramatisch, aber auch für den ausbildenden Betrieb, denn schließlich bleibt der Ausbildungsplatz dann unbesetzt. Unsere Betriebe brauchen aber Rechts- und Planungssicherheit. Das Handwerksengagement für Flüchtlinge ist der eine Bereich. Davon zu unterscheiden ist eine gesteuerte, am Bedarf des deutschen Arbeitsmarktes orientierte Zuwanderung von ausländischen Fachkräften. Dafür brauchen wir übersichtlichere Regelungen, weshalb wir uns für ein neues Einwanderungsgesetz stark machen.

Neben dem Fachkräftemangel ist die Digitalisierung eine weitere Herausforderung. Wird das nicht mittelfristig Jobs kosten?
Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass sich durch die Digitalisierung  ganz neue Möglichkeiten und Geschäftsfelder und damit auch Jobs ergeben. Nehmen wir das Beispiel einer Konditorei, die ich besucht habe. Die vermarkten ihre Produkte heute weltweit und verschicken sie in 42 Länder. Das wäre ohne das Internet nicht möglich.

„Der Verkehr muss flüssiger werden.“

Was erwarten Sie eigentlich von der neuen NRW-Landesregierung?
Vor allem, dass sie das Tariftreue-Gesetz überarbeitet. Es kann nicht sein, dass ein Steinmetz in Königswinter nachweisen muss, dass in den Lieferantenländern die Sozial- und Arbeitsstandards eingehalten werden. Herr Laschet hat uns hier bereits Unterstützung signalisiert. Ein wichtiger Bereich ist für uns auch die Landesentwicklungsplanung: Unsere Betriebe müssen expandieren können. Froh sind wir, dass die Hygiene-Ampel wohl kein Thema mehr ist. Und natürlich brennt uns das Thema Verkehr auf den Nägeln.
 
Was heißt das konkret?
Handwerker müssen ihre Kunden erreichen. Bei einer maroden Infrastruktur und ständigem Stau ist das mehr als schwierig. Die Kosten, die jedem handwerklichen Betrieb pro Jahr durch Stau entstehen, liegen bei rund  11.000 Euro.
 
Was wäre da Ihr Wunsch an die Stadt Köln?
Der Verkehr muss flüssiger werden. In Düsseldorf sind etwa die Ampelphasen kürzer und die Stadt hat einen leistungsfähigen Verkehrsrechner. Das macht sich schon sehr bemerkbar.

Immer mehr Städte erwägen Dieselfahrverbote. Nun soll es eins in München geben. Was bedeutet das für das Handwerk?
Ein Dieselverbot trifft das Handwerk in München, aber auch ganz generell ins Mark, weil viele Handwerksbetriebe vor allem mit Dieselfahrzeugen unterwegs sind und das in der Regel auch täglich. Es gehört zum Geschäftsmodell von Handwerkern, dass sie zu ihren Kunden  fahren. Wie sollen sie bei einem Verbot noch Baustellen anfahren und Dienstleistungen in den Innenstädten erbringen? Deshalb sind wir gegen ein abruptes Dieselverbot. Ohne Übergangsfristen, in denen sich unsere Betriebe auf Fahrverbote einstellen und ihre Fahrzeugflotte umrüsten können, bedroht ein Dieselverbot viele Betriebe existenziell. Es kann nicht sein, dass Fahrzeuge, die nach gültigen Normen angeschafft wurden, schon kurze Zeit später aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Hier erwarten wir Planungssicherheit.

Die Industrie- und Handelskammern (IHKn) waren geschockt, als in Hamburg sogenannte Kammerrebellen die Macht übernahmen und die Pflichtbeiträge abschaffen wollen. Fürchten Sie Ähnliches im Handwerk?

Hamburg war ein Sonderfall. Den Unmut der dortigen Unternehmerschaft hat - so ist zu hören – offenbar mangelnde Transparenz erregt. Für mich und den ZDH ist klar: Der Umgang mit den Pflichtbeiträgen ist sehr sensibel. Und die Betriebe haben ein Anrecht auf Transparenz.
 
In Köln hat der Hauptgeschäftsführer  jüngst sein Gehalt in Höhe von gut 200 000 Euro veröffentlicht. War das auch den oben genannten Entwicklungen geschuldet und wird sich der ZDH dafür einsetzen, dass das künftig für alle Kammern gilt?
Wir als Zentralverband sind der Meinung: Die  Mitglieder sollen das wissen, was sie wissen wollen. Wir haben nichts zu verheimlichen. Vom gesamten Haushalt der Kölner Handwerkskammer speist sich nur rund ein Drittel aus Pflichtbeiträgen, der Rest wird erwirtschaftet. Die Kammer muss also in Teilen wie ein Unternehmen geführt werden. Von daher finde ich, dass das zwar ein gutes Gehalt ist, aber auch kein überzogenes. 
 
Sie sind letztes Jahr als ZDH- und Kölner Kammerpräsident wiedergewählt worden. Machen Sie eine dritte Amtszeit?
In guten wie in schlechten Zeiten ist es eine schöne Aufgabe, für das Handwerk Politik mitzugestalten. Und mit Blick auf die gerade gute wirtschaftliche Lage kann ich nur sagen: Mancher Handwerkspräsident hatte da schwierigere Zeiten. Wenn ich gesund bleibe, dann werde ich auch für eine dritte Amtszeit sowohl in Köln als auch in Berlin antreten.
 
Das Gespräch führten Carsten Fiedler, Christian Hümmeler und Corinna Schulz.
 

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