29.11.2017

"Die Suppe müssen gefälligst die Hersteller auslöffeln"

Quelle: ZDH/Schüring

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer spricht im Interview mit der Passauer Neuen Presse über die Auswirkungen eines möglichen Dieselfahrverbots für das Handwerk und welche Erwartungen das Handwerk  an die Bundesregierung und die Autoindustrie hat.


In vielen Großstädten drohen womöglich Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge. Was würde das für das Handwerk bedeuten?

Fahrverbote sind für unsere gut eine Million Handwerksbetriebe existenzgefährdend. Unsere Handwerker sind vor allem mit Dieselfahrzeugen unterwegs zu ihren Kunden. Wenn ihnen verboten wird, mit ihren Fahrzeugen zu fahren, dann können sie nicht zu ihren Kunden kommen und dort nicht ihre Aufträge erledigen - folglich kommt auch kein Geld in ihre Kassen. Fahrverbote sind deshalb überhaupt nicht akzeptabel für uns. Es ist auch gar nicht einzusehen, dass unsere Handwerksbetriebe über enteignungsgleiche Fahrverbote für die Fehler von Herstellern und Politik haftbar gemacht werden. Die Suppe müssen gefälligst die auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben. Autohersteller und Politik müssen dafür sorgen, Mittel und auch technische Lösungen zur Verfügung zu stellen, mit denen wir schnell zu Schadstoffreduzierungen kommen.

Sollte es Ausnahmeregelungen für Handwerksbetriebe geben?

Es geht jetzt erst einmal darum, alles dafür zu tun, dass es erst gar nicht zu Fahrverboten kommt. Das Handwerk will keine Fahrverbote, aber auch die Kommunen wollen solche Dieselverbote nicht.  Wenn Müllfahrzeuge, Busse und Handwerksfahrzeuge nicht mehr in die Innenstädte fahren können, dann gefährdet das die Daseinsvorsorge. Daran ist schließlich niemandem gelegen.

Die Kommunen sollen eine Milliarden-Hilfe zur Luftverbesserung erhalten. Welche Erwartungen hat das Handwerk beim Thema Diesel-Umrüstung an die Bundesregierung und die Autoindustrie?

Bund und Industrie haben die derzeitige Zwangslage zu verantworten und deshalb ist es jetzt auch an ihnen, für Lösungen zu sorgen und massiv Maßnahmen zu ergreifen, mit denen die Grenzwerte erreicht werden etwa: Indem Abgasreinigungsanlagen schnell und kostenlos nachjustiert und Nachrüstlösungen gefunden werden. Indem in den Nahverkehr der Städte investiert wird, um den Verkehrsfluss zu verbessern, den ÖPNV auszubauen und die kommunalen Flotten zu erneuern. Und indem die Infrastruktur für E-Mobilität, aber auch für andere innovative Antriebssysteme geschaffen wird. Wir sind offen für innovative Techniken. Aber bisher ist das Angebot für leichte Nutzfahrzeuge mit Elektro-, Gas- oder Wasserstoffantrieb noch unzureichend. Die Autoindustrie steht in der Verantwortung, technische Lösungen zu finden, die Fahrverbote unnötig machen. Software-Updates reichen da nicht. Die Hersteller müssen sich auch um technische Lösungen kümmern, selbst wenn deren Umsetzung eine Zeitlang braucht. Die Politik hat jahrelang Umweltauflagen propagiert, auf die sich das Handwerk eingestellt hat: Und jetzt sollen diese Normen von einem auf den anderen Tag nicht mehr gelten?  Wir erwarten für die nach gültigen Normen gekauften Fahrzeuge Planungssicherheit und Vertrauensschutz während der üblichen Nutzungsdauer. Eine ehrliche Luftreinhaltepolitik muss zudem alle Schadstoffemittenten in den Blick nehmen und nicht nur einzelne wie etwa die Dieselfahrzeuge verteufeln und einseitig benachteiligen.

Das Interview erschien am 29. November 2017.