16.05.2018

"Der Wettbewerb um den Nachwuchs und die größten Talente verschärft sich"

Foto: ZDH/Schüring.

Im Gespräch mit der Unternehmensgruppe PEAG erklärt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke, warum der Wettbewerb um den Nachwuchs schärfer geworden ist und die berufliche Bildung eine Aufwertung erleben muss.

 

Welche Strategie verfolgt der ZDH bei der Rekrutierung von Fachkräften und Auszubildenden?

Der Wettbewerb um den Nachwuchs und die größten Talente hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Wir stellen uns diesem Wettbewerb und werben auf allen Kanälen um junge Menschen, indem wir etwa über Facebook und Instagram die vielfältigen Karrieremöglichkeiten in einem der über 130 Ausbildungsberufe vorstellen. Die Betriebe gehen in die Schulen und auf Ausbildungsmessen und machen sich in ihrem Umfeld bekannt. Mit Erfolg - es sind wieder mehr Jugendliche, die eine berufliche Ausbildung und die Weiterbildungsmöglichkeiten im Handwerk als attraktiven Karriereweg wählen. Im Jahr 2017 ist die Zahl neuer Auszubildender im Handwerk zum dritten Mal in Folge und zudem deutlich stärker als in den Vorjahren gestiegen.

 

Welche Unterstützung wünschen Sie sich dabei?

Für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist es unverzichtbar, dass alle gemeinsam daran arbeiten, der dualen Ausbildung wieder zu mehr gesellschaftlicher Wertschätzung zu verhelfen. Deutschlands Wirtschaft braucht qualifizierte Facharbeiter. Daher ist niemandem geholfen, wenn die duale Ausbildung in ein schlechtes Licht gerückt wird, indem pauschal alle Azubis als billige Arbeitskräfte mit unzureichender Entlohnung dargestellt und ihre vermeintlichen Zukunftschancen kleingeredet werden. Das lässt völlig außer Acht, dass etwa bei der Ausbildungsvergütung sehr genau zwischen Regionen und Gewerken unterschieden werden muss. Und wenn Betriebe heute händeringend nach Fachkräften suchen, dann ist das ein klares Indiz dafür, dass die Zukunfts- und Arbeitsmarktchancen im Handwerk derzeit so gut wie selten zuvor sind. Wir fordern daher, berufliche und akademische Ausbildung gerade auch bei der finanziellen Förderung gleichwertig zu behandeln. Ein Azubi-Ticket für den ÖPNV als Äquivalent zum Semesterticket ist sicher ein Lösungsbeispiel, wie Auszubildende finanziell besser unterstützt werden können, und zugleich auch die Gleichwertigkeit beider Ausbildungswege zum Ausdruck gebracht wird. Berufsschulen und die Einrichtungen des Handwerks zur Qualifizierung müssen auf den neuesten Stand hinsichtlich Ausstattung und Personal gebracht werden. Viele brauchen ein regelrechtes „Update“ und müssen an die Anforderungen der Digitalisierung angepasst werden.


Welche bietet die Politik?

Dass die Politik die guten beruflichen Chancen einer beruflichen Ausbildung wieder verstärkt in den Vordergrund rückt, hat die „Woche der beruflichen Bildung“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender gezeigt. Mit zahlreichen Besuchen des Präsidentenehepaares bei Institutionen der beruflichen Bildung auch des Handwerks haben sie es geschafft, den Blick auf die Bedeutung der beruflichen Ausbildung zur Fachkräfte- und Zukunftssicherung in Deutschland zu lenken. Das ist auch richtig - in der Vergangenheit hat die Politik viel zu sehr für Abitur und Studium geworben, das hat der einst positiven Sicht auf die duale Ausbildung geschadet. Über die Jahre ist so der Irrglaube entstanden, dass nur mit einem abgeschlossenen Studium ein sorgenfreies Leben mit angesehener gesellschaftlicher Stellung möglich ist. Inzwischen ist die Gleichwertigkeit der Ausbildungswege auch auf dem Papier verbrieft: Der Meister- und der Bachelor-Abschluss stehen im Deutschen Qualifikationsrahmen auf einer Ebene. Das muss nun wieder mehr in die Köpfe. Die Abbruchquoten beim Studium zeigen, dass dort nicht jeder junge Mensch gut aufgehoben ist.

 

Wie können Sie die Probleme bei der Übergabe der Betriebe lösen, die sich zukünftig allein aufgrund der Altersstruktur ergeben?

Wir brauchen mehr ganzheitliche Berufsorientierung, gerade auch an den Gymnasien. Es kann nicht sein, dass leistungsfähige junge Menschen nur in Richtung Studium informiert werden und von der beruflicher Ausbildung und vor allem auch den Alternativen, die berufliche Bildung integrieren - wie etwa dem dualen oder gar trialen Studium -, nichts erfahren. Wir arbeiten darüber hinaus an neuen Bildungsinstrumenten. Wir haben in sechs Bundesländern zusammen mit der Kultusminister-Konferenz das Pilotmodell „BerufsAbitur“ gestartet: Gesellen-Ausbildung plus Hochschulreife, also Zwei in Einem. Damit stehen den jungen Menschen im Handwerk alle Türen offen. Die Chancen im Handwerk sind so gut wie nie: Wir haben in den kommenden Jahren 200.000 Betriebe zu übergeben. Schneller kann man wohl in keinem anderen Wirtschaftsbereich berufliche Selbstständigkeit erreichen. Über diese guten Zukunfts- und Karriereaussichten müssen wir alle, und zwar nicht nur im Handwerk, noch viel mehr sprechen und damit werben.

 

Wie können Sie zukünftig verhindern, dass es auch im Handwerk zu viele „Abbrecher“ gibt?

Es gibt sehr unterschiedliche Ursachen dafür, dass Ausbildungsverträge vorzeitig beendet werden. Die meisten Abbrüche sind in dem Sinne gar keine. Die Hälfte der genannten 25 Prozent sind keine endgültigen Abbrüche, sondern Vertragslösungen, um in einen anderen Betrieb zu wechseln oder die Ausbildung in einem anderen Ausbildungsberuf zu starten. Damit liegt die Quote „der echten Abbrecher“ nur bei 12 Prozent und damit deutlich niedriger als die der Studienaussteiger. Auch hier gilt: Die Berufsvorbereitung in den Schulen muss deutlich verbessert werden, damit die jungen Menschen wissen, was sie erwartet.

 

Hatte die Abschaffung des Meisters negative oder positive Auswirkungen auf die Attraktivität des Handwerkberufes im Allgemeinen?

Vielfach ging in bestimmten Gewerken die Qualität der handwerklichen Leistungen zurück, seit sich dort jeder ohne irgendeinen Qualifikationsnachweis selbstständig machen kann. In einigen Gewerken ist zudem die Ausbildungsleistung beträchtlich gesunken. Das hat vor allem damit zu tun, dass dort die Zahl der Meisterprüfungen abnahm und die Zahl der Ein-Mann-Betriebe ohne Ausbildungsabsicht gestiegen ist. Im Ergebnis hat das zu weniger Fachkräftenachwuchs geführt. Wenn wir von den Nachwuchssorgen sprechen, muss man vor allem zwei Entwicklungen im Blick haben: Zum einen hat die Zahl von Schulabgängern pro Jahrgang insgesamt abgenommen, zum anderen wollen aus dieser kleiner gewordenen Gruppe von Schulabgängern immer mehr an die Uni. Deswegen muss im Vordergrund stehen, die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung wieder stärker zum Thema zu machen. Wer einen Beruf erlernt und sich weiterqualifiziert, baut sich seine Zukunft. Ein Meister verdient in seinem Leben etwa gleich viel wie ein Bachelor-Absolvent – mit einer sogar höheren Arbeitsplatz-Sicherheit. Meisterinnen und Meister sind die unverzichtbaren Säulen, die das System der dualen Ausbildung tragen. Mit hohem persönlichem Einsatz bauen sie den jungen Menschen ein tragfähiges Fundament für deren Zukunft und damit auch für die Zukunft des Handwerks insgesamt. Gemeinsam mit der neuen Bundesregierung werden wir alles tun, den Meisterbrief zu stärken und zu verteidigen.

 

Wie macht man das Handwerk für die Jugend wieder attraktiver? Welche Aufgabe könnte dabei den Schulen zukommen?

In unserer Informationsarbeit in Richtung Jugendliche geht es derzeit vor allem darum, die Erfüllung im Handwerk deutlich zu machen. Es ist eine tolle Erfahrung, am Ende des Tages zu sehen, was man kreativ mit den eigenen Händen geschaffen hat. Das kann ein großes Erfolgserlebnis sein. Wir zeigen zudem auf: Im Handwerk gibt es Arbeitsplatzsicherheit auf allen Zukunftsfeldern, etwa im Bereich der Energiewende, E-Mobility oder Smart-Homes. Wer sich weiterqualifiziert bis hin zum Meister oder Betriebswirt im Handwerk, dem winkt der eigene Betrieb und jede Menge Selbstverwirklichung. Über die vielfältigen Wege dorthin sollten bereits die Schulen umfassend informieren.