28.09.2018

"Der Meisterbrief ist eine Jobversicherung"

Foto: ZDH/Boris Trenkel

Mit der Neuen Osnabrücker Zeitung sprach ZDH-Präsident Wollseifer unter anderem über die Hintergründe für die freien Ausbildungsplätze im Handwerk sowie über moderne Technologien und eine prominente Fürsprecherin.

Herr Wollseifer, junge Menschen mit beruflicher Ausbildung kommen laut einer OECD-Studie auf eine ähnlich  hohe Beschäftigungsquote (83 Prozent) wie ihre studierten Altersgenossen (87 Prozent). Warum gehen Ihnen dennoch die Lehrlinge aus?

Bei Meistern im Handwerk liegt die Quote sogar über der von Akademikern. Der Meisterbrief ist geradezu eine Jobversicherung. In dieser Gruppe lag die Arbeitslosenquote 2016 bei gerade einmal 1,7 Prozent, bei Akademikern deutlich drüber bei 2,4 Prozent. Aber es stimmt: Trotzdem fehlen dem Handwerk um die 250 000 Fachkräfte. Der Grund: Wir kämpfen gegen veraltete Klischees. Es ist längst nicht mehr so, dass etwa alle Bäcker nachts um 2 Uhr beginnen müssen. Moderne Technik ermöglicht einen Zeitgewinn von drei bis vier Stunden, was den Arbeitsstart attraktiver macht. Und der Dachdecker muss zur Schadenskontrolle auch nicht mehr selbst auf den First. Er schickt heutzutage die Drohne hoch, die gestochen scharfe Bilder macht.

Stimmt‘s auch finanziell?

Aber sicher. Ein Meister verdient mindestens so viel wie ein Bachelor. Ein fitter Handwerksunternehmer kann einen Master finanziell locker überflügeln. Und der Lehrling bekommt während der Ausbildung eine Vergütung, ein Student dagegen nichts. Das alles ist leider nicht hinreichend bekannt. Und: In unseren über 130 Ausbildungsberufen im Handwerk arbeiten Menschen für Menschen und sehen direkte Erfolge ihrer Arbeit. Das ist in einem Schreibtischjob selten so.

Drohnen als Arbeitsmittel – ein Beispiel für die technologisch dynamische Entwicklung im Handwerk. Halten da die  Ausbildungsverordnungen noch Schritt?

Die Fülle der Innovationen erfordert, dass wir die Ausbildungsinhalte und Berufsbilder stetig anpassen. Die Innungen und Sozialpartner tun das auch, aber immer wieder hakt es dann bei der Überarbeitung in den Ministerien. Das geht dort zu langsam, und die jungen Auszubildenden müssen es ausbaden. In den Betrieben und Berufsschulen wird dann weiter nach alten Vorgaben ausgebildet, die längst überholt sind und nicht mehr der Berufsrealität entsprechen. Das ist kontraproduktiv und ein Hemmnis für gute Ausbildung.

Sie haben in Deutschlands First Lady Elke Büdenbender allerdings eine  sehr aktive  Fürsprecherin ….

Ja, und dafür sind wir sehr dankbar. Wir zeichnen sie heute in Anerkennung ihres Einsatzes mit der Ehrenmedaille des Handwerks aus. Frau Büdenbender ist zusammen mit ihrem Ehemann während der Woche der beruflichen Bildung durch das ganze Land gereist und hat für die duale Ausbildung geworben. Auch seither ist sie weiter in Sachen beruflicher Bildung unterwegs und damit ein Vorbild. Auch andere prominente Unterstützer aus Politik, Film oder Medien sind uns natürlich willkommen. Wenn sie sich mit ihrem guten Namen für berufliche Bildung stark machen, trägt das bestimmt zu mehr Wertschätzung bei. 

Die Regierungskoalition im Dauerstreit: Ist das kontraproduktiv

Allerdings! Ich bin sehr besorgt, weil die Bundesregierung auch gut 200 Tage nach Regierungsantritt keines der wirklich drängenden Probleme angefasst hat. Stillstand in Deutschland bei den entscheidenden Zukunftsthemen. Da kann auch die Wirtschaft nicht planen. Das ist verhängnisvoll und kann längerfristig die Konjunktur hemmen. Zum Beispiel brauchen wir dringend eine Steuerreform. In Zeiten übervoller Kassen könnte es sich der Staat leisten, den Bürgern etwas zurückzugeben und sie zu entlasten. Fehlanzeige, nichts passiert. Das, was die Regierung bisher auf den Weg gebracht hat, wird teuer - besonders für die nächsten Generationen. In dieses Bild passt, dass Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sich plötzlich in die Rentendebatte eingemischt und milliardenschwere Versprechen zur Sicherung der Altersversorgung bis 2040 gemacht hat.

Was hält der Bund von Union und SPD?

Wenn sie so weitermachen wie bisher, bin ich skeptisch. Wir erleben eine Regierung, die vor allem persönliche Animositäten und interne Machtkämpfe miteinander auszufechten scheint. Wir erleben Spitzenpolitiker der Bundesregierung, die das Bündnis offen in Frage stellen. Minister misstrauen sich gegenseitig. Stabilität sieht anders aus. Und das Vertrauen der Menschen und auch der Wirtschaft gewinnt die Regierung so nicht.

Neues Thema: Kanzlerin Merkel scheint nun doch Hardware-Nachrüstungen älterer Diesel-Fahrzeuge zu befürworten. Ob die Autobauer zahlen, ist offen. Was bedeutet das für Handwerksbetriebe?

Es ist ein Trauerspiel, was sich Politik und Konzerne leisten. Außer viel Gerede ist wenig passiert. Im Streit über die Notwendigkeit von Hardware-Nachrüstungen älterer Diesel treten wir seit Jahren auf der Stelle. Hätten wir zu Beginn der Dieselkrise mit Nachrüstungen begonnen, bräuchten wir uns über drohende Fahrverbote keine Gedanken machen. Jetzt aber sind wir in der Situation, schnell zu Lösungen kommen zu müssen, um Fahrverbote in Städten zu vermeiden. Es liegt doch auf der Hand, dass die Autokonzerne für die von ihnen verursachten Fehler gerade stehen müssen. Die Kosten, die sich pro Umrüstung in einem moderaten Rahmen von 1500 bis 3000 Euro bewegen, müssen von der Industrie getragen werden. Technisch ist die Hardware-Nachrüstung ohne Probleme möglich.

Zum Schluss: Es passiert immer wieder, dass Auszubildende  mit Migrationshintergrund von den Behörden aus der Schule geholt und abgeschoben werden. Wird Integrationswillen von Betrieben und Lehrlingen bestraft?

Auf jeden Fall wird dadurch das Integrationsengagement unserer Betriebe sehr auf die Probe gestellt, teils auch überstrapaziert. Zwar sind  es inzwischen eher Ausnahmen, aber sie tragen zur Verunsicherung bei: Ein Betrieb kann nicht wissen, ob es nicht auch ihn treffen könnte, wenn er einem Flüchtling die Möglichkeit zur Ausbildung gibt. Planungssicherheit für alle Betriebe besteht erst, wenn die 3+2-Regelung bundesweit einheitlich ganz ohne Ausnahmen angewandt wird und ein Lehrling seine Ausbildung beenden kann und nach seinem Abschluss noch zwei Jahre in seinem Beruf arbeiten darf, ohne dass er eine Abschiebung befürchten muss.


Das Interview führte Beate Tenfelde. Zum Interview auf www.noz.de.