24.09.2019

"Das Deutsche Handwerk wird weltweit geachtet"

ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer sprach mit ZAHNJOURNAL über die Selbstverwaltung des Handwerks, die Wiedereinführung der Meisterpflicht und die Perspektiven für junge Menschen in den Gesundheitsgewerken. Das Interview wurde im August 2019 geführt.

 

Was ist typisch für das Handwerk in Deutschland? Wo sehen Sie die Vorteile?
Wollseifer: Das Handwerk in Deutschland ist kundenorientiert, stets auf der Höhe der Zeit, innovationsstark und technologieoffen. Die Gesundheitshandwerke etwa verknüpfen Handwerk und High Tech in besonderem Maße und leisten damit einen wertvollen Beitrag in der Prävention und Rehabilitation. Deutsches Handwerk wird weltweit geachtet - nicht ohne Grund: Unser hoher Qualitätsanspruch, unsere ausgezeichnete Aus- und Weiterbildungskultur mit dem Dreiklang Azubi, Geselle, Meister in Verbindung mit einem nachhaltigen unternehmerischen Denken der meist mittelständischen Betriebsinhaber machen es einzigartig. Wir sind der größte Ausbilder der Nation - 28 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland werden im Handwerk zu Fachkräften qualifiziert. Auch andere Wirtschaftsbereiche greifen gerne auf unsere Azubis zurück. Wer bei uns im Handwerk eine Ausbildung macht, der kann sofort loslegen, wird gebraucht und bekommt Chancen, sich weiterzuentwickeln.

Was genau bedeutet Selbstverwaltung? Welche Auswirkungen hat das auf den einzelnen Handwerker? Wie stellt sich das Verhältnis von Handwerk und Politik dar?
Wollseifer:
Im Handwerk kann sich jeder einbringen, das hat bei uns eine lange Tradition. Das beginnt im Betrieb innerhalb des Teams, auf lokaler und regionaler Ebene in den Kreishandwerkerschaften und Innungen oder auch in den regionalen Handwerksorganisationen, den Handwerkskammern und Fachverbänden. Selbstverwaltung im Handwerk bedeutet zum einen ein umfassendes Beratungsangebot seitens der Handwerksorganisation für die Betriebe. In zahlreichen Stufen und Gremien findet zudem ein Meinungsbildungsprozess statt, der in branchenrelevante Positionen gegenüber der Politik mündet. Der ZDH mit Unterstützung der Handwerkskammern und Fachverbände pflegt diesen stetigen Austausch mit der Politik intensiv. Es geht vor allem darum, die Rahmenbedingungen für die Betriebe zu verbessern, um Wachstum zu ermöglichen und zu verstetigen. Selbstverwaltung bedeutet zum anderen aber auch ein enormes ehrenamtliches Engagement vieler Handwerkerinnen und Handwerker, ohne das etwa das Prüfungswesen in der Gesellen- und Meisterausbildung im Handwerk nicht denkbar wäre. Bei der Weitergabe von Wissen an die nächste Generation und bei der Besetzung der wichtigen Prüfungsausschüsse ist das Know-how der Profis aus der Praxis unverzichtbar.

Was ist die Meisterpflicht? Warum ist die Einführung für viele Gewerke von Bedeutung? Warum hatte sie für Dentallabore immer Bestand?
Wollseifer: Der Meister ist unser höchstes Qualitätssiegel im Handwerk. Er ist eine schützenswerte Allroundqualifikation und ein Garant für Verbrauchersicherheit, was gerade in den Gesundheitshandwerken von höchster Bedeutung ist. Der Meister ist zentrales Element unseres hervorragenden Ausbildungs- und Qualifizierungssystems. Es sind die Meisterinnen und Meister im Handwerk, die für den Wissenstransfer an die nächste Handwerkergeneration und damit für künftige gut qualifizierte Fachkräfte im Handwerk sorgen. Speziell in den Gesundheitshandwerken bedeutet Meisterqualität Versorgungsqualität sowie Kunden- und Patientenschutz. Nur mit einem unverändert hohen Niveau der Meisterqualifikation in diesem Bereich werden wir für Kunden auch in Zukunft für sichere und qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen sorgen können. Deswegen wurde am Meistervorbehalt für das Zahntechniker-Handwerk auch nicht gerüttelt: Hier geht es in besonderem Maße um Verbrauchersicherheit. Bei der aktuellen Diskussion um die Wiedereinführung der Meisterpflicht bei Handwerken, die 2004 zulassungsfrei gestellt wurden, geht es ebenfalls darum, das Handwerk zukunftsfit aufzustellen. Denn die Innovations- und Leistungsfähigkeit und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe werden künftig noch stärker von der Qualifikation der Betriebsinhaber und ihrer Mitarbeiter abhängen. Mehr Qualifizierung, mehr Ausbildung und mehr Verbraucherschutz sind nur über das Meisterbrieferfordernis zu haben, daher wird in einigen Gewerken zurecht deren Wiedereinführung geprüft. Die Meisterqualifikation ist zugleich das beste Instrument für nachhaltiges Unternehmertum.

Wie sieht es mit Nachwuchskräften im Handwerk aus, wenn alle studieren wollen? Wie sieht es speziell für den Beruf des Zahntechnikers aus?
Wollseifer: Das Handwerk sucht händeringend nach Nachwuchs. Und unsere Betriebe tun wirklich das ihnen Mögliche, um Azubis zu gewinnen. Sie stellen ihre Arbeit Schülern vor und treten an Schulen heran, sie gehen auf Ausbildungsmessen, sie unterstützen in ländlichen Gebieten ihre Azubis mit Mobilitätshilfen, sie engagieren sich bei der Integration von Flüchtlingen, um nur einige Beispiele zu nennen. Es ist ein teils mühseliges Unterfangen, umso mehr, als es bislang vor allem den Betrieben selbst und der Handwerksorganisationen überlassen bleibt, jungen Menschen die Berufsvielfalt und die Karriereperspektiven im Handwerk aufzuzeigen. Deswegen fordern wir eine umfassende Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen, auch an Gymnasien. Wir können nicht zulassen, dass junge Menschen weiter ausschließlich in Richtung Abitur und Studium geschickt werden, weil sie nichts von guten, sicheren und chancenreichen Alternativen im Handwerk erfahren. Gerade die Gesundheitshandwerke bieten Abiturienten und Abiturientinnen äußerst anspruchsvolle, kreative und zukunftsfähige Berufsmöglichkeiten – wie der Beruf des Zahntechnikers. Der ist schon jetzt für viele Abiturienten interessant: Ihr Anteil bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen lag 2018 bei über 45 Prozent. Fast die Hälfte der neuen Azubis waren dabei übrigens Frauen. Wir müssen aber dahinkommen, dass junge Menschen nicht nur durch Zufall oder Eigeninitiative auf diese Perspektiven stoßen.

Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der sich für den Beruf des Zahntechnikers interessiert?
Wollseifer: Zahntechnikerinnen und Zahntechniker versorgen die Patienten mit individuell angepasstem Zahnersatz – in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Zahnarztpraxen. Sie stellen handwerklich individuell für die Bedürfnisse der Patienten angepasste Produkte und Dienstleistungen her und leisten damit einen wertvollen medizinischen Beitrag zur Gesunderhaltung und Rehabilitation. Dieser Bereich hat hervorragende Zukunftsperspektiven. Mit dem Beruf einher geht der Umgang mit den neuesten digitalen Werkzeugen und Verfahren. Jungen Menschen mit Interesse an zahnmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten, mit handwerklichem Geschick, technischem Verständnis, mit Neugier auf kontinuierliche Innovationsprozesse in Markt und Technik und stetiger Bereitschaft zu Veränderung, Fortbildung und Spezialisierung kann man diesen Beruf nur ans Herz legen. Diese Handwerksbetriebe haben meist flache Hierarchien und überschaubare Betriebsstrukturen, in denen ein schneller Aufstieg möglich ist. In diesem Handwerk kann man sich schnell zum erfolgreichen Unternehmer hocharbeiten.