13.04.2017

Chancen für den Nachwuchs

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer wirbt in der "Heilbronner Stimme" für Karrieren und gute Verdienstchancen im Handwerk

Herr Wollseifer, wie geht’s dem deutschen Handwerk?

Dem deutschen Handwerk geht es prima. Die Prognose für dieses Jahr ist mit einem Umsatzplus von mindestens 2,5 Prozent sehr gut. Die Firmen haben pralle Auftragsbücher und blicken mit Optimismus in die Zukunft.

Wie lief 2016?

Mit einem Wachstum von drei Prozent war 2016 ein sehr gutes Jahr. Es hätte noch besser laufen können – doch der Fachkräftemangel wird zur Wachstumsbremse.

Wie macht sich das bemerkbar?

Unsere Kunden müssen gerade bei Bau- und Ausbaubetrieben länger warten. Die Auftragsreichweiten liegen im Schnitt bei zehn Wochen. Kunden sollten größere Aufträge also mindestens drei Monate im Voraus planen.

Hat der Fachkräftemangel spürbar negative Folgen für die Betriebe?

Ja, rund die Hälfte unserer Betriebe beklagt, dass die Besetzung offener Stellen sehr, sehr lange dauert oder gar niemand zu finden ist.

Tun die Betriebe zu wenig, um Auszubildende und Fachkräfte für das Handwerk zu begeistern?

Nein, unsere Betriebe sind offen für alle. Sie bemühen sich sowohl um die jungen Menschen, die schulisch geringer qualifiziert sind, als auch um die an der Bildungsspitze. Wir sind auf Ausbildungsmessen und in Internetbörsen unterwegs, wir kümmern uns um die Migranten vor Ort, wir bieten Schulen Partnerschaften an. Zudem konzentriert sich die Imagekampagne des deutschen Handwerks aktuell auf die sozialen Netzwerke, holt die Jugendlichen dort ab.

Mit welchem Erfolg?

Die Zahlen geben uns schon Recht. Wir verzeichnen trotz sinkender Schulabgängerzahlen und gegen den Trend im zweiten Jahr in Folge mehr Ausbildungsverträge – in der Region Heilbronn-Franken sogar überdurchschnittlich mehr. Wir hoffen natürlich, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.

Ist der Trend zum Studium, Stichwort Akademisierungswahn, ein Hauptgrund für den Fachkräftemangel im Handwerk?

Wir sollten die akademische und die berufliche Bildung, die ich für absolut gleichwertig halte, nicht gegeneinander ausspielen. Jeder junge Mensch hat Talente – und die müssen wir fördern. Das geht aber nicht über eine Überakademisierung, wie sie die Politik lange gefördert hat, weil man die Akademikerquote für zu niedrig hielt.

Ist das nicht so?

Nein, man hat beispielsweise schlicht den Meisterbrief vergessen, der akademischen Abschlüssen gleichwertig ist. Frankreich, Spanien, sogar Ägypten haben eine höhere Akademikerquote als Deutschland. Aber wenn wir die Erfolge der Volkswirtschaften vergleichen, sehen wir, dass es daran nicht liegen kann.

Fehlt es in Deutschland an Wertschätzung für das berufliche Bildungssystem, gerade aus der politischen Ecke?

Ja, die berufliche Bildung wird oft noch zu gering geschätzt und im Vergleich zu Hochschulen auch finanziell nicht ausreichend gefördert. Dabei gibt es gute Karrierechancen. Viele junge Leute, die an der Massenuni scheitern, entdecken das gerade für sich. Diese Studienaussteiger sind im Handwerk sehr willkommen.

Aufstiegschancen sind das eine, das Gehalt ist das andere. Muss das Handwerk nicht auch besser bezahlen, um junge Menschen anzulocken?

Die Ausbildung im Handwerk wird vergütet – wo gibt es das sonst? Die Vergütungen sind je nach Beruf unterschiedlich. Am oberen Ende der Skala liegen Hochbau und Gerüstbau, da gibt es im dritten Lehrjahr rund 1400 Euro im Monat.

Aber wie geht es nach der Ausbildung dann weiter?

Tüchtige Gesellen werden gesucht – und oft über Tarif bezahlt. In vielen Berufen wird die Meisterausbildung gefördert – das eröffnet beste Chancen. Wer die Verdienstmöglichkeiten von Akademikern und Handwerksmeisterinnen und –meistern vergleicht, stellt fest, dass die Lebensarbeitseinkommen im Schnitt auf gleicher Höhe liegen, manchmal darüber.

Ein Beispiel?

Der Hochbaumeister verdient nach drei Jahren im Beruf rund 500 bis 600 Euro brutto mehr als ein Architekt. Das wollen wir künftig  noch besser nach außen kommunizieren, dass man im Handwerk durchaus Karriere machen und ordentliches Geld verdienen kann.

Das Handwerk engagiert sich bei der Integration der Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wollseifer: Wir haben beim jüngsten Flüchtlingsgipfel viel Lob für unsere Bemühungen erfahren. Im Handwerk haben wir bereits über 5000 Flüchtlinge in der Ausbildung. Und wir haben einige Tausend in Vorbereitungsmaßnahmen. Ich glaube, dass eine gute sprachliche und fachliche Vorbereitung der richtige Weg ist. In den kleinteilig strukturierten Handwerksbetrieben gelingt anschließend die Integration von Flüchtlingen besonders schnell und gut.

Eine weitere Herausforderung ist die Digitalisierung. Wie sehen Sie das deutsche Handwerk hier aufgestellt?

Wir haben uns schon sehr früh mit der Digitalisierung beschäftigt. Viele Handwerksbetriebe sind hier richtige Innovationstreiber, weil sie die Chancen der Digitalisierung erkannt haben. Die Handwerkskammern und Verbände unterstützen die Betriebe auf diesem Weg. Gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium haben wir das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk gegründet, um so auch die Masse der Betriebe an diese Entwicklung heranzuführen. Im europäischen Vergleich ist das deutsche Handwerk beim Thema Digitalisierung mit führend.

Das Interview führte Jürgen Paul

Heilbronner Stimme