07.12.2016

Schluss mit Wahlgeschenken

Deutschland braucht Investitionen in die Infrastruktur, keine Wahlgeschenke, fordert ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Herr Wollseifer, reiben sich die Handwerker die Hände, weil  das  Geschäft brummt?
Wollseifer: So zufrieden mit der wirtschaftlichen Situation war das Handwerk seit 25 Jahren nicht mehr. Unsere Konjunkturumfrage ergab gerade: 92 Prozent melden sehr gute, gute oder wenigstens befriedigende Geschäfte. Das ist der beste Wert seit der Einheit und dies hat viele Gründe: Die Niedrigzinsphase, der günstige Ölpreis und hohe Reallohnzuwächse begünstigen die Binnennachfrage ebenso wie die Tatsache, dass wir eine sehr geringe Inflationsrate haben. Jetzt ist die Politik gefordert, diese Stabilität zu halten.

Haben Sie überhaupt genug Leute, um die Aufträge zu erledigen?
Wollseifer: Die Mitarbeiter werden knapp. Das ist in der Tat ein ernstes Problem. Denn der akute Mangel  an Fachpersonal wirkt mancherorts schon wie eine Auftragsbremse.

Kunden klagen über monatelange Wartezeiten – beeinträchtigt der  Fachkräftemangel den guten Service?
Wollseifer:
Für die Betriebe ist die Auslastung im Bau-und Ausbaubereich gut, sie liegt durchschnittlich bei neuneinhalb Wochen. Der Service bleibt gut – nur müssen die Kunden leider länger warten.

In welchem Gewerk gibt es die  ärgsten Engpässe?
Wollseifer:
Bei der technischen Gebäudeausstattung wird es eng. Wer Aufträge im Bereich Heizung-, Klima-, Sanitärtechnik oder Elektro zu vergeben hat, braucht die größte Geduld. Uns fehlt schlicht ausreichend Nachwuchs. Gerade angesichts der schnellen Digitalisierung brauchen wir hier einen Pakt für die berufliche Bildung. Bildungsstätten und Berufsschulen brauchen eine Top-Ausstattung. Über die Chancen der Berufsbildung muss in den Schulen auch besser aufgeklärt werden. Angesichts der vielen Studienaussteiger müssen wir doch fragen, ob wirklich alle Abiturienten fit für einen der 17 345  Studiengänge in Deutschland sind. Oder ob nicht die Perspektiven in einem der 350 Ausbildungsberufe besser passen. Diese Offenheit müssen wir in der Gesellschaft erreichen. Bisher fehlt das.

Wie groß sind die Probleme bei Betriebsübergaben? Dass Töchter oder Söhne die Firma übernehmen, ist nicht selbstverständlich…
Wollseifer:
Ja, so ist es. Wir  brauchen daher leistungsstarke Nachwuchskräfte als Unternehmer. Sie müssen überzeugt werden, dass eine Berufsausbildung keine Sackgasse ist. Mit einer Gesellenprüfung kann man an Fachhochschulen studieren, mit einer Meisterprüfung  steht der Zugang zur Universität offen. Und wir setzen ab 2017 auf das Berufsabitur – das heißt drei Jahre Lehre mit Gesellenprüfung und on top ein Jahr für das Abitur. Die Schweizer und Österreicher haben mit diesem Modell gute Erfahrungen gemacht. 50 Prozent dieser Abiturienten bleiben im Betrieb.  Das Handwerk hat dafür  gemeinsam mit den Kultusministern in sechs Bundesländern Standorte für Pilotprojekte gefunden.

Wie viele Frauen sind im Handwerk mittlerweile der Chef?
Wollseifer:
Jeder fünfte Meisterbrief geht an eine Frau, bei den Betriebs-Neugründungen ist jede vierte weiblich. Wir brauchen Gründungsprämien, um den  soliden „Start Ups“  im Handwerk Rückenwind zugeben.

Die EU macht Umweltschriften, die in der Praxis nicht umsetzbar sind. Derzeit finden viele Dachdecker keine Müllverbrennung für  bromhaltige Styropor-Dämmplatten. Stehen Baustellen still?
Wollseifer:
Die Situation für die Handwerksbetriebe ist dramatisch. Sie bleiben auf dem Abfall sitzen. Bauvorhaben werden gestoppt oder gar nicht erst gestartet. Um weitreichende Folgen für die Bürger sowie Kündigungen oder Betriebsschließungen im Bauhandwerk zu verhindern, muss dieser Notstand dringend beendet werden. Es haben sich bei den Betrieben schon Zwischenlager gebildet, was ebenfalls unzulässig ist. Unsere Hoffnungen richten sich nun auf Pläne Sachsens  und des  Saarlands,  die Entsorgung bromhaltiger Styropor-Dämmplatten wieder zu erleichtern. Aber Landesregierungen wie die in NRW mit Beteiligung der Grünen blockieren. Wir erleben eine Hängepartie, die für die Wirtschaft schädlich ist.

Die Unions-Mittelständler  peilen  auf dem CDU-Bundesparteitag (6.12. und 7.12.)  Steuererleichterungen für  Normalverdiener von mindestens 30 Milliarden Euro jährlich an…
Wollseifer:
Wir finden das Konzept schlüssig und sehen auch die Finanzierung gesichert. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat längst erklärt, die sogenannte Kalte Progression,  also die übermäßige Steuerbelastung mittlerer Einkommen, beschere ihm „nicht gewollte Einnahmen“.  Ganz einfach: Er hat jetzt die Chance, diese Einnahmen schnellstens zurückzugeben. Das ist ein Stück Steuergerechtigkeit.

Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung, die 2017 antritt?
Wollseifer:
Dass es nicht wieder soziale Wohltaten und Rentengeschenke wie 2013 gibt. Damit bürden wir den nachfolgenden Generationen Lasten auf, die unverantwortlich sind. Wir brauchen stattdessen Investitionen in die Infrastruktur und  in den Netzausbau. Das stärkt den Mittelstand  und  sichert uns im  internationalen Wettbewerb Vorteile. Auch im politischen Bereich zahlt sich eine stabile Wirtschaftslage aus. Fakt ist doch: Wer einen guten, zukunftssicheren Job hat, läuft den  Miesmachern und  Schlechtrednern, speziell denen aus der rechten Ecke, nicht hinterher.


Interview: Beate Tenfelde