14.01.2016

Praxistauglicher Arbeitsschutz

Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Deutsches Handwerk

„Praxistauglichkeit ist Garant für guten Arbeitsschutz“

Das Handwerk ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in Deutschland. Mehr als eine Million Betriebe mit mehr als fünf Millionen Beschäftigten machen diesen Zweig aus, wobei die Struktur des Handwerks vorwiegend von kleinen und Kleinstbetrieben gekennzeichnet ist. Eine wichtige Rolle übernimmt das Handwerk auch bei der Ausbildung von jungen Menschen. DGUV Kompakt sprach mit dem Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Karl-Sebastian Schulte, über Fragen des Arbeitsschutzes und der Unfallversicherung sowie über künftige Herausforderungen in der Arbeitswelt.

Herr Schulte, wir freuen uns, dass Sie unsere Arbeit künftig über Ihre Mitwirkung im Herausgeberbeirat von DGUV Kompakt unterstützen werden. Wo liegen bislang Ihre Berührungspunkte zur Unfallversicherung?

Schulte: Zuvorderst bringen viele aktive Handwerksvertreter ihre Expertise in die Gremienarbeit ein. Eine starke Selbstverwaltung ist daher Grundlage für eine praxisorientierte Arbeit der Berufsgenossenschaften.
Auf Ebene des ZDH bündeln wir die Interessen der Betriebe in Sachen Arbeitsschutz und Unfallversicherung. Gerade nach den Fusionen ist uns das Branchenprinzip ein wichtiges Anliegen. Es bleibt eine Stärke der BGen und muss weiter gelebt werden, etwa durch zielgenaue Risikotarife und gewerkespezifische Präventionsangebote, sonst sinkt die Akzeptanz bei den Betrieben. Der Versicherungsschutz bei Schwarzarbeit bleibt ein Kritikpunkt, weil die Ehrlichen für schwarze Schafe bezahlen, zumal der Rückgriff auf den illegalen Auftraggeber häufig ins Leere läuft. Aktuelle Berührungsprunkte sind z.B. die Zentrale Expositionsdatenbank, an deren Praxistauglichkeit für kleine Handwerksbetriebe noch gearbeitet werden muss, das Thema psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung oder die anstehende Reform der Gefahrstoffverordnung.

Welche Rolle spielen der Arbeitsschutz und die Haftungsfreistellung für die Handwerksbetriebe?

Schulte: Dieses Grundprinzip der gesetzlichen Unfallversicherung ist nicht wegzudenken. Ohne  solidarische Absicherung würden gerade kleinere Betriebe nach Unfällen finanziell schnell überfordert. Das System funktioniert natürlich nur, wenn sich jeder Betrieb in Sachen Arbeitsschutz kümmert. Sorgen bereitet uns, dass die Anforderungen im Arbeitsschutz und die Detailtiefe der Regelungen seit Jahren immer stärker zunehmen. Wir brauchen handhabbare Vorschriften, die sich auch in KMUs und an nicht-stationären Arbeitsplätzen umsetzen lassen. Praxistauglichkeit ist der beste Garant für guten Arbeitsschutz.

Als Vertreter des deutschen Handwerks nimmt der ZDH gelegentlich eine konstruktiv-kritische Haltung gegenüber der gesetzlichen Unfallversicherung ein – was wünschen Sie sich von „Ihrer“ gesetzlichen Unfallversicherung?

Schulte: Für uns alle gilt: Das Bessere ist des Guten Feind. Die Berufsgenossenschaften leisten bereits einiges, von der Beratung vor Ort über die Erstellung von maßgeschneiderten Handlungshilfen bis hin zur Weiterbildung. Wir wünschen uns eine wieder stärkere Rolle der Unfallverhütungsvorschriften, die früher für viele Betriebe Hauptgrundlage für den eigenen Arbeitsschutz waren. Auch eine weitere Verbreitung des Unternehmermodells ist ein wichtiges Ziel. Und die Mitarbeiter der BGen müssen noch stärker als Partner und Berater und nicht als "Kontrolleure" wahrgenommen werden.
Beim Thema Betriebsärzte brauchen Handwerksbetriebe die Unterstützung ihrer BGen. Es wird immer schwerer, eine betriebsärztliche Betreuung zu finden. Hier muss zeitnah nach Lösungen gesucht werden.
Dauerbaustellen sind die Schnittstellenprobleme zwischen den Sozialversicherungsträgern, etwa im Reha-Bereich. Hier sind ein personenzentriertes Fallmanagement und bessere Kooperationen nötig. Sorge bereitet mir zudem die latente Versuchung, Volkskrankheiten in Berufskrankheiten umzudeuten. Fiskalisch motivierte Verschiebebahnhöfe etwa zwischen Kranken- und Unfallversicherung darf es nicht geben.

Wenn man an die Herausforderungen der Zukunft denkt – Stichwort Digitalisierung – wie sehen Sie das Handwerk aufgestellt und welche Unterstützung könnten Berufsgenossenschaften konkret leisten?

Schulte: Es gibt drei große Trends, die Wirtschaft und Gesellschaft verändern: der demografische Wandel, die Digitalisierung und die Globalisierung. Nichts davon ist neu. In der Summe und teilweise der Geschwindigkeit oder Abruptheit des Wandels liegt die eigentliche Herausforderung. Entscheidend ist, die Chancen zu sehen und sie als Gestaltungsauftrag zu begreifen – auch für die Sozialpartner. Wir begleiten unsere Betriebe aktiv beim digitalen Wandel, das gleiche wünsche ich mir von den BGen für die so genannte "Arbeitswelt 4.0". Digitale Technologien und Innovationen können gezielt dem Arbeitsschutz dienen. Gleichzeitig müssen wir ermitteln, wo neue Gefährdungen entstehen können und wie wir mit diesen umgehen.

Noch drängender ist aktuell die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsprozess: Auf die Frage, wie wir Mitarbeitern trotz sprachlicher und kultureller Barrieren sowie fehlender Kenntnis unseres komplexen Betriebsalltags fit machen auch im Arbeitsschutz, brauchen wir schnell Antworten und geeignete Instrumente.