14.03.2016

Mehr Investitionen in unsere Straßen!

Staus stoppen Handwerker, kritisiert ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Kölner Stadt–Anzeiger  (12.03.2016)

Herr Wollseifer, Köln hat mehrfach das Etikett Stauhauptstadt Deutschlands verliehen bekommen. Wenn Handwerker nicht zur Einsatzstelle gelangen können, verdienen sie nichts und der Auftraggeber ist sauer. Wir erleben Sie die Lage?

Hans Peter Wollseifer: Wir haben das mal errechnen lassen: Jeden einzelnen Betrieb im Kölner Kammerbezirk kostet die schlechte Lage im Verkehr und bei  der Infrastruktur im Schnitt 15 000 Euro im Jahr. Die Firmen müssen ihre Leute dafür bezahlen, dass sie im Stau stecken. Die Situation produziert also einen bedeutenden wirtschaftlichen Schaden. Persönlich bräuchte ich von meinem Betrieb in Hürth bis zur Handwerkskammer im Herzen Kölns 20 Minuten. Oft fahre ich aber eine Stunde und zwanzig Minuten – und das schaffe ich dann auch nur, weil ich Schleichwege nutze.

Woran liegt das in Köln?

Wollseifer: Wir haben hier zum Beispiel keine breiten Achsen wie in Berlin. Aber solche strukturellen Probleme müssen andere Städte auch bewältigen. Die Handwerkskammer hat nachhaltige Lösungsvorschläge gemacht, im Rahmen der Gegebenheiten: Wir können für Verkehrsverflüssigung sorgen, wir können Ampelsysteme digital aufeinander abstimmen, Verkehrsleitsysteme installieren und unterbinden, dass in zweiter oder gar dritter Reihe gehalten wird. All das wäre möglich. Zusätzlich müssen wir verhindern, dass Handwerksbetriebe aus den Städten verdrängt werden, das schafft nur zusätzlichen Verkehr.

Aber?

Wollseifer: Wir müssen auf die Einsicht der Politiker im Rat der Stadt setzen. Es geht ja auch darum, die Einfalls- und Radial-Straßen der Stadt nicht noch weiter durch Rückbau, Radwege und anderes zu verengen. Die Dürener Straße war früher flüssig befahrbar, heute fährt man die am besten gar nicht mehr. Wir können aber nur mit Kraftfahrzeugen zu den Kunden kommen – Bus oder Rad sind keine Alternative.

Wie gut hört man Ihnen in der Politik zu?

Wollseifer: Handwerk ist unverzichtbar. Und die Firmen wollen schnell und pünktlich für den Kunden arbeiten können. Das weiß die Politik. Und alle Bürger wollen am Ende, dass Straßen und Brücken funktionieren und der Verkehr fließt. Hier muss der Bund vorangehen und mehr in Ausbau und Unterhalt des Fernstraßennetzes investieren. Aber auch die Finanzierung des Netzes an Landes- und Kommunalstraßen muss auf eine stabile Grundlage gestellt werden.

Blicken wir auf eines der Prestigeprojekte Kölns, die Domumgebung, die wie die meisten anderen mit 41 Prozent deutlich teurer wird. Das liegt auch daran, dass dort zahlreiche Handwerksunternehmen arbeiten und es durch den Ausfall einzelner immer wieder Verzögerungen gibt. Wäre es im Interesse des Steuerzahlers nicht besser gewesen, einen Generalunternehmer zu beauftragen – was das Handwerk allerdings abgelehnt hat?

Wollseifer: Ich sehe die Ursache hier eher in der nicht ausreichenden Kompetenz bei Planung und Begleitung komplexer Bauvorhaben. Wenn Bund, Länder oder Kommunen ihre Bauabteilungen personell so verschlanken, dass sie das nicht mehr gewährleisten können, müssen sie auf kompetente externe Büros zurückgreifen. Diese können dafür sorgen, dass alle Einzelleistungen sehr genau beschrieben und exakter kalkuliert werden. Auch die Vergabe an den billigsten Bieter bringt oft Probleme. Ein Unternehmen auf der Baustelle, das insolvent geht, bringt die Planung durcheinander.

Aber die Kommunen sind verpflichtet bei Ausschreibungen das günstigste Angebot zu nehmen.

Wollseifer: Nein, nicht das günstigste, sondern das wirtschaftlichste Angebot und dafür bedarf es einer Gesamtbetrachtung. Sprich: Kann der Unternehmer das Projekt zu diesem Preis überhaupt ausführen. Und nochmal ganz grundsätzlich: Die Vergabe an einen Generalunternehmer oder im ÖPP-Verfahren ist auch keine Garantie. Dort verteuern sich Projekte ebenfalls oder dauern länger.

Auch auf Bundesebene wird viel über Investitionen in Infrastruktur gesprochen. Das kommt doch immer einem Konjunkturpaket für Ihre Betriebe gleich.

Wollseifer: Niemand in Deutschland will auf funktionierende Straßen oder eine schnelle Internetverbindung verzichten. Daher macht es wenig Sinn, hier schubweise zu investieren – wir brauchen nachhaltig ausreichende Mittel für die Infrastruktur. Und wir brauchen – in Ergänzung zu den Landesstraßenbauverwaltungen - eine Infrastrukturgesellschaft des Bundes, die bauliche Prioritäten setzt und die jeweils geeignete Beschaffungsvariante auswählt. Wir sind nicht gegen ÖPP-Projekte und die Einbeziehung privaten Kapitals. Aber der Mittelstand darf nicht abgehängt werden. Denn Handwerk ist ja in den Regionen nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, mit Beschäftigung, Ausbildung und Nahversorgung, sondern erfüllt auch gesellschaftliche Aufgaben.

Das Handwerk war früh aktiv in der Flüchtlingskrise und versucht, die Menschen in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Können Sie eine erste Zwischenbilanz ziehen?

Wollseifer: Es gibt noch kein belastbares Zahlenmaterial. Aber es ist natürlich selbstverständlich, dass wir die Menschen, die ein Recht darauf haben hier zu bleiben, integrieren müssen. Und Handwerk kann Integration durch Qualifizierung. Gemeinsam mit den Arbeitsagenturen und der Politik knüpfen wir für die Flüchtlinge ein engmaschiges Betreuungsnetz. Wichtig war, dass wir sie künftig bis zum 25. Lebensjahr ausbilden können – viele haben auf der Flucht entscheidende Jahre verloren. Diese Menschen stellen uns aber auch vor bisher nicht gekannte  Herausforderungen.

Warum?

Wollseifer: Anfang der 90er Jahre kamen rund 1,5 Millionen Deutschrussen, eine beachtliche Zahl. Danach kamen die Flüchtlinge vor dem Balkankrieg. In beiden Fällen war die Integration einfacher, weil die Kulturkreise sich sehr viel näher sind. Diejenigen, die jetzt kommen, müssen Deutschland als Ganzes lernen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Frauen im Unternehmen Anweisungen geben oder das Mädchen und Jungen gemeinsamen Sportunterricht haben. Und wir merken auch, dass diese Menschen noch sehr viel Qualifizierung brauchen, bis  sie zu den Fachleuten werden, die wir in den Betrieben benötigen.

Allerdings ist es für viele Flüchtlinge oft interessanter, mit einfachen Jobs schnelles Geld zu verdienen, das sie dann zu ihren Familien nach Hause schicken, anstatt für 600 Euro im Monat eine Ausbildung zu machen.

Wollseifer: Das war auch neu für uns. Viele müssen ihre Fluchtkosten hier erwirtschaften. Anfangs lagen die Abbruchzahlen daher hoch. Wir begleiten die Menschen mittlerweile besser, über Ausbildungslotsen beispielsweise und Berater bei den Handwerkskammern. Mit der Arbeitsagentur und dem Bundesbildungsministerium startet das Handwerk jetzt  ein Programm, um 10 000 Flüchtlinge mit Bleibeperspektive vorzubereiten und in Ausbildung zu bringen. Das hilft den Flüchtlingen und auch dem Handwerk - aber man muss ehrlich sein, unser Fachkräfteproblem lösen wir so nicht. Das ist nur eine Facette.

Erleben sie Unternehmer, die nach den Ereignissen von Silvester zurückhaltender bei der Aufnahme in den Betrieb geworden sind?

Wollseifer: Die überwiegende Meinung der Handwerker ist nach wie vor, dass eine Zusammenarbeit eine Chance für die Flüchtlinge und  auch für die Betriebe ist. Außerdem sollten wir junge Männer nicht müßig in Aufnahmeeinrichtungen auf dumme Gedanken kommen lassen. Die wollen etwas leisten und sollten nach einem Arbeitstag abends müde sein.

Interview: Peter Pauls, Corinna Schulz, Jörg Wagner