10.11.2016

Mehr Investitionen in die Zukunft

In der Ostsee-Zeitung fordert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke: "Keine Funklöcher mehr und keine Schlaglöcher."

Warum ist das Handwerk bei jungen Leuten nicht so angesagt wie Sie sich das wünschen?
Schwannecke: Immer weniger Schulabgänger, dazu ein starker Trend zum Studium – 58 Prozent des Jahrgangs drängen an die Hochschulen: Das bedroht die duale Ausbildung insgesamt. Doch die Jugendlichen verstehen langsam: Eine Ausbildung im Handwerk bietet viele Chancen. Und so haben wir 2016 mehr als ein Prozent mehr Ausbildungsverträge geschlossen als 2015 – gegen alle Trends. In Ostdeutschland haben wir sogar ein Plus von 4,4 Prozent.

Wie ist denn die wirtschaftliche Situation der Handwerksbetriebe in Deutschland?
Schwannecke: Sehr gut. Es sind die besten Zahlen seit der Wiedervereinigung.

Dennoch haben Sie Forderungen an die Politik. Welche sind die wichtigsten?
Schwannecke: Wir brauchen nachhaltig richtige Rahmenbedingungen. Stichwort Steuern: Der Solidaritätszuschlag muss weg. Nur noch ein Drittel des Geldes dient dem ursprünglichen Zweck, der große Rest versickert im Bundeshaushalt. Die Abschaffung des Soli wäre wichtig für die Steuerehrlichkeit. Stichwort Sozialsysteme: Bis zu 90 Prozent der Kosten bei Handwerksbetrieben sind Personalkosten, ein Mehrfaches als in der Industrie. Steigen die Kosten auf Arbeit, hat das große Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Handwerksbetriebe.

Wie steht es um Investitionen in die Infrastruktur?
Schwannecke: Funklöcher und Schlaglöcher bremsen unsere Unternehmen gleichermaßen. Der Metallbauer aus Rostock kann ohne schnelles Internet keine Aufträge von einem Architekten aus den Niederlanden bedienen. Das gleiche gilt, wenn der Lkw mit den Waren im Stau steht. Und: Wir brauchen mehr Investitionen in die Bildung, in Berufsschulen und Bildungsstätten. Die jungen Leute brauchen gerade auch in Mecklenburg-Vorpommern beste Bedingungen für die digitale Zukunft.

Im Handwerk soll es ab 2017 in einigen Modellregionen Berufsausbildung mit Abitur geben. Warum dieses Angebot, das es im Osten Deutschlands schon mal gab?
Schwannecke: Uns fehlt ein bildungspolitisches Instrument, um leistungsstarke Jugendliche ins Handwerk zu führen. Daher setzen wir auf die Verbindung duale Berufsausbildung und Abitur. In Österreich und der Schweiz hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Ähnliches kennt man aus der DDR. Und uns sagen viele: Das hat uns seinerzeit nicht geschadet, im Gegenteil.

Welche Bereiche im Handwerk laufen derzeit besonders gut?
Schannecke: Soll ich es kurz machen? Alle. Immer mehr Kunden legen Wert auf individuelle Produkte. Das reicht vom Tischler über Angebote in der Gesundheitswirtschaft und Dienstleistungen bis hin zur Mode.

Wie läuft es mit der beruflichen Integration von Flüchtlingen?
Schwannecke: Bis 2018 wollen wir bundesweit 10 000 Flüchtlinge im Handwerk zur Ausbildung hinführen. Kernvoraussetzung ist die Sprache – doch schwache Sprachkenntnisse sind weiterhin das größte Hindernis.

Interview: Thomas Luczak