23.11.2016

"Handwerk ist ein Integrationsmotor"

"Langer Atem" ist bei der Ausbildung von Flüchtlingen notwendig, sagt ZDH-Präsident Wollseifer im Kölner Stadt-Anzeiger.

Herr Wollseifer, im September hat die Kanzlerin die Chefs der Dax-Konzerne zu einem Flüchtlingsgipfel eingeladen. Großer Bahnhof für die Industrie, der Katzentisch fürs Handwerk?
Wollseifer: Nein, das Handwerk sitzt mit in allen wichtigen Beratungsrunden. Die Fachminister und die Bundesagentur halten Kontakt zu uns, auch die Bundeskanzlerin meldet sich, wenn sie uns braucht. Allerdings spüren wir auch: Es ist viel vom anfänglichen Elan verraucht. Die Politik hat erkannt, dass es zur Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt eines sehr viel längeren Atems bedarf und dass die Abläufe nicht so komplikationsfrei sind, wie manche das anfänglich erwartet haben.

Wer zum Beispiel?
Wollseifer:  Es gab ja geradezu euphorische Prognosen führender Vertreter der Großunternehmen: Die Flüchtlinge kämen wie gerufen und seien die Lösung für unser Fachkräfteproblem. Das ist bei weitem nicht der Fall. Der Beitrag der Industrie zur Beschäftigung von Flüchtlingen ist bisher eher gering. Wahrscheinlich hat die Bundeskanzlerin darum die Konzerne seinerzeit extra eingeladen.

Das Handwerk steht besser da?
Wollseifer:  Das Handwerk will vor allem die vielen jungen Flüchtlinge ausbilden. Rund 2500 Azubis aus den acht wichtigsten Asylzugangsländern zählen wir bereits. Dazu kommen viele tausend in Praktika oder Hilfsjobs, über die es keine Statistik gibt. Das Handwerk ist ein Integrationsmotor. Unsere Stärke ist die Nähe in den Teams. Die tägliche Zusammenarbeit ist unglaublich wichtig. Aber gerade die kleinen Handwerksbetriebe brauchen angesichts der vielen bürokratischen Herausforderungen auch die Hilfe der "Willkommenslotsen", die bei den Kammern angesiedelt sind.

„10.000 junge Flüchtlinge in Ausbildung“ ist das Ziel eines Projekts des ZDH in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) und dem Bundesbildungsministerium. Wo stehen Sie heute?
Wollseifer:  In zwei Stufen der Berufsorientierung wollen wir gemeinsam die Jugendlichen zur Ausbildung führen. Im April sind wir gestartet, knapp 2000 Plätze sind belegt. Wir wollen zeigen, dass die Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt funktionieren kann. Die enge Verzahnung zwischen Ausbildungseinrichtungen und Betrieben ist unser Vorteil. Einige Flüchtlinge wurden bereits nach dem ersten Kurs in betriebliche Ausbildung vermittelt. Tausende Betriebe hätten die Flüchtlinge lieber heute als morgen, ihnen geht es nicht schnell genug.

Woran liegt das?
Wollseifer:  Die Arbeitsagenturen können noch nicht so viele Bewerber zuweisen. Der Qualifizierungsstau ist enorm. Die Angebote für Sprach- und Integrationskurse sind offenbar noch zu gering. Doch ohne Sprachkenntnisse klappt es nicht. Auch wird die Anerkennung der jungen Flüchtlinge oft hinausgezögert. Die zügige Bearbeitung der Asylanträge und die schnelle Statusfeststellung ist und bleibt die entscheidende Grundlage für eine gesicherte Ausbildung oder Beschäftigung.

Woran hapert es besonders?
Wollseifer:  Bayerische Betriebe haben berichtet, dass die Ausländerämter die "Drei-plus-Zwei-Regel", die einem geduldeten Flüchtling eine Ausbildung mit Anschlussbeschäftigung für zunächst zwei Jahre gestattet und so den Betrieben Planungssicherheit gibt, sehr restriktiv ausgelegt haben. Das will die Landesregierung jetzt ausbildungsfreundlicher gestalten.

Gibt es weitere Hemmnisse?
Wollseifer:  Ein echtes Problem sind nach wie vor die viel zu kurzen Meldefristen, falls ein Flüchtling seine Ausbildung vorzeitig abbricht. Da bleiben nur 14 Tage Zeit. Gerade die kleinen Betriebe, in denen der Chef oder die Chefin ihre Buchhaltung selbst machen, sind hier überfordert.  Bei Verzug riskieren sie drastische Bußgelder von bis zu 30.000 Euro. Das ist demotivierend für die Betriebe. Sie fühlen sich vom Staat unter Druck gesetzt und schrecken davor zurück, Flüchtlinge als Azubis einzustellen. Wir möchten deshalb, dass die Meldung über die Krankenkassen erfolgt, bei denen die Informationen ohnehin zusammenlaufen.

Wie sieht es auf Seiten der Auszubildenden aus?
Wollseifer: Wir waren irritiert über Meldungen der Bundesagentur für Arbeit, dass die Flüchtlinge im Durchschnitt deutlich höher gebildet seien, als angenommen. Da machen wir andere Erfahrungen. Viele junge Leute, die in unseren Betrieben ankommen, haben oft nur kurz eine Schule besucht, formale berufliche Qualifikationen liegen nicht vor. Wir stoßen aber auch auf Vorbehalte gegen handwerkliche Berufe. In den Herkunftsländern haben diese nur Basar-Niveau, gelten als Verlierer-Jobs. Es ist die Aufgabe von Integrationskursen und der Berufsorientierung, solche Vorurteile aus der Welt zu schaffen.

Was haben die Handwerker selber davon, wenn sie Flüchtlinge einstellen?
Wollseifer: Handwerker sind das Rückgrat und die Mitte der Gesellschaft. Jetzt übernehmen sie auch Verantwortung für die Integration der Flüchtlinge. Aber natürlich haben unsere Betriebe auch ein Eigeninteresse. Die konjunkturelle Lage ist derzeit hervorragend. Wir rechnen für 2016 mit einem Wachstum von mindestens 3,5 Prozent. Die Auftragsbücher sind voll, Arbeit gibt es mehr als genug. Aber es gibt auch einen Auftragsstau, weil die Arbeitskräfte, insbesondere die Facharbeiter fehlen.  Und es fehlt der Nachwuchs, flächendeckend. Die Qualifizierung junger Flüchtlinge ist ein weiterer Baustein, diesem Mangel abzuhelfen.

Sie stellen sich auf dem Handwerkstag in Münster zur Wiederwahl als ZDH-Präsident. Was nehmen Sie sich für eine zweite Amtsperiode vor?
Wollseifer:  Die Attraktivität unserer Berufe und Betriebe muss deutlicher werden. Gerade angesichts der zunehmenden Spannungen in der Gesellschaft bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass wir den Mittelstand stärken müssen – und damit auch das Handwerk. Wer bei uns gut ausgebildet ist, einen guten Job hat, gutes Geld verdient, der hat eine Basis für Selbstbewusstsein, Zufriedenheit, Zukunftsperspektive und ist weniger geneigt, populistischen Schlechtrednern und Miesmachern nachzulaufen.

Ein konkretes Ziel?
Wollseifer: Im nächsten Jahr will ich das Berufsabitur an den Start bringen, mit dem wir Schüler am Ende der zehnten Klasse gezielt ansprechen können: „Wenn ihr jetzt eine Ausbildung macht, ist das keine Sackgasse! Im Gegenteil.“ Das Berufsabitur verbindet den Berufsabschluss mit dem Hochschulzugang und verbreitert so die Entscheidungsmöglichkeiten für eine künftige Berufslaufbahn. Heute heißt es nach dem klassischen Abitur oft: „Erst mal studieren!“ Da gibt es zu viele, die erst drei, vier Semester verlieren, ehe sie realisieren, dass die Hochschule gar nichts für sie ist.

Das Gespräch führten Joachim Frank, Peter Pauls und Corinna Schulz