06.06.2016

Handwerk hilft

Betriebe und Mitarbeiter engagieren sich vielfältig bei der Hilfe für Flüchtlinge, berichtet ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Stadtmagazin seines Wohnortes Hürth.

Herr Wollseifer, sind Flüchtlinge eine Chance oder ein Problem für die Wirtschaft?

Wollseifer:
Es ist vor allem ein Verpflichtung für die Gesellschaft, sich um diese Menschen zu kümmern. Das tut das Handwerk. Wir bieten geeigneten und interessierten Asylbewerbern die Chance zu Qualifizierung und Ausbildung und damit Teilhabe. Flüchtlinge dürfen keine Fremde bleiben.

Wie gut stehen die Chancen, dass diese Menschen Arbeit finden?

Wollseifer:
Gerade die berufliche Bildung ist in den meisten Herkunftsländern nur schwach ausgebildet. Ohne weitere Qualifizierung und Ausbildung werden nur wenige ins Handwerk zu integrieren sein. Unsere Betriebe brauchen Facharbeiter, keine Schubkarren-Schieber.

Welchen Beitrag leistet das Handwerk zur Integration von Flüchtlingen?

Wollseifer:
Unsere Betriebe und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten vielfältige Beiträge. Sie sammeln für Flüchtlinge, sie engagieren sich in Hilfsorganisationen und sie helfen bei der Betreuung vor Ort. Es gibt auch zahlreiche regionale Projekte zur Qualifizierung. National haben wir jetzt mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesbildungsministerium ein Projekt für bis zu 10.000 Flüchtlinge gestartet. In unseren Bildungsstätten werden sie nach einem Integrationskurs auf eine Ausbildung in den Betrieben vorbereitet.

Können Flüchtlinge den Mangel an Fachkräften lindern?

Wollseifer:
Zumindest sollten wir diesen jungen Menschen das Angebot machen, sich zu Fachkräften ausbilden zu lassen. Dann können sie zur Wirtschaftsleistung des Handwerks einen wichtigen Beitrag leisten.

Was muss geschehen, damit aus Flüchtlingen Fachkräfte werden?

Wollseifer:
Das Wichtigste ist, dass sie schnell die deutsche Sprache lernen. Ohne Sprachkenntnisse ist eine Ausbildung nicht realisierbar. Ein Integrationskurs ist Grundlage für den Umgang mit Meister, Kollegen und Kunden – schließlich finden sich die Flüchtlinge in einer fremden Kultur wieder. Danach setzen wir mit unseren Qualifizierungsprojekten an.

Einige Experten sagen, dass viele junge Flüchtlinge so schlechte Grundqualifikationen mitbringen, dass sie gar nicht ausbildungsfähig sind?

Wollseifer:
Wer zumindest eine Grundschule besucht hat und handwerkliches Geschick mitbringt, kann an eine Qualifizierung und letztlich an eine Ausbildung herangeführt werden. Im erwähnten nationalen Projekt werden in unseren Bildungsstätten nicht nur berufliche Fertigkeiten vermittelt, es gibt auch das Angebot, schulische Defizite etwa in Mathematik oder Physik auszugleichen. Notwendig ist dafür eine hohe persönliche Motivation.

Ist es sinnvoll, für Flüchtlinge den Mindestlohn zu senken, damit sie eingestellt werden?

Wollseifer:
Wir wollen weder Arbeiter noch Auszubildende zweiter Klasse. Jeder muss soweit ertüchtigt werden, dass er eine Chance am Arbeitsmarkt hat.

Ihre Prognose: Wie werden wir die Flüchtlingskrise im Jahr 2030 ökonomisch bewerten?

Wollseifer:
Ich hoffe vor allem, dass die Welt es schafft, die Krisen und Kriege zu bewältigen und den Terror durch gewalttätige Gruppen einzudämmen. Wenn wir das erreichen, dann war es alle Mühen und Kosten in der jetzigen Krise wert. Und wenn Menschen in ihre Heimat in Afrika, Asien oder dem Nahen Osten zurückgehen, die unsere Freunde geworden sind, dann haben wir alles richtig gemacht.

Interview: Hans Peter Brodüffel