04.01.2016

Flüchtlinge für das Handwerk gewinnen

Das deutsche Handwerk hofft darauf, mit Hilfe von Flüchtlingen einen Teil der fehlenden Fachkräfte aufzufangen. "Die meisten sind jung und hochmotiviert. Wir sind bereit, sie zu qualifizieren und auszubilden", so Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" (02.01.2016).

Herr Wollseifer, wird 2016 ein gutes Jahr für das Handwerk?

Wollseifer: Wir schauen sehr optimistisch in die Zukunft. Die Konjunktur wird auch im nächsten Jahr von niedrigen Zinsen, dem günstigen Ölpreis und steigender Kaufkraft weiter befeuert. Unsere Auftragsbücher sind voll. Die Menschen werden mehr Geld im Portemonnaie haben und sind zu Investitionen bereit. Das Handwerk rechnet für 2016 mit einem Wachstum von zwei Prozent.

Wird das Handwerk 2016 mehr Jobs schaffen?

Wollseifer: Wir haben rund 5,3 Millionen Beschäftigte im Handwerk. Die Zahl wird im kommenden Jahr stabil bleiben. Wir haben schon jetzt Probleme bei der Fachkräftesicherung. 40 Prozent unserer Betriebe melden uns, dass sie bei der Nachbesetzung offener Stellen Schwierigkeiten haben. Das ist ein Alarmzeichen. Deshalb engagieren wir uns so stark in der Ausbildung.

In der Politik wird über die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenversicherung gestritten. Stellen Sie sich hier bereits auf steigende Belastungen ein?

Wollseifer: Die Diskussion sollten wir uns ersparen und lieber in eine andere Richtung denken. Die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben der gesetzlichen Krankenversicherung sollten vom Staat übernommen werden und nicht von den Beitragszahlern. Das gilt vor allem für die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern und Kindern. Wir wollen starke Familien. Wir möchten mehr Kinder. Staat und Steuerzahler sollten hier die Verantwortung übernehmen. 

In der Vergangenheit haben säumige Kunden Handwerksbetriebe nicht selten in Schwierigkeiten gebracht. Hat sich das inzwischen verändert?

Wollseifer: Die Zahlungsmoral unserer Kunden hat sich in den vergangenen beiden Jahren deutlich verbessert. 90 Prozent zahlen ihre Rechnungen innerhalb von 30 Tagen. Das ist ein erfreulicher Spitzenwert. Unsere Betriebe werden nicht mehr als Sparkasse missbraucht.

Thema Flüchtlingskrise: Integration und Vermittlung in den Arbeitsmarkt werden 2016 zu Mega-Herausforderungen. Schaffen wir das?

Wollseifer: Wir brauchen in unserem Land rund 600 000 Fachkräfte. Denen, die kommen, fehlt es oft an der notwendigen Qualifikation. Aber die meisten sind jung und hochmotiviert. Wir sind bereit, sie zu qualifizieren und auszubilden. Betriebe und Handwerksorganisationen engagieren sich bereits mit zahlenreichen Projekten. Ich denke, wir können einen Teil der Flüchtlinge mit Bleibeperspektive fürs Handwerk gewinnen, und sie zu Steuer- und Beitragszahlern machen. Wir haben bereits einige hundert Flüchtlinge aus Afrika, den arabischen Ländern und Südosteuropa in der Ausbildung – meist mit guten Erfolgen. 

Sind die Job-Hürden für Flüchtlinge in Deutschland zu hoch?

Wollseifer: Die Betriebe wollen die Sicherheit, dass Flüchtlinge nicht ihre Ausbildung abbrechen, weil die Abschiebung droht. Bisher gibt es Duldungen, die immer nur um ein Jahr verlängert werden. Eine Ausbildung ist aber eine entscheidende Voraussetzung für die erfolgreiche Integration. Da sollten die Ausländerbehörden sich großzügig zeigen.

Hilft es, Flüchtlinge vom Mindestlohn auszunehmen?

Wollseifer: Langzeitarbeitslose sind in den ersten sechs Monaten vom Mindestlohn ausgenommen. Solche Instrumente der Arbeitsagenturen sollten auch für Flüchtlinge gelten. Den Mindestlohn für Flüchtlinge abzusenken, wäre eine indirekte Bevorzugung. Das kann nicht der richtige Weg sein!

Ein Jahr Mindestlohn – hat er den Betrieben im Handwerk eher genutzt oder geschadet?

Wollseifer: Der gesetzliche Mindestlohn bleibt ein unangebrachter Eingriff in die Tarifautonomie. Nur die Sozialpartner sind in der Lage, die spezifischen Bedingungen einzelner Branchen und Regionen bei der Tariffindung zu berücksichtigen. Diese Nachteile des gesetzlichen Mindestlohns werden durch die gute Konjunktur nur übertüncht. Immerhin wurde nach unserer harschen Kritik die Mindestlohn-Bürokratie etwas gelockert und die Bundespolizei kontrolliert nicht mehr mit Schutzweste und Waffe, sondern deutlich sensibler. Ärgerlich bleibt, dass weiter der Auftraggeber für alle nachgelagerten Subunternehmer haften muss. Die bestehende Regelung ist sehr konfliktträchtig und muss vom Gesetzgeber korrigiert werden.

Interview: Rasmus Buchsteiner