04.07.2016

Exzellenzinitiative für die Berufsbildung

Die Politik muss mehr in die berufliche Bildung investieren, fordert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke in der Mainzer Allgemeinen Zeitung (2. Juli 2016).


Herr Schwannecke, Großbritannien hat sich für den Brexit entschieden. Lässt das das Handwerk kalt?
Holger Schwannecke: Nein, die Entscheidung der Briten kann keinen kalt lassen. Die EU verliert ein wichtiges Mitglied. Wirtschaftlich gesehen wird der Brexit auch  das Handwerk treffen. Der Anteil der Betriebe, die auch im Ausland arbeiten, liegt bei zehn Prozent. Das geht quer durch alle Gewerke. Nehmen Sie zum Beispiel Zulieferbetriebe für die Autoindustrie – die werden Rückgänge spüren.

 

Der Bundestag hat die Reform der Erbschaftssteuer bereits beschlossen, am 8. Juli entscheidet der Bundesrat. Doch aus manchen Bundesländern kommt Widerstand. Beunruhigt Sie das?
Schwannecke: Ich kann der Politik nur zurufen: fertig werden, und zwar jetzt. Die Betriebe brauchen Rechtssicherheit und keine weitere Hängepartie. Der gefundene Kompromiss ist eine gute Grundlage, die nun auch umgesetzt werden muss. Das ist auch wichtig, weil jeder fünfte Betrieb in den kommenden fünf Jahren einen Nachfolger sucht.

 

Warum?
Schwannecke: Wir müssen die jungen Leute überzeugen, dass die Übernahme eines Handwerksbetriebes für sie ein guter und erfolgreicher Weg sein kann. Rechtliche Unsicherheiten können wir uns dabei nicht leisten.

 

Ist es denn so schwierig, den jungen Leuten das Handwerk zu vermitteln?
Schwannecke: Wir sind auf einem guten Weg. Junge Menschen haben aber ganz unterschiedliche Erwartungen, wie sie leben möchten. Viele suchen ein Stück Freiheit in der Zeitgestaltung und gleichzeitig Sicherheit. Die Hoffnung,  das besser in einer abhängigen Beschäftigung zu finden, ist aber trügerisch.  In der Selbstständigkeit kann man sich eher selbst verwirklichen, sein eigenes Leben  gestalten. Diesen Wunsch  müssen wir wecken. Handwerk bietet da hervorragende Zukunftschancen.

 

Nur bei den jungen Leuten anzusetzen, wird nicht reichen. Denn auch die Eltern spielen eine wesentliche Rolle bei der Berufswahl
Schwannecke: Ja, das ist über viele Jahre gewachsen und tief in den Köpfen von Schülern, Eltern und Politik verwurzelt: Ohne  Abitur und Studium keine Karriere. Doch  akademischer Abschluss und Meisterbrief im Handwerk stehen auf einer Stufe. Mit Meisterbrief gibt es praktisch kein Risiko, arbeitslos zu werden. Und die Lebensverdienste liegen im Schnitt gleichauf. Das müssen wir in die Köpfe reinbekommen.

 

Wie wollen Sie das anstellen?
Schwannecke: Mit unserer Imagekampagne des deutschen Handwerks informieren wir seit sechs Jahren über unsere Berufe, aktuell gezielt Jugendliche. Wir bemühen uns sowohl um Schulabgänger mit Schwächen wie auch um Leistungsstarke. Mit Erfolg: 2015 hat das Handwerk als einzige Wirtschaftsgruppe wieder ein Plus bei der Zahl der Neuverträge verzeichnet.  Darüber hinaus brauchen wir schnell  das Berufsabitur, also die Möglichkeit, parallel zum Gesellenabschluss das Abitur zu machen. In Österreich und der Schweiz hat man damit schon sehr gute Erfahrungen gemacht: 50 Prozent der Jugendlichen mit Berufsabitur bleiben in den Betrieben.

 

Wozu brauchen sie dann noch das Abitur?
Schwannecke: Die Sicherheit, vielleicht doch noch studieren zu können,  ist enorm wichtig. Damit können leistungsstarke Jugendliche für die Ausbildung gewonnen werden, die ansonsten eher in Richtung akademische Bildung zielen. Die Betriebe müssen hier natürlich mitziehen. Aber ich bin sehr optimistisch, dass sie die Chance ergreifen, sich auf diesem Weg Fachkräfte-Nachwuchs zu sichern.

 

Wann soll es den kommen, das Berufsabitur?
Schwannecke: Wir befinden uns in intensiven Diskussionen mit der Kultusministerkonferenz. Das Feedback aus den Ländern ist in großen Teilen positiv. Mir ist klar, dass das alles nicht binnen eines Jahres abgeschlossen werden kann. Von daher kann ich keinen konkreten Zeitrahmen nennen. Aber ich würde mir schon wünschen, dass wir jedenfalls in drei Jahren dieses sinnvolle Instrument jungen Menschen anbieten können.

 

Ist das nicht zu optimistisch – mit Blick darauf, wie langsam politische Mühlen mahlen?
Schwannecke: Wir haben keine Zeit zu verlieren. In Anbetracht des zunehmenden Fachkräftemangels und der vielen Unternehmen, bei denen die Nachfolge ansteht, darf das kein Projekt von zehn Jahren werden. Wir müssen Gas geben, auch bei der finanziellen Förderung der Berufsausbildung.

 

Der Bund hat doch die Förderung gerade erst aufgestockt…
Schwannecke: Von Seiten der Bundesregierung gab es zwar eine Erhöhung der Fördermittel, aber nach wie vor gibt es hier ein großes Missverhältnis zugunsten der akademischen Bildung. Auf der anderen Seite haben wir im Handwerk so viele Baustellen – Stichwort Digitalisierung -, für die wir Unterstützung brauchen. So muss deutlich mehr in Berufsbildungszentren investiert werden. Wir brauchen eine Exzellenzinitiative nicht nur im akademischen Bereich, sondern auch in der beruflichen Bildung.

 

Interview: Ralf Heidenreich