30.05.2016

Bessere Berufsorientierung

Eine bessere schulische Berufsorientierung fordert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke im Interview mit dem Trierischen Volksfreund. 

Die wirtschaftliche Lage im deutschen Handwerk ist so gut wie nie. Warum haben Sie dennoch große Sorgen um den Berufsstand?

Schwannecke:
Die Kernherausforderungen unserer Zeit – ob Energie, Mobilität oder Digitalisierung – sind nur mit dem Handwerk und seinen Betrieben gestaltbar. Handwerk hat also in jedem Fall Zukunft! Doch es ist auch richtig, dass die gute Konjunktur nicht auf dem Dünger der Politik entstanden ist. Die Steuereinnahmen galoppieren von einem Rekord zum nächsten – doch zu wenig davon wird für ein modernes Deutschland eingesetzt.

Dem Handwerk – auch in der Region Trier – fehlt vor allem der Nachwuchs. Warum ist das Handwerk für viele junge Leute so wenig sexy?

Schwannecke:
Sie wissen schlicht zu wenig über unsere über 130 Ausbildungsberufe. Diese sind hochmodern, längst in der digitalen Welt angekommen und boomen mit handwerklich hergestellten Produkten. Unsere Imagekampagne des Handwerks ist erfolgreich in den sozialen Medien unterwegs, um Jugendlichen ein aktuelles Bild unserer Berufe zu vermitteln. Die Schulen – und zwar alle Schultypen - sollten hier auch mehr beitragen, über eine bessere Berufsorientierung.

Viele Handwerksbetriebe sehen in der Integration von Flüchtlingen eine Chance, ihren Fachkräftemangel zu beseitigen. Ist dies die Lösung?  

Schwannecke:
Die Qualifikation von jungen Flüchtlingen ist die notwendige Voraussetzung für ihre Integration. Das Handwerk engagiert sich daher intensiv mit seinen Bildungsstätten, um diese Gruppe fit für Qualifizierung, Ausbildung und Beschäftigung in den Betrieben zu machen. Angesichts von zuletzt 14.000 unbesetzt gebliebenen Lehrstellen ist das aber nur eine Facette der Nachwuchsgewinnung und wird auch erst übermorgen wirken.

Ob Lkw-Maut, Rentendebatte, E-Auto-Förderung oder Verschärfung bei Leiharbeit und Werkverträgen: Die jüngsten Entscheidungen der Bundesregierung treffen auch das Handwerk. Wie beurteilen Sie diese?

Schwannecke:
Die Maut soll den Verschleiß unserer Straßen durch Lkw vor allem auf Autobahnen kompensieren. Künftig soll aber auch der Handwerker Maut zahlen, der auf dem Weg zum Kunden im nächsten Ort über die Bundestraße muss. Hier trifft es eindeutig die falschen. Und Kaufprämie für E-Autos? Ohne vorher für Ladeinfrastruktur oder eine gute Speichertechnologie zu sorgen? Noch nicht einmal die Öffentliche Hand stellt bei solchen Bedingungen ihre Flotten auf Elektro um. Und bei der Lebensleistungsrente ist nur der Name schön – wieder einmal soll eine Klientel begünstigt werden, deren Bedürftigkeit nicht nachgewiesen ist, aber alle müssen zahlen. Solche Renten-Geschenke schüren Neid, dabei brauchen wir Weitsicht und Solidarität, um die Sozialsysteme grundsätzlich zukunftsfähig machen zu können.

Welche konjunkturellen Erwartungen hegen Sie für den Rest des Jahres? Bleibt die Lage fürs Handwerk so gut? Was werden die Konjunkturtreiber sein?  

Schwannecke:
92 Prozent der Betriebe sehen optimistisch in die Zukunft. Für 2016 erwarten wir im Handwerk ein Umsatzplus von zwei Prozent. Dazu tragen die stabile Binnenkonjunktur, eine gute Arbeitsmarktlage, real steigende Löhne, niedrige Zinsen und daraus folgend die hohe Konsumbereitschaft bei.

Die Trierer Handwerkskammer ist aufgrund der Nähe mit den Nachbarn in Luxemburg, Belgien und Frankreich verflochten. Sie  gehört mit ihren rund 7000 Handwerksbetrieben und 39.000 Handwerkern aber auch zu den kleinsten Kammern im Bund. Wie lange wird es dauern, bis hierzulande die Kammern stärker fusionieren?  

Schwannecke:
Im Handwerk arbeiten die Kammern erfolgreich, betreuen meist ein größeres Einzugsgebiet als etwa die IHK. Die Handwerkskammern spiegeln jeweils die regionale Wirtschaft wider, in der Fläche und den Ballungsräumen. Eine gute Zusammenarbeit zwischen benachbarten Kammern ist wichtig, denn so lassen sich Synergien schaffen und Leistungen für die Betriebe optimieren.

Noch ein Wort zu Europa, das hier in der Region ja bestens funktioniert. Die Europäische Union braucht eine Politik, die den Auflösungserscheinungen wieder Visionen entgegensetzt – und keine EU-Bürokratie, die trotz Debatten um Grexit oder Brexit weiter macht wie bisher.

Trier wird in diesem Jahr Gastgeber des bundesweiten Hauptgeschäftsführertreffens der Handwerkskammern sein. Gleichzeitig wird immer noch gegen den ehemaligen Hauptgeschäftsführer der Trierer HWK wegen Subventionsbetrugs vor Gericht verhandelt. Mit welchem Eindruck reisen Sie an die Mosel?

Schwannecke:
Das Handwerk arbeitet an der Zukunft. Dazu gehört sicher auch mehr Transparenz bei der Arbeit der Handwerkskammern. Wenn es in der Vergangenheit Fehler gegeben haben sollte, müssen diese aufgearbeitet werden. Das darf uns aber nicht den Blick nach vorne verstellen. Die Digitalisierung ist unser Thema und die Unterstützung für die Betriebe durch die Kompetenzzentren. Oder die Energieeffizienz. Ohne gut ausgebildete Handwerker funktioniert sie nicht – daher organisieren wir mehr als 300 einschlägige Fortbildungen.

Interview: Sabine Schwadorf