20.10.2016

Berufliche Eliten fördern

Elitenförderung ist nicht nur etwas für Hochschulen, sagt ZDH-Präsident Wollseifer im Interview mit der Ostsee-Zeitung (20.10.2016).

Herr Wollseifer, welche neuen Trends gibt es bei Handwerksberufen?

Hans-Peter Wollseifer:
Einen Boom erleben derzeit Berufe, die mit Gebäudemanagement und Smart Home zu tun haben – zum Beispiel Gebäudetechniker und Elektroniker – sowie Berufe rund um erneuerbare Energien und Gesundheit. Aber wir brauchen mehr Azubis in allen 130 Ausbildungsberufen.

Wie viele Lehrstellen sind denn in diesem Jahr unbesetzt geblieben?

Wollseifer:
Bundesweit etwa 18300. Das sind etwas weniger als im vergangenen Jahr. Im Osten Deutschlands haben wir 4,4 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr, bundesweit sind es ein Prozent mehr. Wir würden gerne mehr ausbilden – denn fast 50 Prozent der Handwerksbetriebe haben bundesweit Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen.
 
Wie lässt sich dem Fachkräftemangel begegnen?

Wollseifer:
Die Ansprüche werden höher. Die Betriebe müssen den jungen Leuten gute Angebote machen. Vor allem aber darf die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung, von Bachelor und Meister, nicht nur auf dem Papier stehen. Elitenförderung ist nicht nur etwas für Hochschulen! Wir brauchen neben dem Hochschulpakt auch einen Pakt für berufliche Bildung: Berufsschulen und Bildungsstätten haben riesigen Investitionsbedarf – bei Gebäuden, Equipment. Dafür brauchen wir die Mittel.

Apropos Hochschulen: 58 Prozent eines Jahrgangs machen Abitur und wollen dann studieren. Leidet Deutschland unter einer Über-Akademisierung?

Wollseifer:
Es ist ja gut, dass sich junge Leute hohe Ziele stecken. Aber viele fühlen sich in einer beruflichen Ausbildung einfach besser aufgehoben. Und wir schließen höhere Bildung ja nicht aus, im Gegenteil! Das Handwerk bietet sowohl dem Hauptschulabsolventen als auch dem Abiturienten tolle Chancen. Schließlich gibt es duale und triale Studiengänge, und ab dem kommenden Jahr auch das Berufsabitur. Da hat man nach vier Jahren sowohl einen Berufsabschluss als auch das Abi.
 
Es häufen sich die Klagen, dass Unternehmer keinen geeigneten Nachfolger für ihre Firma finden. Wie groß ist das Problem im Handwerk?

Wollseifer:
Riesig! In den nächsten zehn Jahren muss jeder fünfte Handwerksbetrieb einen Nachfolger finden. Insbesondere in den ländlichen Regionen wird das schwierig. Umso mehr freuen wir uns über junge Meisterinnen und Meister wie jetzt in Rostock: Sie werden unsere Start-ups gründen oder einen Betrieb übernehmen. Sie werden Arbeit und Ausbildung schaffen.

Wie steht es um Frauen im Handwerk?

Wollseifer:
Viele Bereiche sind weiblich dominiert: Gesundheitsberufe oder Raumausstatter zum Beispiel. Auch bei den Konditoren, früher eine Männerdomäne, haben sich Frauen durchgesetzt. Und: Viele Berufsbilder verändern sich, schwere körperliche Arbeit verschwindet, sodass Frauen hier vermehrt einsteigen. 2000 Frauen starten zum Beispiel jährlich als Kfz-Mechatronikerin.

Interview: Thomas Luczak