15.02.2017

Angebote für die Generation Y

Viele Handwerksbetriebe haben sich auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingestellt, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der Freien Presse Chemnitz.

Herr Wollseifer, der Drang junger Menschen zum Abitur ist ungebrochen. Die Anzahl derjenigen, die eine duale Ausbildung wählen, geht dagegen zurück. Wie reagiert das Handwerk auf diese Entwicklung?
Wollseifer: Das Handwerk reagiert mit attraktiven und auch ganz neuen Bildungsangeboten. Im kommenden Ausbildungsjahr starten wir beispielsweise in sechs Bundesländern das Berufsabitur, unter anderem auch in Sachsen. Das Berufsabitur verbindet eine duale Ausbildung mit Gesellenabschluss und ein Vollabitur. Das ganze dauert vier Jahre. Danach können sich die jungen Leute entscheiden, ob sie lieber studieren oder sich im gelernten Beruf etwa zum Meister fortbilden wollen.

Ist das ein Versuch, in größerem Ausmaß auch bildungsstärkere Schichten für das Handwerk zu begeistern?
Wollseifer: Das Handwerk will leistungsstarke Jugendliche ansprechen, die es mehr in die Berufspraxis zieht. Wir sind darauf angewiesen, künftige Führungskräfte auszubilden, die später zum Beispiel einen Betrieb übernehmen können. Deshalb kümmern wir uns auch sehr um Studienaussteiger. Mit ihren Fähigkeiten haben sie gute Chancen in der beruflichen Bildung. Im Handwerk warten Karriere und Anerkennung statt Studienfrust. An vielen Universitäten beraten Handwerk und IHK mittlerweile diese jungen Leute.

In Sachsen wird über neue Strukturen und eine Konzentration bei den Berufsschulen nachgedacht. Viele Lehrlinge klagen schon jetzt über weite Wege. Macht das eine Lehrausbildung nicht noch unattraktiver?
Wollseifer:
Die Berufsschulen sind für das Handwerk ein unverzichtbarer Partner. Es ist problematisch, wenn sich aufgrund fehlender Schülerzahlen die Berufsschulen aus ländlichen Regionen zurückziehen. Das ist in Ostdeutschland häufiger der Fall. Bundesweit sind wir innerhalb von 25 Jahren von 1800 Berufsschulen auf 1500 zurückgegangen. Es ist ein Teufelskreis. Wenn der Weg zur Berufsschule zu weit ist, bewerben sich die jungen Leute auch nicht auf die Lehrstelle, dann hat die Berufsschule noch weniger Zulauf. Da müssen wir mit den Ländern gegenhalten.

Viele Handwerker finden gar keine geeigneten Auszubildenden mehr. Das Handwerk hat der Fachkräftemangel längst erreicht. In welchen Berufen ist die Lage besonders schwierig?
Wollseifer:
Der Fachkräftemangel hat die Wirtschaft insgesamt erreicht, aber das Handwerk ist besonders betroffen. Wir haben vergangenes Jahr rund 15.000 Ausbildungsstellen nicht besetzen können. Zuvor waren es noch mehr. Das betrifft inzwischen die meisten Gewerke. Die Hälfte unser Betriebe meldet uns bereits Probleme bei der Besetzung von Stellen.

Die Generation Y achtet schon bei der Berufswahl darauf, wie man künftig lebt und arbeitet und dabei genügend Freizeit und Urlaub hat. Das trifft vor allem Dienstleistungsberufe. Arbeiten, wenn andere feiern, ist nicht gerade „in“. Wie kann das Handwerk die Generation Y trotzdem überzeugen?
Wollseifer: Das Handwerk hat gute Angebote für diese Generation. Ich habe vor kurzem Betriebe ausgezeichnet mit tollen Ideen für junge Familien – vom Betriebskindergarten, über Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis zu Lebensarbeitzeitkonten, die ein Sabbatical ermöglichen.

In Sachsen wechseln ein Drittel der Auszubildenden bereits im ersten Lehrjahr die Lehrstelle. Was könnten dafür die Ursachen sein?
Wollseifer: Unsere Betriebe geben auch geringer Qualifizierten eine Chance. 43 Prozent unserer Auszubildenden haben einen Hauptschulabschluss, vier Prozent haben gar keinen Schulabschluss. Unsere Ausbilder versuchen sie bestmöglich zu unterstützen, aber das klappt nicht immer. Das ist eine Ursache. Es fehlt aber oft auch an Berufsorientierung. Daher wechseln einige einfach den Beruf, bleiben aber in der Ausbildung.

Sind die ganzen Anstrengungen rund um die Berufsberatung umsonst gewesen?
Wollseifer:
Schon früh muss mit Berufsorientierung im Schulunterricht begonnen werden, machen Partnerschaften von Schulen und handwerklichen Bildungsstätten Sinn. Aber auch die Arbeitsagenturen müssen ihre Berufsberater ständig weiterbilden – im Handwerk haben wir nicht nur 20 Ausbildungsberufe, sondern 130.
Interview: Christoph Ulrich